„Was die Sozialämter bei
Sozialbestattungen von uns Bestattern verlangen, ist schlimmer als
Müllentsorgung. Für sie ist der
Tote kein Mensch mehr, der ein
würdiges Begräbnis verdient hat.“
 Eine Bestatterin im Spree-Neiße-Kreis


Die Sonne scheint über dem Friedhof von Spremberg, doch am Horizont türmen sich dunkle Wolken auf. Eine kleine Gruppe Menschen, ganz in schwarz gekleidet, steht vor einem ausgehobenen Grab. Keine Blumen zieren den schlichten braunen Holzsarg. Kein Redner steht an der letzten Ruhestätte des Toten, um noch einige ergreifende Sätze zu formulieren. Keine Musik macht den letzten Weg erträglicher. Ohne große Umschweife wird der Sarg in die Erde hinabgelassen. Dann bleiben den Angehörigen einige Minuten, um Abschied zu nehmen, bevor das Loch mit feuchter Erde aufgefüllt wird.
„Was die Sozialämter bei Sozialbestattungen von uns Bestattern verlangen, ist schlimmer als Müllentsorgung. Für sie ist der Tote kein Mensch mehr, der ein würdiges Begräbnis verdient hat“ , empört sich eine Be statterin aus dem Landkreis Spree-Neiße gegenüber der RUNDSCHAU und bestätigt die beschriebene Szene. Aus persönlichen Gründen will sie nicht namentlich genannt werden. „Ich warte in drei Fällen noch auf mein Geld“ , sagt sie. Zum Teil habe das Sozialamt die Kosten schon beglichen. „Den Rest weigern sie sich zu zahlen, dabei sind alle drei Betroffenen Hartz-IV-Empfänger, die meine Rechnung nicht bezahlen können“ , ergänzt sie. Bis zu zwei Jahre wartet sie auf ihr Geld, dann muss sie ein Gerichtsverfahren einleiten gegen die Schuldner, die nur ihre monatliche Stütze hätten. Die erforderlichen Kosten einer Bestattung werden nämlich nur dann durch das Kreissozialamt übernommen, wenn den dazu verpflichteten Angehörigen nicht zugemutet werden kann, die Bestattung zu zahlen. So lautet sinngemäß der Paragraf 74 des Sozialgesetzbuches XII, der die Kostenübernahme durch den sozialen Träger regelt. Hat ein Verstorbener keine Angehörigen, ist das Ordnungsamt des Sterbeortes für die Bestattung zuständig. Diese erfolge per „Anonymbestattung“ mit Einäscherung und Beisetzung auf der grünen Wiese, wie Egbert Feuerriegel vom Ordnungsamt Weißwasser erklärt. Rund 800 Euro zahlt das Sozialamt Spree-Neiße mit Sitz in Forst, wenn der Paragraf 74 eintritt. Nach Angaben von Ina Müller, Teamleiterin im Sachgebiet Soziale Dienste und Hilfen, werden damit Sarg, Innenausstattung, Bestattungskleid, Deckengarnitur und das Zurechtmachen des Toten finanziert. „Dazu kann noch die Friedhofsgebühr in Höhe von etwa 250 Euro und die Krematoriumsgebühr von ungefähr 174 Euro extra erstattet werden“ , erläutert Müller. Musik, Redner oder eine Zeitungsanzeige wird in der Kreisverwaltung nicht für nötig gehalten. „Eine schöne Rede kann die Familie auch selbst halten“ , sagt die Sachgebietsleiterin für Soziale Dienste und Hilfen, Brigitte Grothe. „Bei unserer finanziellen Obergrenze ist durchaus eine würdevolle Bestattung möglich“ , fügt sie hinzu.
Dem Empfinden der Bestatterin nach, müssten es mindestens 1200 Euro sein, die vom Sozialamt veranschlagt werden müssen. „Da sind die Krematoriumsgebühren eingerechnet sowie eine Zeitungsanzeige, Blumen, drei Sterbeurkunden und die Arztrechnung für das Ausstellen des Totenscheins“ , erklärt sie.
In Cottbus ist für eine angemessene Leistung des Bestatters eine Beihilfe von 873 Euro vorgesehen. Darin enthalten sind, wie Maren Dieckmann, Fachbereichsleiterin Soziales, mitteilt, ein Sarg mit Ausstattung, Desinfektion und Transport der Leiche sowie die Aufbewahrung in einer Kühlzelle. „Das Geld für Musik oder einen Redner muss auch aus der Pauschale finanziert werden“ , so Dieckmanns Mitarbeiterin Sandra Ziller. Zusätzlich könnten die Übernahme der Kosten für Krematorium, Leichenhalle, Grabstein mit Inschrift, Überführung und ärztliche Leichenschau beantragt werden. In den rapide ansteigenden Fallzahlen sieht Sandra Ziller die Folge davon, dass sich die Sozialgesetzgebung seit 2005 verändert hat. „Durch Hartz IV gibt es weniger Geld“ , begründet sie ihr Empfinden. Außerdem sei das Sterbegeld weggefallen.
In Sachsen sieht es nicht viel anders aus: Immer häufiger müssen Kreise und Kommunen beim Begräbnis in die Bresche springen. Im Niederschlesischen Oberlausitzkreis sind 2006 fast doppelt so viele Menschen auf Kosten des Sozialamtes beerdigt oder eingeäschert worden wie noch vor zwei Jahren. „Immer mehr Leute können sich die Bestattung ihrer Angehörigen nicht mehr leisten und suchen beim Sozialamt Hilfe“ , berichtet Werner Billing, Obermeister der Bestatterinnung von Sachsen. Doch die Ämter würden sich um ihre Verantwortung drücken. „Sozialbestattungen werden in jedem Landkreis anders gehandhabt“ , schildert er die Situation, „und das nicht nur in Sachsen“ . Zusätzlich versuchten die Verwaltungen so wenig wie möglich, am besten gar nicht zu zahlen.
Die Leidtragenden sind am Ende die Angehörigen wie auch die Bestatter. Die einen haben nicht nur einen Verwandten verloren, sondern stehen mit Schulden da und die Bestattungsinstitute warten vergeblich auf ihr Geld, wenn die Kreis-Sozialämter nicht zahlen. Auch weil viele Angehörige erst die Bestattung arrangieren und dann mit der Rechnung zum Amt gehen, ohne zu wissen, was dort an Kosten übernommen wird.
„Wir versuchen schon Entgegenkommen zu zeigen, wenn abzusehen ist, dass die Angehörigen nicht viel Geld haben“ , berichtet Regina Kaiser, Angestellte bei Bestattungen Johannes Kaiser in Weißwasser. So würde Ratenzahlung angeboten oder versucht, die Verwandten zu überzeugen, dass ein billiger Sarg genüge.
Wolfram Scheider vom Bestattungsinstitut Scheider in Cottbus schickt seine Kunden, wenn sie Hartz -IV-Empfänger sind, zuerst zum Sozialamt, „damit sie klären, welches Budget ihnen zur Verfügung steht“ . Denn er wisse nicht, was an Kosten übernommen werde.
Doch nicht immer sehen Sozialbestattungen trostlos aus, denn die evangelische und die katholische Kirche machen keinen Unterschied zwischen arm und reich. „Jedes Gemeindemitglied hat das Anrecht auf eine kirchliche Bestattung. Die Dienste der Kirche werden den Angehörigen auch nicht extra in Rechnung gestellt, das gehört zu unserer Arbeit“ , erklärt Pfarrer Olaf Beier von der Evangelischen Paul-Gerhardt-Kirchengemeinde in Lübben. Eine Sozialbestattung laufe daher genauso ab wie jede andere. „Deswegen kann ich auch gar nicht sagen, ob und wie oft es bei uns in der Gemeinde schon Sozialbestattungen gegeben hat“ , ergänzt er. Es gebe eben pompöse Begräbnisse und weniger pompöse, einen Unterschied mache er da nicht.
Seine Kollegen Michael Oelmann, Pfarrer in den Evangelischen Kirchengemeinden Lübbenau, und Propst Thomas Besch von der Propsteikirche St. Maria Friedenskönigin in Cottbus stimmen ihm zu: „Auch Sozialbestattungen folgen ganz normal dem kirchlichen Ritus und werden nicht anders gehandhabt als andere auch.“

Zum Thema Die Zahlen aus der Region
Niederschlesischer Oberlausitz-kreis: Im Jahr 2005 wurden 18 Anträge bewilligt, 2006 waren es 33.
Landkreis Oberspreewald-Lausitz: 19 Bewilligungen 2005, 18 im Jahr 2006. Offen sind noch zwölf Anträge aus dem Jahr 2006.
Landkreis Dahme-Spreewald: Im Jahr 2005 wurden 20 Leistungsbewillingungen ausgestellt. Im darauffolgenden Jahr waren es 41 bewilligte Anträge.
Landkreis Spree-Neiße: 28 Anträge wurden 2005 bewilligt, 35 waren es 2006. Offen sind noch 26.
Cottbus: Im Jahr 2005 erfolgten 21 Bewilligungen, 2006 waren es insgesamt 42.