Heiko Wernecke kennt ihre Geschichten: Fast immer entwickelt sich die Gewalt schleichend im Laufe einer langjährigen Beziehung, es geht oft um Abhängigkeiten, um Psycho-Terror. Der Sozialpädagoge erinnert sich an einen bestimmten Fall. "Ein Mann musste essen, was auf den Tisch kam. Wenn er es nicht tat, hat ihm seine Ehefrau das Essen gewaltsam ins Gesicht gedrückt", erzählt Wernecke, der seit sechs Jahren in den Opferberatungsstellen in Senftenberg und Cottbus tätig ist.

Oft beginnt es damit, dass dominante Frauen ihrem psychisch labilen Partner indirekte Verbote aussprechen oder die gemeinsamen Lebensziele bestimmen. "Das kann sich hochschaukeln", weiß Wernecke. Männer werden so immer mehr von ihren Interessen ferngehalten und ihren Freunden abgegrenzt. "Bis irgendwann nur noch die Partnerin als soziale Kontaktperson da ist", so der Sozialpädagoge. Diese Situation könne dann von den Frauen ausgenutzt werden, und plötzlich haben sie die Oberhand über das Leben des Partners.

Dunkelziffer relativ hoch

In den vergangenen beiden Jahren meldeten sich zwei Männer bei Heiko Wernecke, um über solche Probleme zu sprechen. "Die Dunkelziffer ist bei solchen Sachen aber relativ hoch", schätzt der Pädagoge. Schließlich geht es gerade bei Männern um Ehrverletzung, Scham und Abhängigkeit. Und trotzdem: "Sehr viel mehr Männer bringen solche Vorfälle mittlerweile überhaupt zur Anzeige", sagt Wernecke.

Auch das Frauenhaus Cottbus berät männliche Opfer von Gewalttaten. Während es 2014 elf Beratungsgespräche gab, waren es 2015 schon 26. In diesem Jahr haben sich bisher sieben Männer gemeldet. "Diese Männer haben Gewalt jedoch nicht in erster Linie durch die Partnerin erlebt, sondern mitunter von Partnern, Söhnen, anderen männlichen Verwandten oder Freunden", betont Sabine Hiekel, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt.

In den wenigen Fällen, in denen Frauen gewalttätig wurden, handele es sich oft um psychische Gewalt. Auch Sabine Hiekel sagt, dass "die Problematik schwer zu greifen ist". Männer hätten Angst als "Weichei" zu gelten, wenn sie ihre Probleme äußerten. Aus Scham suchen sie keine Hilfe.

Angst vor Zukunft ist enorm

Wenn sie dann aber den Weg in eine Beratungsstelle gefunden haben, wird ihnen erst einmal in Ruhe zugehört. "Ohne Fragen zu stellen oder vorschnelle Empfehlungen zu geben", sagt Wernecke und "völlig ohne Wertung". Meistens kommen die Männer mehrmals in die Beratungsstelle. Dennoch schaffen nicht alle Opfer den Sprung in ein neues Leben. Dabei unterscheidet sich das Verhalten männlicher Opfer kaum von dem der weiblichen Betroffenen, weiß Wernecke. "In einem Fall stand ein Mann kurz vor dem Schritt, sich aus der Beziehung zu lösen", erzählt der Pädagoge. Wegen seiner Unsicherheit kam es jedoch nicht zur Trennung. "Die Opfer wissen nicht, was sie in der Zukunft erwartet. Die Angst vor dem Ungewissen ist der Klebstoff, der sie in der Beziehung hält", sagt Wernecke. Eine eigene Wohnung zu haben und sich selber zu versorgen, sei für sie unvorstellbar.

"Man darf jetzt auch nicht denken, dass die Opfer kleine, schmächtige Männer sind. Das hat etwas mit der Psyche zu tun, nicht mit dem Körperbau", betont Wernecke. Er und seine Kollegen können nur eine Hilfestellung bieten, "um diese extreme Unsicherheit berechenbarer zu machen".

In den letzten beiden Jahren wandten sich insgesamt etwa 40 Frauen und Männer an die Beratungsstellen in Senftenberg und Cottbus, weil sie häusliche Gewalt erlebten. Doch auch aus anderen Gründen suchen Männer den Berater auf. "Oftmals haben Männer Redebedarf, wenn in ihre Wohnung eingebrochen wurde", sagt der Sozialpädagoge. Hierbei gehe es um das Gefühl der Sicherheit in den eigenen vier Wänden. Männer haben an solchen Vorfällen meistens mehr zu knabbern als Frauen, denn "oft haben sie noch den Schutzauftrag gegenüber ihrer Frau oder der Familie im Blut. Den nicht erfüllt zu haben, belastet sie zusätzlich."

In Sachsen sollen jetzt wegen der stetig zunehmenden Fälle misshandelter Männer drei Männerschutzhäuser gebaut werden. Für Brandenburg ist soetwas nicht geplant. Auch die Gleichstellungsbeauftragte Sabine Hiekel erachtet ein solches Schutzhaus für Männer in Cottbus derzeit nicht für notwendig. "Generell aber", sagt sie, "sollte es für betroffene Männer ein finanziell vom Land Brandenburg und einer Kommune gefördertes Schutzhaus geben." Zwar gibt es ein Gewaltschutzhaus im brandenburgischen Ketzin an der Havel, in dem momentan sechs Männer untergebracht sind. Dies muss sich jedoch nach wie vor über Spenden finanzieren.

Zum Thema:
Hilfesuchende können sich an Opferberatungsstellen in Cottbus, Gerhardt-Hauptmann-Straße 15 (? 0355/ 7296052) und Senftenberg, Ernst-Thälmann-Straße 66 (? 03573/ 140334) wenden. Beratung bekommen Betroffene auch vom Frauenhaus Cottbus (? 0355/712150). In Ketzin/Havel gibt es ein Männerschutzhaus (? 033233/306950; info@gewaltschutzhaus.de).