"Er hat jetzt schon zum vierten Mal den Schlüssel verloren." "Sie hält sich plötzlich nicht mehr sauber und wird wütend, wenn ich sie darauf aufmerksam mache." "Immer läuft er weg, ich komme einfach nicht mehr hinterher." "Das hat er mich heute schon zum siebenten Mal gefragt, und unsere Tochter hat er auch nicht erkannt." Ute Richter kennt solche Sätze. Meist brechen sie heraus aus Frauen oder Männern, die zu ihr in die Kontaktstelle für pflegende Angehörige von Menschen mit Demenz in die Sozialstation des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) nach Vetschau im Oberspreewald-Lausitz-Kreis kommen. Oft reden sie unter Tränen und tief verzweifelt. "Dann haben sie sich schon lange mit ihrer Situation herumgeschleppt", weiß die 49-Jährige. Noch immer gebe es viel Scham, über die Demenzerkrankung des Angehörigen zu reden. "Sie ist einem peinlich", weiß Ute Richter, und deshalb tragen viele Familien die Probleme in den eigenen vier Wänden aus. "Manchmal wollen die Angehörigen auch die Krankheit nicht wahrhaben, weil sie sich vor ihr fürchten." Und wenn sich zum Beispiel die Frau doch durchringt, mit ihren erwachsenen Kindern über das seltsame Verhalten ihres Vaters zu reden, wiegeln diese ab: Der war doch schon immer etwas schusselig. Und so kämpft sie weiter und schaut hilflos und erschöpft zu, wie sich ihr Lebenspartner immer mehr verändert und schließlich langsam entschwindet.

Das Thema Demenz ist noch immer in der Tabuzone, beklagt die Sozialarbeiterin. Dabei berührt es früher oder später fast jede Familie. "Ob jemand aus der Familie erkrankt, man im Sportverein oder im Supermarkt Menschen mit Demenz begegnet oder als Ärztin oder Altenpfleger beruflich mit Demenzkranken zu tun hat. Deshalb sollte jeder Einzelne sich über das Thema Demenz informieren und Verständnis entwickeln", hat die Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V. zum Weltalzheimertag 2014 gemahnt. Erste Anlaufstelle können Kontaktstellen wie die des ASB Ortsverbandes Lübbenau/Vetschau e.V. sein, in dem Ute Richter arbeitet. Davon gibt es inzwischen viele in der Lausitz. Hier können sich Angehörige über die Krankheit und ihren Verlauf informieren, erfahren, welche Hilfsangebote sie nutzen können, und wie es ihnen gelingen kann, mit der Situation zurechtzukommen. "Vor allem wollen wir die pflegenden Angehörigen entlasten", sagt sie.

Wenn Pflege zu Hause an sich schon Kraft kostet, ist die Pflege Demenzkranker eine besondere Herausforderung für Angehörige. Neben zunehmenden pflegerischen Arbeiten haben sie vor allem psychisch den schleichenden Verlust des Partners oder Elternteils zu bewältigen. Da sind es anfangs die irritierenden Veränderungen im Verhalten, von in Jahrzehnten bewährten Gewohnheiten, der Verlust gemeinsamer Erinnerungen bis zu dem Moment, da kein Sinn führendes Gespräch mehr möglich ist. Stattdessen wird der einst seelenruhige Mensch vielleicht aggressiv oder die Frohnatur depressiv. Urlaubsreisen, Ausflüge oder was immer sich die Familie für den gemeinsamen Lebensabend geplant hatte, ist plötzlich nicht mehr umsetzbar.

Die Krankheit fesselt Betroffene und Betreuende, die soziale Isolation droht. Austausch in Selbsthilfegruppen kann da Abhilfe schaffen. In ihnen erfahren die Angehörigen, dass sie mit ihren Problemen nicht allein sind - und wie andere Betroffene mit der Situation umgehen. Entlastung im Alltag bieten auch ausgebildete ehrenamtliche Helferinnen oder Helfer. Sie können dafür sorgen, dass Angehörige ein paar Stunden für sich haben, um in Ruhe und ohne Sorge zum Friseur oder zum Sport gehen zu können. Darüber hinaus bieten viele Kontaktstellen in Zusammenarbeit mit der Brandenburger Alzheimer Gesellschaft Kurse und Vorträge an, die den Pflegenden Strategien in die Hand geben für den Umgang mit den Betroffenen. So lernen sie beispielsweise, in Gesprächen mit Demenzkranken nicht deren Aussagen anzuzweifeln, sondern sie als gültig zu akzeptieren. "Statt einem Demenzkranken, der immer wieder nach Hause will, zu sagen, ‚Du bist doch zu Hause', ist es besser, ihn zu fragen: ‚Bist du gern zu Hause'", erklärt Ute Richter. Damit spreche man ihn auf der Gefühlsebene an und versetze ihn nicht durch Widerspruch und Besserwisserei in Aufregung, Unruhe und Angst. So könnten aggressive oder depressive Situationen vermieden werden und sich der Kranke angenommen und wohlfühlen. Denn: "Das Umfeld ist die halbe Miete", weiß die Sozialarbeiterin. Regelmäßige Tagesstrukturen, ruhige Abläufe und Zuwendungen auf Gefühlsebene helfen dem Kranken - und dem Pflegenden auch. Das fordert nicht nur die Familie heraus, sondern die Gemeinschaft - von der Nachbarin über den Busfahrer, die Kassiererin im Supermarkt bis zum Arzt im Krankenhaus.

Zum Thema:
Demenz ist der Oberbegriff für Erkrankungsbilder, die mit einem Verlust der geistigen Funktionen wie Denken, Erinnern, Orientierung und Verknüpfen von Denkinhalten einhergehen und die dazu führen, dass alltägliche Aktivitäten nicht mehr eigenständig durchgeführt werden können. Dazu zählen die Alzheimer-Demenz (etwa zwei Drittel aller Erkrankungen), die Vaskuläre Demenz, die Frontotemporale Demenz, die etwa drei bis neun Prozent aller Demenzerkrankungen ausmachen. Demenzen verlaufen zumeist irreparabel und dauern bis zum Tode. Die Krankheitsdauer lässt sich allerdings nicht genau vorhersagen. Europäische Studien gehen von einer mittleren Krankheitsdauer von drei bis sechs Jahren aus. Sie schwankt allerdings auch in Abhängigkeit des Krankheitsbeginns. Der Kranke verliert zunächst die jüngeren Ereignisse, dann das vergangene Jahr. Er vergisst "rückwärts", verliert sein Urteilsvermögen, verändert das gesamte Wesen. Ehe die Krankheit sichtbar wird, vergehen oft Jahre. Sie ist sehr individuell ausgeprägt. Jede Demenz ist einzigartig. Der Verlauf der Demenz ist stark von der Demenzform bestimmt. Im Wesentlichen wird er in drei Stadien eingeteilt. Das Erste ist gekennzeichnet von Konzentrationsstörungen, Überforderungsgefühl, rascher geistiger Erschöpfung, diffusen Ängsten, sozialem Rückzug. Weil die Betroffenen diese Defizite meist selbst noch wahrnehmen, werden sie oft depressiv oder aggressiv. Der Alltag wird in dieser Zeit noch mit kleinen Einschränkungen bewältigt. Im mittleren Stadium wird die Demenz meist sichtbar durch Gedächtnis- und Orientierungsstörungen. Haushalt, Ernährung und Körperpflege werden vernachlässigt, Aggressivität und Unruhe treten auf. Schließlich werden im dritten Stadium selbst Angehörige zu Fremden. Der Kranke ist meist in seine eigene Welt abgetaucht und braucht vollständig Hilfe. Infos unter anderem auf www.alzheimerinfo.de , www.deutsche-alzheimer.de oder www.alzheimer-brandenburg.de