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Wenn jede Hilfe zu spät kommt

Feuerwehrleute stehen in Münchberg vor dem ausgebrannten Bus. Foto: Nicolas Armer
Feuerwehrleute stehen in Münchberg vor dem ausgebrannten Bus. Foto: Nicolas Armer
Münchberg. Über dem Ort des Schreckens kreisen an diesem späten Vormittag Hubschrauber. Hinter Trennwänden beginnen Feuerwehrleute mehrere Leichen zu bergen. Bestatter nähern sich mit ihren abgedunkelten Limousinen langsam dem Unfallort. Einige Rettungskräfte wenden sich ab, sie wollen nicht hinschauen. Sie haben gerade etwas erlebt, was sie nie erleben wollten – und dabei ihre Arbeit gemacht, Schwerverletzte vor Ort versorgt und in die Krankenhäuser gebracht. Von Claudia Sebert, Alexander Wunner und Joachim Dankbar, Frankenpost

Es ist die bisher größte Karambolage auf einer deutschen Autobahn. Es ist der 19. Oktober 1990, der Tag des Infernos in der Münchberger Senke.Nie wieder. Dachte man. Hoffte man. 27 Jahre später lehnt Martin Schödel an einer Leitplanke auf der A 9. Schödel ist Kommandant der Münchberger Feuerwehr. Ein erfahrener Mann. Schon 1990 war er dabei. Damals half er mit, 122 Verletzte zu bergen - und zehn Tote. Heute hat ihn der Funkwecker an seinem Arbeitsplatz alarmiert. Der Kommandant ist Ehrenamtler, wie alle 100 Feuerwehrler, die an diesem schrecklichen Montag auf der Autobahn im Einsatz sind. Sofort setzt er sich ins Auto und denkt bei sich: "Da hat es bestimmt wieder den Turbolader eines Lkws zerrissen."

Als Schödel an der Anschlussstelle Münchberg-Süd auf die Autobahn einfährt, ahnt er, dass es sich um mehr als um einen Routine-Einsatz handelt. Aus Richtung Süden steigen mächtige Rauchwolken in den Himmel auf. Gemeinsam mit ein paar Rettungskräften vom Roten Kreuz erreicht der Feuerwehr-Kommandant als Erster den Unglücksort. Den Ort eines Dramas. Hier, acht Kilometer südlich der berüchtigten Münchberger Senke, stehen nach einem scheinbar harmlosen Auffahrunfall ein Lastwagen und ein Reisebus in Flammen. "Es brannte lichterloh. Ich konnte nicht näher als 20 Meter an den Bus heran. Ein Schritt nach vorn - und es wurde zu heiß", sagt er später.

Das eigentliche Wunder ist, dass sich überhaupt Insassen aus diesem Inferno befreien können. 30 der 48 aus Sachsen und Brandenburg stammenden Insassen befinden sich schon im Freien, als die ersten Helfer eintreffen. Noch weiß niemand, wie sich die Passagiere, von denen die meisten Rentner sind, aus dem Bus retten konnten. Das Fahrzeug liegt schräg im Straßengraben - auf der rechten Seite, auf der sich die Ausgänge befinden. Auch im Freien ist wenig Platz, sich in Sicherheit zu bringen. Die Hitze ist so stark, dass ein paar Bäume an der Böschung der Autobahn niederbrennen. "Wenn wir da nicht auch gelöscht hätten, dann wäre vermutlich der ganze Wald abgefackelt", sagt Andreas Hentschel von der Feuerwehr.

Alle Überlebenden sind verletzt. Zwei von ihnen befinden sich in einem lebensbedrohlichen Zustand. Für sie läuft sofort eine gewaltige Rettungsaktion an. Binnen Minuten landen fünf Rettungshubschrauber auf der inzwischen abgesperrten A 9. Sie bringen die am schwersten verletzten Menschen in Spezialkliniken. Zehn Rettungswagen rasen zur Autobahn, acht Notärzte machen sich ein Bild von der Lage und beginnen mit der Erstversorgung.

In der Integrierten Leitstelle in Hof hat an diesem Morgen Markus Hannweber Dienst. Um 7.13 Uhr geht bei ihm der erste Notruf ein. Zehn Minuten später treffen die Helfer am Unfallort ein. Dass dies ein besonderer Einsatz wird, ist dem Leitstellenleiter sofort klar: "Ein Bus mit Insassen, das ist nie eine Bagatelle." Den Notfallplan muss Hannweber nicht aktivieren. Selbst bei Unfällen mit bis zu über hundert Verletzten handeln die Helfer nach ihrem Standard-Plan.

Über der Unfallstelle kreist später stundenlang ein Polizeihubschrauber. Die Besatzung sucht. Gibt es weiteren Insassen, die sie sich im Schock in angrenzende Felder und Wiesen geflüchtet haben ? Die Hoffnungen erfüllen sich nicht: Kein einziger hat sich noch retten können. Unter den 18 Toten ist der Fahrer des Reisebusses. Vor drei Jahren wurde er für langjähriges unfallfreies Fahren ausgezeichnet, erfährt man am Abend. Er wird als erstes Todesopfer identifiziert.
Um die Mittagstunde rollt eine dunkle Karavane über die A 9: Immer mehr Bestattungswagen fahren zur Unfallstelle und holen die Körper der Opfer ab. Es ist beklemmend - für alle da draußen. Inzwischen ist der Tag sonniger geworden; auf der Gegenspur rollt der Verkehr wieder. Viele sind auf dem Weg in den Urlaub, viele wagen mehr als einen Blick zur Seite.

Gegen 14 Uhr fliegen Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt und der bayerische Innenminister Joachim Herrmann ein. Sie beklagen, dass selbst bei diesem entsetzlichen Unglück die Helfer wieder von Schaulustigen und uneinsichtigen Autofahrern, die keine Rettungsgasse bildeten, behindert worden sind. Gerade in dem Augenblick, in dem Herrmann das Gaffertum verurteilt, bremst auf der Gegenfahrbahn ein schwarzer BMW mit Frankfurter Kennzeichen fast bis zur Schrittgeschwindigkeit ab. Von der Rückbank richtet eine Beifahrerin ein Teleobjektiv auf die Katastrophe auf der anderen Seite.

Vom Bus ist nichts als ein schwarzes Metallgerippe geblieben. Über der Autobahn liegt der schwere Geruch von Pechfackeln. "Alles, was brennen konnte, ist verbrannt", sagt Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt mit stockender Stimme. Was er damit meint: Von etlichen Opfern ist so gut wie nichts geblieben. Die Retter können elf Leichen bergen. Die anderen sind mit dem kokelnden Wrack buchstäblich verschmolzen. Helfer der Feuerwehr müssen ihre sterblichen Überreste zusammentragen.

Dobrindt und Herrmann sprechen leise in die Mikrofone. Ihnen ist es wichtig, die Arbeit der vielen Helfer zu würdigen. 100 Polizeibeamte sind vor Ort, dazu mehr als 150 ehrenamtliche Helfer von Feuerwehren, THW und Rotem Kreuz. Der Alarm hat sie aus der Familie oder vom Arbeitsplatz an den Schauplatz des Grauens beordert. Die Minister loben beherztes Eingreifen, Entschlossenheit und Tatkraft. Sie meinen Männer wie Thomas Klich, der den Einsatz für das Rote Kreuz organisiert hat. Dieser sei nicht zu vergleichen mit dem Einsatz vor 27 Jahren in der Senke, sagt Kilch. Damals habe es überhaupt kein Konzept gegeben. Mittlerweile seien Polizei und Rettungskräfte vorbereitet und lernen - so makaber es klingen mag - mit jeder Katastrophe dazu. "Wir wissen heute bis ins Detail, wer bei einem solchen Großeinsatz wie und wo hinlangt", sagt Klich.

Der Hofer Landrat Dr. Oliver Bär erscheint mit dunklem Anzug und schwarzer Krawatte. "Wenn man Münchberg und Autobahn hört, hat man natürlich sofort die Bilder von damals im Kopf", erinnert er an die Senke. Bär denkt an die Opfer, an die Angehörigen, aber auch an die Retter. Es sei wichtig, sagt er, dass sie gleich vor Ort psychologische Betreuung erfahren, denn: "Man kann sich vorstellen, welche Bilder man bei so einem Einsatz sieht. All das gilt es zu verarbeiten."
Horst Thiemt hat an diesem Tag eigentlich frei. Aber was heißt das schon bei einer Katastrophe derartigen Ausmaßes. Als Leiter der Verkehrspolizei Hof ist Thiemt ist für den betroffenen Abschnitt zuständig. Er ist ein ruhiger und analytisch denkender Mensch. Aber er ist außerdem auch Münchberger und deshalb einer, der mit der A 9 seit Jahrzehnten auch emotional verbunden ist. Der 51-Jährige war dabei, als der Freistaat Bayern nach dem Horror-Unfall 1990 mehr als 140 Millionen D-Mark in eine Brücke investierte, die Senke aus dem gefährlichen Nebelloch herausholte und die Autobahn auf sechs Spuren erweiterte. Er hat miterlebt, wie es 2003 trotzdem wieder zu zwei Massen-Karambolagen kam. Allein am 11. April verkeilen sich bei dichtem Schneetreiben 182 Fahrzeuge ineinander. Wieder gibt es 52 Verletzte.

Ein paar Wochen später stellt die Autobahndirektion Tempo-100-Schilder auf. Die Folgen sind massenhaft Strafzettel, Fahrverbote und erboste Autofahrer. Das wird erst besser als 2005 eine sogenannte Streckenbeeinflussungsanlage in Betrieb geht. Danach gehen die Unfallzahlen auf der A 9 im Raum Münchberg um etwa 40 Prozent zurück. "Doch trotz aller Maßnahmen und technischer Unterstützung", sagt Thiemt in einem Frankenpost-Interview im Oktober 2014, "kann man natürlich nichts ausschließen".

Weil Thiemt das weiß, reagiert er sofort, wenn ihm etwas nicht gefällt. Wie jetzt im Mai. Vor der Baustelle in Richtung Süden, die nur wenige hundert Meter nach dem gestrigen Unfallort beginnt, ist die Tempo-Regelung nicht klar strukturiert: Tempo 120 (bei schlechtem Wetter) in der Senke, danach für ein paar Hundert Meter freie Fahrt, dann wieder 120 vor der Baustelle. Thiemt lässt die Regelung ändern und verlängert die 120er-Zone um mehrere hundert Meter. "Mir war wichtig, dass die Autofahrer frühzeitig wissen, dass hier eine Baustelle und eine Verengung auf eine Fahrspur kommt." Und doch kracht es gestern genau hier.

Am frühen Abend ist die A 9 in Richtung Süden immer noch gesperrt. Immer mehr Menschen fragen sich, wie es soweit kommen konnte. Gerüchte machen die Runde. Sachverständige geben sich überzeugt, dass der Bus schon vor dem Unfall gebrannt haben muss. Stefan Luther ist der Sachverständiger vor Ort. Der Mitarbeiter der Dekra in Bayreuth wehrt alle Anfragen ab. Wie die Spezialisten der Kripo befindet er sich gerade auf Spurensuche. Und er macht klar: Es wird dauern, bis die Hinterbliebenen Antworten auf all ihre Fragen bekommen.