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Wenn ganze Lebensräume verloren gehen

Das Luftbild einer Drohne zeigt auf einem abgeernteten Feld in Sieversdorf (Landkreis Oder-Spree) eine "Sölle", eine Vertiefung im Feld, die von Büschen und Bäumen umgeben ist. Solche "Sölle" entstanden häufig als Folge von Eiszeiten im nordostdeutschen Raum. Als Biotope bilden sie ökologisch wertvolle Inseln in landwirtschaftlich stark genutzten Flächen.
Das Luftbild einer Drohne zeigt auf einem abgeernteten Feld in Sieversdorf (Landkreis Oder-Spree) eine "Sölle", eine Vertiefung im Feld, die von Büschen und Bäumen umgeben ist. Solche "Sölle" entstanden häufig als Folge von Eiszeiten im nordostdeutschen Raum. Als Biotope bilden sie ökologisch wertvolle Inseln in landwirtschaftlich stark genutzten Flächen. FOTO: dpa
Berlin. Biotope sind natürliche Lebensräume für Pflanzen und Tiere. In Deutschland gibt es davon 863 verschiedene Typen. Werner Kolhoff

Fast zwei Drittel von ihnen sind gefährdet, 13 sogar schon ausgestorben, wie die jüngste "Rote Liste" des Bundesamtes für Naturschutz zeigt. Nur alle zehn Jahre wird diese Übersicht erhoben. Die RUNDSCHAU hat die wichtigsten Fragen und Antworten zusammengefasst.

Welchen Landschaften geht es besonders schlecht?
Wiesen und Weiden, vor allem eher trockenen, nährstoffarmen Flächen wie Trockenrasen oder Halbtrockenrasen. 85 Prozent der Grünland-Biotope gelten als gefährdet, 14 von 52 Typen sogar als "akut von vollständiger Vernichtung bedroht". Die Folge der Entwicklung ist ein dramatischer Rückgang von Feldvögeln wie Feldlerche oder Kiebitz sowie von Insektenarten, der bereits beobachtet wird. Schlecht steht es auch um Streuobstwiesen und naturnahe Hochmoore sowie um alle Biotope, die mit Gletschern zu tun haben.

Was sind die Ursachen?
Neben der intensiven Landwirtschaft mit ihren Monokulturen vor allem der hohe Stickstoffausstoß. Just am Mittwoch verabschiedete das Bundeskabinett einen "Stickstoff-Bericht". Die Emissionen sanken demnach in Deutschland zwischen 1995 und 2010 zwar um etwa 40 Prozent. Allerdings genügt das nicht, um die Ziele der deutschen und europäischen Umweltpolitik zu erreichen. Die Hauptverursacher für Stickstoff-Emissionen seien Landwirtschaft (63 Prozent), Industrie und Energiewirtschaft (15 Prozent) sowie Verkehr (13 Prozent). Auch der ungehemmte Flächenverbrauch für Verkehr und Gebäude zerstört viele natürliche Lebensräume. In den Alpen spielt zudem der Klimawandel bereits eine Rolle.

Ist es auch etwas besser geworden?
Ja, in den Wäldern. Hier haben sich viele Biotope, darunter Waldränder und Auenwaldtypen stabilisiert, weil in den öffentlichen Wäldern darauf mehr Rücksicht genommen wird. Derzeit wird über Förderprogramme verhandelt, die den Naturschutz auch für private Wälder attraktiver machen sollen. Laub- und Nadelholzforste gelten als ungefährdete Biotop-Typen, ebenso Gebüsche an feuchten Standorten.

Wie steht es um die Gewässer?
Etwas verbessert hat sich die Lage an den Küsten. Auch vielen Fließgewässern geht es wegen diverser Renaturierungsprojekte wieder besser. Das soll mit dem neuen Programm "Blaues Band Deutschland" künftig noch erweitert werden. Es betrifft 2800 Kilometer Wasserstraßen im Nebennetz, die nicht mehr gebraucht werden. Seen und Tümpel allerdings leiden wie das Grünland unter dem hohen Stickstoffeintrag. Und die einzigen schon ausgestorbenen Biotope haben ebenfalls mit Wasser zu tun: Austernriffe in der Nordsee, die durch Überfischung verschwunden sind. 13 verschiedene Typen gab es davon. Jetzt wird versucht, die europäische Auster wieder zu züchten und dort auszusetzen. Austernriffe sind Biotope, die ähnlich wie Korallenriffe von Massen dieser Tiere gebildet werden; andere Tiere und Pflanzen siedeln sich dann dort an.

Welche Schlussfolgerungen gibt es?
Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) appellierte an die Agrarpolitik, "endlich ihre Verantwortung für den Naturschutz wahrzunehmen". Das Stickstoff-Problem sei "eines der größten Umweltprobleme unserer Zeit", sagte Hendricks. Man müsse dieses Problem ressortübergreifend angehen, "etwa im Verkehrsbereich mit mehr Elektroautos und in der Landwirtschaft mit einem umweltgerechten Düngemitteleinsatz".

Die Rote Liste unter: www.bfn.de