Etwa eine Minute halten es die „Pirrlliepausen“ im eisigen Wasser aus – und das in bester Stimmung.Mild scheint die Wintersonne auf den Senftenberger See. Eisiger Ostwind fegt an diesem Samstagmorgen über die Schiffsanlegestelle Buchwalde. Das Thermometer zeigt minus zehn Grad. „Ein hässlicher Wind, schöne Sonne, warmes Wasser“ , sagt Frank Vogel und lässt das Eisbeil niedersausen. Bumm. Schlag auf Schlag kracht auf die Eisdecke. „Die ist sieben Zentimeter dick“ , erklärt Vogel und setzt die Säge an. Ritsch, ratsch. Vogels Arme sausen hin und her. Ritsch, ratsch.
Eine halbe Stunde müht er sich, bis ein zwei mal drei Meter großes Loch in der Eisdecke klafft. Für ihn ist das ein Aufwärmprogramm. „Dabei bin ich richtig ins Schwitzen gekommen“ , sagt der 42-Jährige.
Ein Stück weiter, am Ufer, gehen oder joggen sich derweil einige „Pirrlliepausen“ aus Senftenberg, Großräschen, Brieske, Schipkau und Annahütte warm. Nach und nach schlappt die Winterschimmer-Gruppe an den Rand des Eislochs. Einer nach dem anderen lässt seinen Bademantel fallen, gleitet geschwind splitternackt ins 0,5 Grad kalte Nass. Die 62-jährige Lehrerin Christl Schulz, Initiatorin der Gruppe, erklärt: „Auf einmal eintauchen ist das Beste.“

„Das ist Stressabbau pur“
Etwa eine Minute halten es die „Pirrlliepausen“ bei dieser klirrenden Kälte im Wasser aus. „Das ist Stressabbau pur“ , sagt Beate Kleemann. „Wir lassen unsere Sorgen im Wasser“ , bestätigt Christl Schulz. Und Frank Vogel ergänzt: „Das ist ein richtiger Adrena-linschub.“
Zweimal in der Woche holen sich die „Pirrlliepausen“ diesen Kick. Am Mittwoch, vier Tage später, liegt schon Dunkelheit über dem See. Es schneit leicht. Vogel hat das Loch wieder freigehackt und ausgesägt.
Torsten Zoch, mit 39 der Jüngste der Gruppe, ist der erste. Sein Atem dampft. Mit einem Ruck gleitet er ins Wasser, schnauft, prustet, bläst, jauchzt, wirbelt und rudert derart mit den Armen, dass Luftblasen aufsteigen. Mit „Juppah“ und „Juchee“ leistet ihm ein halbes Dutzend „Pirrlliepausen“ Gesellschaft.
Beim Gang zurück zur Umkleide quietschen Latschen. Eine Sektflasche macht die Runde. Einige verharren auf dem Eis, hüpfen, lassen die Arme kreisen. Nach fünf Minuten ist das Eisbaden beendet. Die Stille kehrt an den See zurück.
„Die ersten Minuten nach dem Bad sind die schlimmsten“ , erläutert Vogel hinterher. Er ist der designierte künftige Chef der 18-köpfigen Gruppe, die sich vor 15 Jahren gegründet hat und deren ältestes Mitglied bald 90 wird. „Dann kommt die Eigenerwärmung“ , fährt Vogel fort. „Das kribbelt noch Stunden später am ganzen Körper.“
Ein kleiner Gasofen in der Umkleide am Seerand verbreitet wohlige Wärme. Torsten Zoch zieht sich gerade um. Seine Haut hat die Farbe eines Hummers angenommen, den man in heißes Wasser geschmissen hat – ein Zeichen dafür, dass seine Durchblutung gut angeregt ist.
„Das ist gesund“ , sagt der Allgemeinmediziner Bernd Malak, der sich selbst wintertags in Cottbus in den Madlower Badesee stürzt. Malak gehört zu den etwa 25 „Polarfüchsen“ , die sich jeden Sonntag treffen. Einmal die Woche reicht Malak aber nicht. Deshalb steigt er jeden Morgen zusätzlich noch in seinen eigenen Gartenpool. „Das fördert die Immunabwehr, beugt Erkältungen vor“ , sagt Malak.
Schon die alten Germanen wussten um diese Wirkung. Ihre Neugeborenen badeten sie angeblich in kalten Fluten, um sie abzuhärten und ihnen Lebenskraft zu verleihen.
Bibel und Talmud erwähnen ähnliche Prozeduren, meist aber in Verbindung mit religiösen und kultischen Handlungen. Auch Karl der Große soll im Winter in freien Gewässern geschwommen sein. Und über Goethe wird berichtet, dass er das Eis der Ilm bei Weimar aufgehackt habe, um mit seinen Freunden schwimmen zu gehen.
Bis heute erfreuen sich die Kneippschen Abhärtungsmethoden großer Beliebtheit.
Durch Kneipp hat auch Siegfried Pommranz aus Falkenberg zum Winterschwimmen gefunden. Bei einer Kur trat er das sieben Grad kalte Wasser der Ostsee. Da bemerkte er eine Dame im Bikini, die sich einfach in die Wellen warf. „Am nächsten Tag habe ich jemanden gefunden, der mit mir zusammen dasselbe machen wollte“ , erzählt Pommranz. Das war vor 17 Jahren, das war der Anfang einer Leidenschaft, die ihn nicht mehr losgelassen hat.

Fast täglich zum See
Inzwischen radelt der 68-Jährige fast jeden Tag in der Früh zum Kiebitz-See. Meist ist er dort der einzige Winterschwimmer.
Am vergangenen Montag war ihm aber einer zuvorgekommen. In der acht, neun Zentimeter dicken Eisdecke gähnte schon ein ein mal ein Meter großes Loch.
Pommranz vergrößerte es auf zwei mal sechs Meter, „damit man da drin richtig schön plantschen kann“ . Mit einem Netz fischte er die scharfen Eissplitter ab, die beim Sägen ins Wasser gefallen waren, und drehte rücklings ein paar Runden in dem Eisbad. „Man muss sich viel bewegen, damit das Herz voll arbeitet“ , sagt Pommranz, der sich nach dem Eisbad mit Gymnastik in Form hält. Erkältungen„ Pommranz lacht.
„Was ist das““ , fragt er zurück und erzählt von seiner Ärztin: „Als ich der einmal empfahl, Verschnupften doch einfach das Eisbaden zu verschreiben, da kriegte ich zur Antwort: Da wären wir Ärzte ja bald arbeitslos.“