Um 2.45 Uhr klingelt am Montag der Wecker. Die Nacht war kurz, der Schlaf unruhig. „Mir ist etwas schlecht“ , sagt die Schülerin. Ein gemütliches Frühstück bei leiser Musik lindert die erste Aufregung. Ihre beste Freundin Nicole Pietsch begleitet die Gymnasiastin zum Casting und lenkt sie ein wenig ab.
Kurz nach sieben Uhr erreichen sie das Hotel Westin Bellevue in Dresden. Die Schlange vor dem Eingang ist lang. Rund einhundert Kandidaten warten bereits auf den Einlass, wollen unbedingt pünktlich sein. Der Wind ist eisig und die Luft bitterkalt. Um 7.30 Uhr betreten die ersten das Hotel. Kurz nach acht Uhr dürfen auch Jasmine und Nicole in die Lobby. Die Casting-Teilnehmerin muss erst einmal jede Menge Papierkram erledigen, fünf Blätter mit persönlichen Daten ausfüllen. Dann erhält sie einen großen Aufkleber mit ihrer Bewerbungsnummer 8567.

Warten auf den Auftritt
Die Schülerin wird in den Kongresssaal geführt, in dem sich bereits einige Mädchen und Jungen für ihren Auftritt einsingen. Jasmine setzt sich auf einen Stuhl, plaudert ganz entspannt mit ihrer Freundin. „Im Moment bin ich nicht aufgeregt“ , sagt sie. „Mir geht es ohnehin nicht ums Gewinnen, ich möchte nur wissen, wie gut ich bin.“ Singen ist ihr Hobby. Vor drei Jahren hatte die Gymnasiastin bei einem Musik-Wettbewerb in der Schule den dritten Platz belegt. Auch in einer Band war sie bereits als Frontfrau aktiv. Doch vor Kameras hat Jasmine noch nie gesungen.
Es ist 9 Uhr. Die Sonne scheint in den Saal, in dem es inzwischen keinen freien Sitzplatz mehr gibt. Ein RTL-Mitarbeiter holt die ersten Kandidaten ab. Immer fünf Mädchen und Jungen werden aufgerufen, die sich dann auf den Weg zum Probenraum begeben. Jasmine ist gelassen. „Ganz locker bleiben“ , flüstert ihre Freundin ihr ins Ohr.
Die ersten Kandidaten sind vom Vorsingen zurück und werden von den anderen Teilnehmern ausgefragt. Dann ist Jasmine an der Reihe. Sie holt noch einmal tief Luft und steht langsam auf. Ihre Freundin Nicole kann sie nun nicht mehr unterstützen. Die Schüler werden zu einem kleinen Flur geführt, hier muss die 16-Jährige auf ihren Auftritt warten. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. „Konzentriert und locker bleiben“ , macht sich Jasmine Mut. Doch ihre Hände zittern und das Herz rast. Dann kommt der große Moment. Sie betritt den kleinen, mit Kameras und Lampen ausgestatteten Raum. „Entspann dich und sing irgendein Lied“ , sagt ein RTL-Mitarbeiter mit ruhiger Stimme. Jasmine holt tief Luft und beginnt mit einem Lied von Roxette. „It must have been love“ ist ihr Lieblingssong des schwedisches Popduos. Hunderte Male hat sie ihn geübt, doch dann stockt die 16-Jährige. Der Text ist plötzlich weg. „Nicht so schlimm, fang einfach von vorne an“ , macht ihr der Tontechniker Mut. Jasmine atmet noch einmal durch und beginnt erneut. Diesmal klappt alles super. Sie singt das romantische Lied fehlerfrei. Ihre weiche und melodische Stimme kommt gut zur Geltung. Auch der zweite Song „Time after Time“ von Cindy Lauper klappt wunderbar.
„Endlich geschafft“ , strahlt die Weißwasseranerin, die ihrer Freundin um den Hals fällt. Die meisten der rund 200 Kandidaten müssen ihr Talent noch unter Beweis stellen. Jasmine ist erleichtert, die Anspannung verflogen. „Ich glaube nicht, dass ich weiterkomme“ , schätzt sie ihre Chancen ein. „Aber das war auch nie mein großer Wunsch, das Abitur im nächsten Jahr ist viel wichtiger.“

Spannung vor dem Ergebnis
Nach zweieinhalb Stunden hat das Warten ein Ende. Die Spannung unter den 200 Teilnehmern ist riesig, die meisten Kandidaten rücken mit ihren Freunden ganz eng zusammen. Auch Jasmine und Nicole stehen dicht beieinander. Dann liest der RTL-Mitarbeiter drei Namen vor - Jasmine ist nicht dabei. Fragend schauen sich die Mädchen und Jungen an. Nur drei Kandidaten haben den Sprung in die nächste Runde geschafft? „So wenig, das finde ich unfair“ , sagt die 16-Jährige. „Ich bin enttäuscht. Aber nicht, weil ich nicht ausgewählt wurde, sondern weil ich keine Einschätzung und keine Beurteilung bekommen habe.“ Das war schließlich ihre größte Motivation gewesen. Ein fachkundiges Urteil über ihre Gesangsqualitäten wollte sie haben.
Dass bei Jasmines Durchgang nur drei Teilnehmer den Sprung in die nächste Runde schafften, sei in der Tat sehr wenig, sagt RTL-Pressesprecherin Anke Eickmeyer. „Wir haben dabei keine Einschränkungen, es entscheidet allein die Qualität“ , ergänzt sie. Deutschlandweit hätten sich rund 25 000 Kandidaten im Alter von 16 bis 30 Jahren für den Wettbewerb angemeldet, weshalb eine Vorauswahl getroffen werden musste.
Wer den ersten Sprung geschafft hat, darf heute in Dresden vor die prominente Jury um Dieter Bohlen und Heinz Henn treten. Jasmine hätte gern ihr Können bewiesen. „Traurig bin ich aber nicht. Ich habe es versucht, das war mir wichtig.“