Die Stimme des Regisseurs Kai Wessel hallt über den alten Bauernhof am Schlossbergfließ in Burg. "Alles auf Anfang", heißt es nun schon zum achten Mal. Soeben hat eine Wolke die optimale Lichteinstellung zerstört. Gemurmel von den anwesenden Schauspielern und Komparsen setzt ein und zerschneidet die heiße Luft. Warten, kurz entspannen, neue Konzentration sammeln.

Meine Rolle in dieser Szene: einer von zwölf Fährmännern an Land. Ich setze mein Rudel wieder in das dafür vorgesehene Loch im Boden. Aufgeregt rennen zwei Damen aus der Maske um mich herum und tupfen Schweiß von der Stirn. Wir Fährmänner stehen an einem Holzsteg inmitten der malerischen Kulisse des Hauwald-Hofes. Jeder hat ein Rudel in der Hand, die in der Luft gekreuzt werden.

Die größte Aufmerksamkeit gilt aber dem ankommenden Brautpaar, gespielt vom Schweizer Schauspieler Roland Wiesnekker und seiner deutschen Kollegin Christina Große. Der Bräutigam soll sich den Weg an den Männern vorbei "freikaufen", mit jedem einen Schnaps trinken, die Braut küssen und sie anschließend auf den Hof führen. Aufgeregt erwarte ich die Szene, zumal ich als einer der Ersten mit dem Hauptdarsteller anstoßen werde. "Glück und Segen" wünsche ich Gottfried, in einer Hand das schwere Rudel, in der anderen das mit Wasser gefüllte Glas. Totenstille.

Plötzlich brandet Jubel der von den anderen Komparsen gespielten Hochzeitsgäste auf, als sich die beiden Hauptakteure küssen. Ich nehme mein Rudel hoch und gebe den Weg für Gottfried frei. Kameras sind auf uns gerichtet. Ich versuche, sie nicht zu beachten. Ich denke an die Worte von Regieassistentin Johanna Zähle zurück, die bei der Einweisung der 70 Komparsen auf die oberste Regel beim Filmdreh hingewiesen hat: "Nie direkt in die Kamera schauen." Geredet werden dürfe am Set bei Proben- oder Drehbeginn auch nicht. Was ich aber als viel schwieriger empfinde: sich ständig zu merken, wo und mit wem ich in welcher Einstellung zuletzt gesessen oder gestanden habe, wenn es wieder eine der vielen Unterbrechungen gibt und alles in die Ausgangsstellung zurückversetzt wird. Nach rund zehn Durchläufen ist die Szene endlich im Kasten, der Hauptdarsteller betrunken, sein Nebenbuhler Johannes eifersüchtig, die Braut aber freudiger Stimmung.

Überhaupt ist die Atmosphäre am Set sehr lustig, alle wirken trotz der enormen Hitze entspannt, jeder duzt jeden. Während der Drehs heißt es aber: volle Konzentration auf die Inhalte, Akteure und ihre Handlungen. "Das Besondere bei diesem Krimiteil wird sein, dass der Täter bekannt ist, das Opfer aber gesucht wird", macht Komparsenchef Max Fenner neugierig. Dana Löffelholz von der Produktionsfirma aus Berlin gibt einen kleinen Einblick in die Story des Films, der unter dem Arbeitstitel "Aus heiterem Himmel" in diesen Tagen seinen Drehabschluss findet. "Ein Mann wird bei einem Unfall auf der Landstraße schwer verletzt. An seiner Kleidung haftet mehr als nur sein eigenes Blut." Die Ermittlungen ergeben, dass der Mann nicht nur Opfer, sondern auch Täter ist und eine schreckliche Tat begangen haben muss. Kommissar Krüger (Christian Redl) folgt den Spuren der Vergangenheit durch den Spreewald. "Dabei stößt er auf ein Familiendrama, in dem der Untergang des traditionellen Holzkahnbaus das anfängliche Familienglück in einen verheerenden Abgrund führt", so Löffelholz.

Inzwischen rauscht Kameramann Holly Fink mit seinen Assistenten, Tonmännern und Kollegen aus der Kostümabteilung an mir vorbei in eines der Häuser auf dem Bauernhof. Ein Innendreh steht an, wieder mit den Fährmännern. Dieses Mal sollen alle betrunken spielen und den Bräutigam ins Schlafzimmer auf das Bett werfen. Auch ich darf wieder ran. Mit großem Getöse stoßen Johannes und ich den Ehemann in das Zimmer auf das Bett, danach sinke ich "volltrunken" in einen Sessel. Plötzlich betreten kreischende Damen den Raum, schmeißen einen Teller auf den Boden und brüllen etwas von "viele Scherben, viele Erben".

Die lustigste Szene des gesamten Drehtages nimmt eine Wendung, als einem der Fährmänner aus Versehen ein Zahnstück herausgeschlagen wird. Der Komparsenkollege wird ins Krankenhaus gebracht, inzwischen ist er aber wieder auf dem Weg der Besserung. Pause hätten wir sowieso machen müssen, da der Lattenrost vom Bett zusammengebrochen ist. "Wir machen uns wieder drehbereit", ruft Kai Wessel. Die Szene wird trotz der Zwischenfälle zügig abgeschlossen, alle Akteure haben sichtlich Spaß in ihren jeweiligen Rollen.

Die gute Stimmung wandelt sich zum Abend komplett. Eine Trauerfeier steht an, bei der ich in angemessener Kleidung mit am Tisch sitze. "Müssen wir noch mal drehen", sagt einer der Tonmänner nach der Probe und zeigt nach oben. "Ein Flieger." Ich stelle mir inzwischen die Frage, wieso die Tafelrunde nicht komplett ausgeleuchtet wird, denn auf dem Hof ist es bereits dunkel geworden. "Die Kameras sind so gut, dass sie selbst bei Dunkelheit noch schärfere Bilder als unsere Augen liefern", erzählt mir Schauspieler Godehard Giese, der im Film Johannes spielt. Gottfrieds Schwiegermutter erlebt in der Szene ihren Paradeauftritt. Mit markanter Stimme führt sie einen Eklat herbei, diskriminiert ihren Schwiegersohn vor versammelter Runde, bis dieser die Tafel verlässt. Zurück bleibt betretenes Schweigen.

"Wenn wir am Ende eines solchen zehnstündigen Drehtages drei bis vier Minuten im Film herausbekommen, sind wir gut", sagt Regisseur Kai Wessel abschließend. Insgesamt hat das ZDF-Team 28 Tage gedreht, vier in Berlin und die meiste Zeit im Spreewald. Der 90-minütige Krimi wird im kommenden Jahr ausgestrahlt.