Dass Daheimgebliebene bei der bevorstehenden "Sofi" nur in der zweiten Reihe sitzen, hat natürlich astronomische Gründe. Bei einer Sonnenfinsternis schiebt sich der Neumond von der Erde aus gesehen vor die Sonne. Dabei wirft er einen Schatten auf bestimmte Regionen der Erdoberfläche - mit der Folge, dass sich in diesen Gebieten der Himmel verdunkelt, und zwar mal mehr und mal weniger. Denn der Erdtrabant kann die Sonne entweder partiell, also teilweise, oder aber auch komplett verdecken - je nachdem, wo auf der Erdkugel die Finsternis beobachtet wird.
Partielle Sonnenfinsternisse sind durchaus nichts Ungewöhnliches. Zuletzt war ein solches Himmelsereignis gerade mal vor sechs Monaten über Deutschland zu beobachten. Zu einer totalen Verfinsterung der Sonne kommt es dagegen nur in Regionen auf der Erde, über die der Kernschatten des Mondes hinwegzieht. Da dieser aber höchstens 200 Kilometer breit ist, sind totale Sonnenfinsternisse sehr selten.

Außerhalb des Kernschattens
Bei dem heutigen Himmelsspektakel liegen wir Mitteleuropäer nicht in diesem Kernschatten; vielmehr wird das schmale Schattenband am Vormittag von Brasilien über den Atlantik nach Westafrika ziehen, die Sahara und das östliche Mittelmeer durchqueren und am Mittag die türkische Südküste in der Nähe des Touristenorts Antalya erreichen. Anschließend rast der Mondschatten weiter über Georgien, Kasachstan und Russland bis zur westlichen Mongolei, wo heute Abend eine "schwarze Sonne" untergehen wird. In all diesen Regionen wird während der totalen Verfinsterung für etwa zwei bis vier Minuten der Tag zur Nacht, Vögel verstummen, am Taghimmel leuchten die Sterne auf.
In Teilen Deutschlands war dieses seltene Naturschauspiel zuletzt im August 1999 zu bewundern; die nächste totale Sonnenfinsternis findet am 1. August 2008 statt, unter anderem über Sibirien. Von Deutschland aus wird das Ereignis wieder als Teilfinsternis erscheinen. Erst am 3. September 2081 wird auch von Deutschland aus wieder eine totale Sonnenfinsternis zu sehen sein.
Doch auch in der Lausitz wird sich ein Blick hinauf zur Sonne lohnen - natürlich wolkenfreien Himmel vorausgesetzt: Um etwa 11.45 Uhr beginnt der Mond damit, von rechts unten die Sonnenscheibe "anzuknabbern". Das Taggestirn wird sich dadurch nach und nach in eine Sichel verwandeln. In Herzberg (Elbe-Elster) bedeckt die Neumondscheibe heute von 11.48 Uhr bis 13.46 Uhr Teile der Sonnenscheibe mit einem Bedeckungsgrad von maximal 32,5 Prozent um 12.46 Uhr. Anschließend wandert der Mond weiter nach links oben über die Sonnenscheibe, bis er sie eine Stunde später wieder verlässt - dann steht unser Zentralgestirn wieder als komplette Scheibe am Himmel. Dunkler wird es in Deutschland während der Finsternis übrigens nicht; der Lichtverlust reicht für eine wahrnehmbare Veränderung des Tageslichts nicht aus.
Experten warnen auch diesmal wieder nachdrücklich davor, das Himmelsschauspiel ohne ausreichenden Schutz für die Augen zu verfolgen. Das Innenauge habe keine Schmerzrezeptoren, erläuterte die Techniker Krankenkasse. Verletzungen dort würden deshalb zu spät bemerkt. Auf keinen Fall sollte man die verfinsterte Sonne durch rußgeschwärzte Glasscheiben, belichtete Filme oder Sonnen- und Gletscherbrillen betrachten. "Schwerste Augenverletzungen bis hin zur Erblindung können die Folge sein", warnen Volkssternwarten im Internet. Stattdessen sollten Himmelsgucker sich besser beim Optiker eine Sonderbeobachtungsbrille besorgen - oder die alten "Sofi-Brillen" von der totalen Finsternis 1999 wieder aufsetzen.

Angst vor Erdbeben in der Türkei
Sichere Sonnenbrillen sind für die Türken das geringste Problem. Wenige Tage vor der Sonnenfinsternis bestimmten nicht Vorbereitungen und Vorfreude das Bild, sondern Furcht. Eine halbe Million Spezialbrillen wurde importiert, doch viele Türken wollen heute gar nicht erst hinschauen: Sie haben Angst, dass die Eklipse ein neues schweres Erdbeben nach sich ziehen wird. Volksfeste dürfte es daher in der Türkei keine geben, eher banges Warten. Durch die besondere Konstellation von Mond und Sonne werde eine ungewöhnlich starke Anziehungskraft entwickelt, die tektonische Verwerfungslinien in der Türkei zum Bersten bringen könnten, befürchten einige Forscher wie der Geophysiker Ahmet Ercan. Ein anderer Professor, Mustafa Yildirim, warnte die Behörden der zentralanatolischen Stadt Tokat vor einem Beben in den Tagen nach der Sonnenfinsternis und handelte sich damit prompt eine Strafanzeige des dortigen Bürgermeisters ein. Bei Millionen türkischer Bürger stoßen die Warner auf offene Ohren: Viele erinnern sich daran, dass dem schweren Erdbeben von 1999, bei dem 20 000 Menschen umkamen, ebenfalls eine Sonnenfinsternis vorausging. In Tokat wollen etliche Bürger in Zelten übernachten, um vom erwarteten Beben nicht in ihren Häusern erwischt zu werden. Andere fordern, die Schulen während dieser Zeit vorsorglich zu schließen.
Gegen die allgemeine Verängstigung ziehen Wissenschaftler in den Medien und bei Veranstaltungen zu Felde. Niemand habe nachprüfbare Beweise für einen kausalen Zusammenhang zwischen Sonnenfinsternissen und Erdbeben, sagt die Leiterin der Istanbuler Erdbebenwarte, Gülay Barbarosoglu. (AFP/ksi)