Nach zwei Stunden Vortrag und Diskussion wird Rüdiger Sielaff mit kräftigem Beifall von den etwa 50 Versammelten in der Aula der Förderschule Forst verabschiedet. Selbstverständlich ist das nicht. Denn Sielaff ist seit acht Jahren Leiter der Außenstelle Frankfurt (Oder) der Stasiunterlagenbehörde (BStU). Eingeladen hatte ihn der Ortsverband Forst der Linken.

Es ist die erste Basisgruppe der Partei in der Region, die sich in einer öffentlichen Veranstaltung mit einem Stasifachmann auf ein Gespräch über die Rolle des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) und die Verantwortung der SED dafür einlässt.

Auslöser für den Abend war die kurz vor der Landratswahl in Spree-Neiße im Januar bekannt gewordene Stasiverstrickung des Linken-Kandidaten Diethelm Pagel. Der Parteichef der Linken in Cottbus/Spree-Neiße hatte von 1975 bis 1989 als „Gesellschaftlicher Mitarbeiter Sicherheit“ (GMS) inoffiziell mit der Stasi zusammengearbeitet. Der Kreisvorstand der Linken hatte ihm trotzdem das Vertrauen ausgesprochen.

Rüdiger Sielaff wurde deshalb im Laufe des Abends gerade nach den Dingen gefragt, die in Zusammenhang mit Pagel in der Region diskutiert wurden. Was ist ein GMS? Gab es Inoffizielle Mitarbeiter (IM) die nur „abgeschöpft“ wurden und davon nichts wussten? Wurden Spitzel erpresst? Kann ein IM-Vorgang auch ein offizieller Kontakt mit dem MfS gewesen sein? Welchen Wahrheitsgehalt haben denn Stasiakten?

Der Außenstellenleiter der BStU erläuterte mit vielen konkreten Beispielen Struktur und Methoden des DDR-Geheimdienstes, der sich innerhalb der DDR zum größten Teil mit Flucht- und Übersiedlungswilligen und vermeintlicher Opposition beschäftigte. „Die Bearbeitung von wirklicher Spionageabwehr lag im Promille-Bereich.“ Im Bezirk Halle, so Sielaff, habe sich beispielsweise bei der Kontrolle von fast zehn Millionen Postsendungen in vier Monaten nicht ein Spionagehinweis gefunden. Die absurde Schlussfolgerung des MfS, so Sielaff: „Wir müssen noch mehr kontrollieren.“

Ausführlich schildert Sielaff die engen gesetzlichen Vorgaben für Auskünfte, die seine Behörde erteilen darf. Dass sie Unterlagen nur herausgibt, wenn kein Zweifel an einer konspirativen und willentlichen Zusammenarbeit bestehe und dass sie nur auf Antrag tätig werden darf. Das könnten auch Anträge von Medien sein.



Damit wies Sielaff den von einem Zuhörer geäußerten Verdacht zurück, dass es kein Zufall sein könne, dass gerade zum Start der rot-roten Regierung in Brandenburg Stasiakten von Linken-Abgeordneten in die Öffentlichkeit kamen. Die Koalition habe ein großes Interesse bei Journalisten hervorgerufen. „Vor Olympischen Spielen kommen Anträge zu Sportlern und Trainern“, zog Sielaff einen Vergleich.

Keinen Zweifel ließ der Außenstellenchef der BStU an diesem Abend auch an der klaren Verantwortung der SED für das MfS. Den Geheimdienst als „Staat im Staate“ habe es nie gegeben. „Die Macht, die alles in Gang gesetzt hat, war die Partei, die SED.“ Als Beispiel legte er einen Auftrag der SED-Kreisleitung Forst an die Stasi vor, einen Genossen zu bespitzeln.

Offensichtlich konnte Sielaff jedoch an diesen Abend nicht jeden der Forster Genossen überzeugen. „Ich kenne eine Frau, die hat nur für eine Torte quittiert und kann jetzt wegen angeblicher Stasikontakte nicht bei der Bundeswehr sein“, versichert Horst Beier. Im Vorstand der Forster Linken hatte es kontroverse Diskussionen gegeben, ob es zu dieser Veranstaltung kommen soll oder nicht.

Für die Forster Linken-Chefin Anke Schwarzenberg ist klar, dass es nicht die letzte Diskussion zu diesem Thema bleiben wird. „Man muss auch nach 20 Jahren noch in dieser Wunde bohren, sonst tun es andere“, sagt sie. In der Aula der Forster Förderschule sitzt auch der Cottbuser Landtagsabgeordnete der Linken Jürgen Maresch. Für ihn war der Abend ein „Pilotprojekt“. Maresch will nun dafür werben, Sielaff auch zu den Cottbuser Linken einzuladen.