Usman M. ist ein zierlicher junger Mann. Vor einem Jahr hatte er sich in Pakistan auf den Weg nach Westen gemacht. Anfang Mai 2013 nahm ihn die Bundespolizei fest. Seitdem sitzt der 27-Jährige in der Abschiebehaftanstalt in Eisenhüttenstadt.

Die befindet sich in einem unscheinbaren einstöckigen weißen Bau am Rande der zentralen Erstaufnahmestelle für Asylbewerber im Land Brandenburg. Das Haus würde kaum auffallen, wären da nicht die Gitter vor den Fenstern und der hohe Metallzaun mit zwei übereinander liegenden Rollen Stacheldraht an der Oberkante.

In einem kleinen, kahlen Besucherzimmer sitzt Usman M. an diesem Vormittag der Anwältin Berenice Böhlo aus Berlin gegenüber, die einen Kollegen vertritt. Sie erklärt ihm die nächsten juristischen Schritte, um seine Abschiebung nach Ungarn zu verhindern. Usmans Blick wandert unsicher zwischen Anwältin und Dolmetscher hin und her. Er ist schwach. Seit Tagen befindet er sich im Hungerstreik.

An einem Junimorgen saß Usman M. schon mal in einem Flugzeug von Berlin-Tegel nach Budapest. Ein in Berlin lebender Kanadier, der von der Abschiebung erfahren hatte, kaufte sich ein Ticket für die Maschine. Als das Flugzeug zum Start rollte, stellte er sich mit einer Protestlosung in der Hand in den Gang. Das Flugzeug startete ohne ihn und den pakistanischen Flüchtling. Usman M. kam zurück nach Eisenhüttenstadt.

21 Flüchtlinge befinden sich zurzeit dort im Abschiebegewahrsam, der über 100 Plätze verfügt. Bis auf einen sollen alle Inhaftierten in andere europäische Länder abgeschoben werden, weil sie dort schon einen Asylantrag gestellt haben oder anderweitig polizeilich registriert wurden. Grundlage dafür ist die "Dublin-Verordnung" der Europäischen Union.

Danach soll, wer die EU betritt, nur in dem Land der Gemeinschaft Asyl suchen können, in dem er ankommt. Dass es jedoch ein großes Gefälle im Umgang mit Flüchtlingen in der EU gibt, weiß auch die Bundesregierung. "Die großen Unterschiede, die bei der Aufnahme von Schutzsuchenden und den Standards in der Praxis bestehen, müssen konsequent abgebaut werden", sagte Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) erst vor wenigen Wochen.

Usman M. schildert, was dieser Unterschied praktisch bedeutet. Er betrat in Griechenland EU-Boden. Die Behörde, bei der er dort einen Asylantrag hätte stellen können, sei nur einen Tag in der Woche geöffnet gewesen. "Da standen schon in der Nacht 2000 Menschen vor der Tür", sagt der Flüchtling. Eingelassen worden seien dann vielleicht 20 Wartende.

Usman gehörte nicht dazu. "Ich habe auf der Straße geschlafen, da gab es auch rassistische Angriffe und ich hatte oft Hunger", erzählt er. Nach einigen Wochen stand für ihn fest: "Ich musste aus Griechenland weg, es gab für mich dort keine Hoffnung."

Schon im Mai, als er von der Bundespolizei festgenommen wurde, habe der Pakistaner gesagt, dass er in Deutschland Schutz suche, so Anwältin Berenice Böhlo. "Das ist aber nicht als Asylantrag bearbeitet worden." Erst als Usman M. durch Vermittlung der Kirche anwaltlich vertreten war, konnte er in der Abschiebehaft einen Asylantrag stellen.

Zehn Tage später lag die Ablehnung vor. Er soll nach Ungarn zurück, wo er sich auf dem Weg von Griechenland nach Deutschland in einem Flüchtlingslager aufhielt. Hätte er bei seiner Flucht nicht in Ungarn noch mal Station gemacht, dürfte er vorerst in Deutschland bleiben. Denn nach Griechenland wird zurzeit nicht mehr abgeschoben, nach Ungarn schon.

Seine Anwältin hofft nun, dass das Verwaltungsgericht in Frankfurt (Oder) entscheidet, dass Usman M. nicht nach Ungarn gebracht werden darf. "Es gibt die Möglichkeit, im Einzelfall von solchen Abschiebungen abzusehen", sagt sie. Bei ihrem Mandanten sei inzwischen eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert worden.

Die Zahl der Abschiebungen in andere EU-Länder könnte in den nächsten Monaten steigen. Denn in ganz Deutschland wächst die Zahl der ankommenden Flüchtlinge. Die meisten von ihnen stammen aus ehemaligen Sowjetrepubliken, vor allem aus dem Kaukasus.

Der Fluchtweg von dort führt fast immer über das EU-Land Polen, so wie bei Gigi G., einem 21-jährigen Georgier, der seit zwei Wochen in Eisenhüttenstadt hinter Gittern sitzt. Bundespolizisten hatten ihn auf einem Rastplatz an der Autobahn von Frankfurt (Oder) nach Berlin festgenommen. Beim Datenabgleich fanden sie einen Asylantrag, den der Georgier einen Tag vorher in Polen gestellt hatte. Dorthin soll er abgeschoben werden.

In der Abschiebehaft hat Gigi G. sich die Haut aufgeritzt. Viele Narben bedecken seine Arme. Einen Tag lang war er im Krankenhaus in der Psychiatrie. Jetzt bekommt er Medikamente gegen Schizophrenie. Wegen dieser Behandlung hat er den Hungerstreik abgebrochen.

Wie verzweifelt Abschiebehäftlinge oft sind, zeigt der Fall eines Flüchtlings aus dem Tschad. Er erhängte sich im Mai in Eisenhüttenstadt. Dabei schneidet Brandenburg im Vergleich mit anderen Bundesländern in Sachen Abschiebehaft nicht schlecht ab. Hier gibt es wenigstens eine separate Unterbringung. In Sachsen werden Abschiebehäftlinge in Justizvollzugsanstalten gesperrt und unterliegen den dort viel strengeren Regeln und Vorschriften.

Vor dem Zaun der zentralen Flüchtlingsaufnahme in Eisenhüttenstadt haben seit einigen Tagen Demonstranten Zelte aufgeschlagen. Sie wollen den Hungerstreik in der Abschiebehaft unterstützen. Dirk Stegemann gehört zu dieser Initiative. "Wir fordern eine andere Unterbringung der Flüchtlinge und eine Einzelfallprüfung bei Einreisen über andere EU-Länder."

Dass es sich lohnt, auch bei der Einreise über ein anderes EU-Land um ein Asylverfahren in Deutschland zu kämpfen, zeigt das Beispiel eines Ehepaares aus Georgien. Sie wurden im Juli 2012 in Frankfurt (Oder) festgenommen. Auch sie hatten in Polen Asyl beantragt. Seit Oktober 2012 leben sie nach Auskunft ihres Anwaltes in Bayern und warten auf die Entscheidung ihres Asylverfahrens.

Usman M., der hungerstreikende Pakistaner aus der Abschiebehaft Eisenhüttenstadt, wurde am Donnerstag ins Krankenhaus eingeliefert. Am Vortag hatte das örtliche Amtsgericht seine Haftanordnung bis zum Monatsende verlängert.