Die Zahl ist alarmierend: 75 Prozent der heute aktiven Allgemeinmediziner werden bis 2025 in Rente gehen. Doch das Interesse am Hausarztberuf bleibt unter Medizinstudenten gering: "90 Prozent der Studierenden spezialisieren sich als Facharzt, nur zehn Prozent wollen Generalisten werden", sagt Ferdinand Gerlach, der Vorsitzende des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen. Und vor allem in den ländlichen Regionen Ostdeutschlands suchen schon heute zahlreiche Praxisinhaber händeringend nach einem Nachfolger. Wie also geht es mit der medizinischen Versorgung künftig weiter?

Am Montag wagten Interessierte einen Blick nach Skandinavien. Auf Einladung der Herbert-Quandt-Stiftung und der Botschaften der nordischen Länder in Berlin fand im "Felleshus" des Botschaftsgeländes in Berlin eine Konferenz zu diesem Thema statt. Denn in Nordeuropa sind die Wege zum nächsten Arzt oft heute schon viel weiter als hierzulande.

"Wenn eine Mutter in Ivalo in Lappland ein Kind bekommt, ist sie 400 Kilometer von der nächsten Geburtsstation entfernt", sagt Finnlands Gesundheitsministerin Laura Räty. Dort würden die Mütter schon eine Woche vor dem Geburtstermin in die für finnische Verhältnisse große Stadt Rovaniemi reisen und warten, bis das Kind zur Welt komme.

Vor allem aber setzen die Nordeuropäer auf Telemedizin. So berichtete Undine Knarvik von der Universität Tromsö von einem Programm zur Betreuung von Patienten mit der chronisch obstruktiven Bronchitis "COPD". Nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus bekämen sie einen speziellen Laptop und ein Ergometer mit nach Hause. Während der Laptop mit einem Pulsoximeter den Sauerstoffgehalt des Blutes misst und die Daten vom Wohnzimmer des Patienten an die Klinik überträgt, findet auf dem Ergometer die per Video überwachte Physiotherapie statt. "Wir sparen Krankenhauskosten und Fahrstrecken, und die Zufriedenheit der Patienten ist groß, weil ihr Zuhause zum Mittelpunkt der Versorgung wird."

Ist so etwas auch ein Modell für Deutschland? Ferdinand Gerlach setzt zunächst einmal auf Bewährtes: Die klassische Hausarztpraxis. "Ärzte, die in unterversorgten Gebieten tätig sind, sollten 50 Prozent mehr Honorar von den Krankenkassen bekommen - als Landarztzuschlag", sagt Gerlach. "Wir haben nicht zu wenig Ärzte, aber zu viele Spezialisten, die noch dazu in Gegenden aktiv sind, wo wir sie nicht brauchen." Nötig sei deswegen auch der Abbau von Überversorgungen. "Wir brauchen eine stärkere Öffnung der Krankenhäuser für Teile der fachärztlichen ambulanten Versorgung", sagt Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU). "Wir müssen die Allgemeinmedizin stärken: Es müsste in jeder medizinischen Fakultät einen Lehrstuhl für Allgemeinmedizin geben."

Doch auch Gröhe hofft auf die Telemedizin. "Moderne Technik kann einen ganz wesentlichen Beitrag leisten." Unterstützung erhielt Gröhe vom Geschäftsführer des Medizintechnikherstellers B. Braun in Melsungen, Stefan Ruppert. Der frühere FDP-Bundestagsabgeordnete und hessische Landesvorsitzende seiner Partei nannte die Telemedizin eine "Ergänzung des klassischen Arzt-Patienten-Verhältnisses: Weniger Bürokratie, mehr entlastende Technik und die Vernetzung von ambulanten und stationären Angeboten schaffen mehr Zeit für den Patienten."

Denn auch hierzulande gibt es schon erfolgreiche, innovative Modellprojekte: Zum Beispiel das Schlaganfallnetzwerk Ost-sachsen: Wenn in einer Klinik in Weißwasser, Zittau oder Kamenz ein Patient mit Symptomen eines Schlaganfalls eingeliefert wird, sind die behandelnden Ärzte oft über Videokonferenz mit der Uniklinik Dresden verbunden. CT- und MRT-Aufnahmen werden via Datenleitung dorthin geschickt. So könnten die Patienten näher an ihrem Wohnort betreut werden, nur die schwersten Fälle müssten weiter in die Uniklinik verlegt werden, sagt die Geschäftsführerin des Netzwerks "Carus Consilium", Sabine Rößing.

Am Cottbuser Carl-Thiem-Klinikum startete die Telemedizin schon 2011 mit der Fernüberwachung von kardiologischen Hochsrisikopatienten. Wichtige medizinische Messwerte werden dabei von den schwer Herzkranken rund um die Uhr in die Klinik übermittelt. Dort können die Fachärzte daraus die Entwicklung von Krisensituationen erkennen und schnell intervenieren.

Auch im dünn besiedelten Norden Brandenburgs wird inzwischen die Telemedizin getestet, um Patienten mit chronischer Herzschwäche besser betreuen zu können.