Für Verbraucher klang die Nachricht verlockend. Der Preis für einen Liter Milch im Einzelhandel könnte bald um bis zu zehn Cent sinken, meldete vor wenigen Tagen die "Lebensmittel Zeitung". Für Bauern wie Joachim Klindworth hört sich das wie eine Totenglocke an.

Klindworth ist Chef des Milchgutes Görlsdorf bei Luckau. 1300 Milchkühe sind das Herzstück des Betriebes. Etwa 25 Cent bekommt Klindworth zurzeit für jeden Liter Milch, den seine Kühe geben. Um seine Kosten zu decken, benötigt er etwa zehn Cent mehr, rechnet er vor: "Wir leben jetzt vom Geld der Bank."

Seit etwa einem Jahr zahlen die Bauern bei der Milcherzeugung drauf. Die Konsequenz der Situation sei, dass alles auf Verschleiß gefahren, nur das Nötigste repariert und erneuert werde, so Klindworth. Wann der Milchpreis wieder steigen wird, sei völlig ungewiss. "Einige Betriebe werden aufgeben", befürchtet er.

Erste Kühe abgeschafft

Im Elbe-Elster-Land ist das schon passiert. Die Agrargenossenschaft Schradenland hat 260 Milchkühe abgeschafft. Die Saxdorfer Agroland GmbH hat sich von 400 Tieren verabschiedet. Bei der Röderland GmbH in der Nähe von Bad Liebenwerda stehen die 440 Milchkühe noch im Stall, aber Geschäftsführer Manfred Stahr macht aus seiner Wut keinen Hehl: "Die Lage ist eine Katastrophe."

Etwa eine halbe Million Euro fehle dem Betrieb in diesem Jahr voraussichtlich durch den extrem niedrigen Milchpreis in der Kasse. "Ich kann mir hier langsam ausrechnen, wann Schluss ist", schimpft er. 30 Angestellte und ihre Familien hängen davon ab, wie es mit der Röderland GmbH weitergeht. Auch Manfred Stahr ist sicher, dass nicht alle Milcherzeuger in der Region diese Krise überleben werden: "Zwanzig bis dreißig Prozent des Milchviehs geht weg, und wer seine Kühe abschafft, der schafft sich nie wieder welche an", so seine Prognose.

Internationaler Markt

Vier große Handelsketten könnten den Markt so dominieren, sagt Stahr, dass sie die Preise bestimmen: "Das Ergebnis ist, dass Mineralwasser im Laden mehr kostet als Milch." Die Politik müsse da eingreifen, fordert der Landwirt.

Wer sich mit Vertretern des Bauernverbandes unterhält, bekommt schnell den Eindruck, dass das nicht so einfach ist.

Heiko Terno sitzt im Landesvorstand Brandenburg des Bauernverbandes und ist Produktionsleiter der Agrargenossenschaft Klein Radden (Oberspreewald-Lausitz).

Wer mit ihm über Ursachen der Milchkrise spricht, landet schnell in der weiten Welt: Der drastische Rückgang der Milchpulverexporte nach China, der russische Einfuhrstopp für EU-Lebensmittel als Antwort auf Sanktionen des Westens. "Wenn das politisch so gewollt ist, müssen die Bauern für die Verluste im Russland-Geschäft entschädigt werden", fordert Terno. Etwa fünf Cent pro Liter Milch mache das aus.

Hoffen auf Freiwilligkeit

Dem Gedanken, die Produktion zu drosseln, steht er skeptisch gegenüber: "Das geht nur mit Marktabschottung", wendet Terno ein. Wenn in Deutschland weniger produziert werde, kämen mehr Importe aus Nachbarländern.

Und einige Betriebe, die gerade investiert und dafür Kredite aufgenommen haben, seien darauf angewiesen, jeden Liter zu verkaufen, fast egal, zu welchem Preis. "Das ist eine ganz schwierige Situation", fasst er diesen Teufelskreis zusammen. Ein Existenzsicherungsprogramm müsse her für Not leidende Betriebe, fordert Brandenburgs Bauernverbandsvizepräsident.

Die Milchpreiskrise war auch Thema der Agrarministerkonferenz von Bund und Ländern im April. Ihr Fazit: Die Milchmenge muss reduziert werden. Dazu sollen Bauern und Molkereien freiwillige Verpflichtungen eingehen, so die Hoffnung der Minister.

Zusätzlich zu einem bestehenden Liquiditätsprogramm solle der Bund noch ein weiteres Hilfspaket aufsetzen, so die Forderung von Brandenburgs Agrarminister Jörg Vogelsänger (SPD). Damit könnte den Bauern ein Teil der Kosten für die landwirtschaftliche Unfallversicherung abgenommen werden und zeitlich befristet auch der Arbeitgeberanteil zur Sozialversicherung.

Der Ernst der Lage ist in der deutschen Politik angekommen. "Den Betrieben geht es an die Substanz. Wenn Milchprodukte weiterhin aus Deutschland und aus der Region kommen sollen, darf der Preiskampf nicht weitergehen", sagte der Landwirtschaftsminister vor wenigen Tagen vor Brandenburger Rinderzüchtern. Wenn es aber keine freiwillige Reduzierung der Mengen gebe, drohte er EU-weit befristete, entschädigungslose staatliche Eingriffe an.

Ronny Seiffert vom Beratungsunternehmen Kuhplan mit Sitz in Nossen berät Milchbauern in Brandenburg und Sachsen, wie sie ihr Unternehmen wirtschaftlicher führen können. Er glaubt, dass in einem Jahr der Milchpreis wieder kostendeckend sein wird. Bis dahin würden einige Unternehmen aber viel wirtschaftliche Substanz verlieren. "Wer mit 30 Cent pro Liter klarkommt, sollte durchhalten", so seine Empfehlung.

Kurzfristig, das sei ein Dilemma der Branche, hätten Milchbauern nur sehr kleine "Stellschrauben", um ihre Kosten zu reduzieren. Der größte Rechnungsposten sei das Futter, aber auch das werde ein halbes Jahr im Voraus geordert. Die Lieferanten erfahren jedoch erst zwei bis drei Wochen nach Monatsende, wie viel Geld sie für ihre gelieferte Milch bekommen. Das müsse sich ändern, so Seiffert: "Die Bauern brauchen langfristige Verträge von mindestens sechs Monaten mit den Molkereien, damit sie planen können."

Kalkulation mit Fixkosten

Brandenburg sei besonders hart von der Milchkrise betroffen, schätzt Seiffert ein. Einige Betriebe, so vermutet auch er, werden ihre Milcherzeugung abstoßen, um ihr Unternehmen insgesamt zu retten. Und weniger Milch erzeugen? Das sei auch eine Frage der Fixkosten, wendet der Berater ein. Erst wenn das Futter teurer sei als die Milch, die die Kuh gibt, dann lohne es sich, die Zahl der Tiere zu verringern.

Der Gedanke, insgesamt weniger Milch zu erzeugen sei global schon richtig, doch für den einzelnen Betrieb kann es genau die falsche Entscheidung sein, sagt Seiffert. Einige Bauern, vermutet er, werden jetzt vielleicht auf Bio-Milch umstellen, wo die Erzeuger noch etwa 40 Cent pro Liter bekommen. Die Umstellung dauere zwei Jahre. Dann wird, so Seiffert, auch dort der Milchpreis fallen, weil das Angebot die Nachfrage übersteigt. Noch ist es umgekehrt.

Zum Thema:
In Brandenburg werden zurzeit noch 162 000 Milchkühe (durchschnittlich 225 Tiere pro Betrieb) gehalten, in Sachsen sind es 193 000 (durchschnittlich 143 Tiere pro Betrieb).In Deutschland werden jährlich fast 32 Millionen Tonnen Milch produziert. Nach Wegfall der Milchquote im April 2015 stieg die Milcherzeugung um fünf Prozent. In europäischen Nachbarländern betrug der Zuwachs bis 15 Prozent. sim