Frank*, ein Junge aus der Lausitz, fiel schon als Baby auf. Er war sehr unruhig, schrie viel. In der Kinderkrippe rannte er ständig umher, war aggressiv gegenüber anderen Kindern, machte viel kaputt. Im Kindergarten gab es keine Besserung. Er wurde wegen seines schlechten Verhaltens oft getadelt und von Aktivitäten ausgeschlossen. "Der Kinderarzt riet uns, ihn schnell einzuschulen", er sei vielleicht unterfordert, erinnert sich Beate Krüger*, die Mutter von Frank. Doch auch dort blieb ihr Sohn der auffällige Außenseiter, kam nicht mit. "Wir wussten nicht mehr, was wir mit ihm noch machen sollten", beschreibt sie ihre damalige Verzweiflung.
Die war um so größer, weil auch Thomas*, der drei Jahre jüngere Bruder von Frank, sich nicht wie andere Kinder entwickelte. Thomas schien das Gegenteil von Frank zu sein. Er war sehr ruhig, ein ängstliches, verträumtes Kind. Er traute sich nichts zu, spielte kaum mit anderen Kindern. In der Schule hatte er große Probleme beim Schreiben, Lesen und beim Verstehen eines Textes. Heute weiß Beate Krüger, dass ihre beiden Söhne an Hyperaktivität beziehungsweise einem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (AD(H)S) leiden. Inzwischen bekommen sie durch Ärzte, Lehrer und Schulsozialarbeiter die notwendige Hilfe und Unterstützung.
Schulsozialarbeiter in Cottbus organisierten im vorigen Jahr zwei Fachtagungen für Lehrer, Eltern, Erzieher und Mediziner aus der ganzen Region, die mit solchen Kindern zu tun haben. Die Resonanz war groß, weil Kenntnisse über diese Störungen noch nicht sehr verbreitet sind. 400 Teilnehmer kamen zum ersten Treffen, mehr als 200 zum zweiten. Anstoß dazu war für Karin Fischer, Schulsozialarbeiterin in der 11. Gesamtschule in Cottbus, die immer häufiger gestellte Frage von Eltern: Mein Kind läuft irgendwie anders als andere, ich brauche Hilfe.

Viele Vorwürfe

Viele Kinder, so beobachtet sie, lernen in der Grundschule mit Frust und ohne Erfolg, ohne dass jemand genau hinschaut, woran das liegt. Auch Beate Krüger erlebte mit ihren Söhnen viel Unverständnis. "Der muss nur lernen, der will nicht", solche und ähnliche Sprüche bekam sie von Lehrern zu hören. Auch in der eigenen Familie. Verwandte warfen ihr vor, dass sie ihre Kinder nicht richtig erzieht. Der Kontakt zu Verwandten brach nach und nach ab.
Weil die Symptome von AD(H)S sehr verschieden sind und Verhaltensauffälligkeiten auch andere Gründe haben können, ist die Abgrenzung schwer. Hagen Blumensath, Leiter der kommunalen Schulsozialarbeiter in Cottbus, warnt deshalb vor zu schnellen Diagnosen: Seit der Name AD(H)S da ist, wird jeder auffällige Schüler schnell da hineingesteckt. Soziale Ursachen wie Arbeitslosigkeit, Alkoholismus und psychische Probleme der Eltern, würden oft zu wenig beachtet. Auch die Schule müsse sich fragen, was sie dazu beitragen könne, Konzentration und Aufmerksamkeit der Schüler zu verbessern.
Auch die zuständigen Ministerien in Brandenburg und Sachsen haben die zunehmende Zahl von verhaltensauffälligen Schülern als Problem erkannt. Spezielle Weiterbildungen für Lehrer werden organisiert, Faltblätter und Broschüren zur Information herausgegeben. In Sachsen werden pro Jahr etwa 700 Schüler zur Aufnahme in Förderschulen für Erziehungshilfe angemeldet. Nur 300 davon werden nach Prüfung aufgenommen. Für Dieter Schwägerl, zuständiger Referatsleiter im sächsischen Kultusministerium, ein Zeichen dafür, dass normale Schulen solche problematischen Kinder gern loswerden wollen.
Einige der verhaltensauffälligen Kinder in der Region werden im Sozialpädiatrischen Zentrum (SPZ) am Cottbuser Carl-Thiem-Klinikum betreut. Da die nächstgelegenen ähnlichen Einrichtungen sich in Potsdam und Görlitz befinden, reicht das Einzugsgebiet über die gesamte Lausitz und das Elbe-Elster-Land bis nach Nordostsachsen hinein. Andrea Herpolsheimer ist Leiterin des Cottbuser Zentrums. "Die Zahl auffälliger Kinder insgesamt nimmt zu", so auch ihre Beobachtung. Sie sieht neben krankhaften Verhaltensstörungen auch veränderte Familiensituationen als mögliche Ursache für Verhaltensauffälligkeiten von Kindern. "Unruhe, Stress, häufig wechselnde Betreuungspersonen im Vorschulalter, alles das kann sich auswirken", sagt sie. Viele Eltern seien auch verunsichert durch eine Flut verschiedener, sich teilweise widersprechender Ratgeber zur Erziehung.

Beratung und Verhaltenstherapie

Am SPZ werden zurzeit etwa 150 bis 200 Kinder mit der Diagnose AD(H)S behandelt. Im Vordergrund ihrer Betreuung stehen Beratung der Familie und Verhaltenstherapie, aber auch die Behandlung mit Medikamenten wie Ritalin.
Diese Substanz soll einen Botenstoff im Gehirn erhöhen und damit die Konzentrationsfähigkeit verbessern. Das Medikament ist umstritten, auch weil die Menge der Verordnungen sich in Jahresschritten jeweils verdoppelt hat. Das Präparat ist erst seit zehn Jahren auf dem Markt. Kritiker warnen, dass Langzeitfolgen und Nebenwirkungen noch nicht ausreichend bekannt seien und oft zu schnell zur Pille gegriffen werde.
Zahlen, welche Ärzte wie viel Ritalin in der Lausitz verschreiben, gibt es nicht. "Ob zu unkritisch verschrieben wird, wissen wir nicht", sagt Andrea Herpolsheimer. "Für viele Kinder ist das Medikament jedoch zweifelsohne ein Gewinn." Eltern reagierten darauf sehr unterschiedlich. Manche wollten sofort das Medikament, andere hätten große Angst davor.
Kinderärzte und Kinderpsychiater drängen inzwischen darauf, dass nur besonders qualifizierte Mediziner dieses Medikament verschreiben dürfen und die Behandlung damit nach klaren fachlichen Leitlinien erfolgen soll.
Auch die Söhne von Beate Krüger bekommen inzwischen Ritalin. "Es hilft ihnen", sagt ihre Mutter. Auch ihr geht es inzwischen besser. Beate Krüger hat in Cottbus eine Selbsthilfegruppe für Eltern von Kindern mit Lernstörungen gegründet. Unter dem jahrelangen Druck mit den Problemen ihrer Söhne wäre die Ehe fast zerbrochen. "Mein Mann wollte sich trennen, mein ältester Sohn freiwillig ins Heim", erinnert sie sich, "damals habe ich mal auf dem Balkon gestanden und überlegt, ob ich springe."
Heute hört sie anderen verzweifelten Eltern zu, macht ihnen Mut und gibt ihnen das Gefühl, mit diesen Problemen nicht allein zu sein. *Namen geändert