Schwungvoll biegt Hans-Joachim Liersch mit dem grauen Kleinbus in die Dorfstraße von Goyatz (Dahme-Spreewald). An der Bushaltestelle hält er an, eine alte Frau steigt zu. Der 66-jährige Liersch ist ehrenamtlich unterwegs. Er ist einer von zehn Fahrern des Bürgerbusvereins Lieberose/Oberspreewald.

"Wir haben eine Spreewaldlinie und eine Linie, die durch die Lieberoser Heide führt", erläutert Liersch. Gefahren wird dreimal in der Woche mit einem achtsitzigen Kleinbus, immer dienstags, donnerstags und am Freitag. Möglichst dann, wenn die anderen Busse des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB) nicht fahren und auf wenig frequentierten Strecken. "Wir schließen die Lücken der regionalen Verkehrsgesellschaft", so Liersch. Der Ehrenamtliche fährt pro Tag bis zu 230 Kilometer, im Jahr kommen locker 50 000 zusammen. Warum Liersch sich engagiert? "Zum einen fahre ich gerne Bus, war früher als Kraftfahrer der Bundeswehr und Fahrer beim Verteidigungsministerium im Einsatz. Und zum anderen will ich wieder einer sinnvollen Beschäftigung nachgehen."

Dafür gibt es auch Lob aus Potsdam. "Die ehrenamtlichen Busfahrerinnen und -fahrer setzen sich seit Jahren selbstlos für ihre Mitbürger ein", betonte Staatskanzleichef Albrecht Gerber unlängst bei einer Veranstaltung in der Staatskanzlei. "Sie sorgen dafür, dass auch in dünn besiedelten Gebieten vor allem ältere Menschen schnell und bequem ihr Ziel erreichen." Damit werde auf die neuen demografischen Herausforderungen zumindest ansatzweise eingegangen. Hinzu komme ein gestärktes Zusammengehörigkeitsgefühl. Man komme unter Leute, rede mit seinen Nachbarn, halte soziale Bindungen am Leben.

"Bürgerbusse fördern den Zusammenhalt zwischen den Menschen", bringt es Heiko Jahn, Vorsitzender des 40 Mitglieder zählenden Bürgerbusvereins Lieberose/Oberspreewald und zugleich Sprecher aller vier Brandenburger Vereine, auf den Punkt. Das gemeinsame Motto der vier Vereine passt dazu: "Bürger fahren für Bürger". Die Vereine verstehen sich nicht als Konkurrenz zum öffentlichen Personennahverkehr, sondern als Ergänzung für Strecken, die für Verkehrsunternehmen unrentabel sind. Das sieht der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) genauso. "Wir schätzen das System als sinnvolles Zusatzangebot zu den eigenen Bussen, um auch die peripheren ländlichen Gebiete zu erreichen", bestätigt VBB-Pressesprecher Eike Arnold.

"Unsere Fahrzeiten richten wir nach den Sprechzeiten der Ärzte", sagt Rüdiger Ungewiß, Vorsitzender des Bürgerbusvereins Gransee (Oberhavel). Seine Busse sind wie bei allen Vereinen etwa zu 55 Prozent ausgelastet. Monatlich werden mehr als 1500 Personen befördert. Ältere Fahrgäste nutzen das Angebot für Fahrten zum Arzt, zum Einkaufen, aber auch, um soziale Kontakte aufrecht zu halten. Abgesenkte Eingangsbereiche in den Bussen sind speziell auf die ältere Klientel zugeschnitten. Grundsätzlich sind die Busse aber für jeden nutzbar.

Sonderfahrten wie etwa das Heimbringen von Diskobesuchern gebe es allerdings nicht. "Wir dürfen keine Konkurrenz zu Taxifahrern aufbauen", betont Busfahrer Hans-Joachim Liersch. Finanziert wurde "sein" rund 32 000 Euro teurer Bus des Vereins Lieberose/Oberspreewald vom brandenburgischen Verkehrsministerium.

Der Landkreis Dahme-Spreewald übernimmt die Kosten für den Treibstoff und die Reparaturen. Die Fahrpreise richten sich nach den Tarifen des Verkehrsverbundes und berechnen sich aus den durchfahrenen Flächen, Fahrgäste zahlen den gültigen Tarif der regionalen Verkehrsgesellschaft. Finanzierungslücken würden durch die jeweiligen Landkreise gedeckt. Ausgestattet sind die Busse wie ihre großen Brüder des Verkehrsverbundes. "Wir haben sogar automatische Fahrscheindrucker", schildert Liersch. Einen Kleinbus für acht Personen könne jeder fahren, der eine seit mindestens drei Jahren gültige Fahrerlaubnis und einen Personenbeförderungsschein besitzt, mindestens 21 Jahre alt ist und ein aktuelles polizeiliches Führungszeugnis nachweist. Bei Bussen mit mehr als acht Personen sei dann zusätzlich ein Busführerschein notwendig.

Das Prinzip der Bürgerbusse wird in Deutschland seit mittlerweile mehr als 20 Jahren erfolgreich umgesetzt. Vorreiter auf Bundesebene war Nordrhein-Westfalen, wo das Konzept erstmals in den 1980er-Jahren erprobt wurde, um Lücken im öffentlichen Personennahverkehr auszugleichen. Im Land Brandenburg startete 2005 Gransee mit einem ersten Bürgerbusverein. 2006 folgte der Verein Hoher Fläming in Bad Belzig (Potsdam-Mittelmark), ein Jahr später der Bürgerbus in Brieselang (Havelland). Im Juni 2010 ging es dann auch in Lieberose (Dahme-Spreewald) los.

Staatskanzleichef Gerber sieht in den Brandenburger Vereinen auch eine Vorbildwirkung für Sachsen. "Unser benachbartes Bundesland wäre ein potenzieller Nachnutzer zur Neugestaltung des demografischen Wandels", meint Gerber. Mit dem Bürgerbusverein "Lommatzscher Pflege" gibt es bisher nur einen sächsischen Verein. Im Juni 2008 gegründet, zählt der Verein heute 17 Mitglieder. "Sechs ehrenamtliche Fahrerinnen und Fahrer sind auf zwei Strecken in Käbschütztal und im Lommatzscher Raum unterwegs", berichtet die Vereinsvorsitzende Ute Schwäbe. In diesen Gebieten wäre es für die Verkehrsgesellschaft Meißen mbH nicht rentabel, eine Buslinie einzurichten und zu betreiben.

Bei aller möglichen Vorbildfunktion für Sachsen ist die Nachhaltigkeit des Projektes in Brandenburg allerdings noch nicht gesichert. "Unsere vier Bürgerbusvereine sind ein Pilotprojekt und kein Vergleich zu Nordrhein-Westfalen, wo die Vereine durchgängig vom Land gefördert werden", sagt Heiko Jahn.

Doch so ein System kann sich der Chef der Staatskanzlei dann doch nicht vorstellen. "Eine komplette Landesfinanzierung bei bisher nur vier Bussen lohnt sich in Brandenburg noch nicht", meint Albrecht Gerber. Zum Vergleich: In Nordrhein-Westfalen verkehren mehr als 100 Bürgerbusse, in Deutschland sind es rund 200.