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| 02:38 Uhr

Wenn Comic-Helden und Film-Figuren lebendig werden

Darf ich vorstellen: Prinzessin Kougyoku – mein neues Ich für kurze Zeit.
Darf ich vorstellen: Prinzessin Kougyoku – mein neues Ich für kurze Zeit. FOTO: Heiner Stephan
Cottbus. Sailormoon im Zug und Digimon daneben? Nicht ganz abwegig. Denn in Comic-Figuren wie diese verwandeln sich immer mehr Japan-Fans, die zu Großveranstaltungen wie auf die kurz bevorstehende Leipziger Buchmesse pendeln. Auch eine Lausitzerin wird dabei sein. Der Rundschau hat sie gezeigt, was es mit der Verkleidungskunst auf sich hat. Anja Hummel

Wie eine junge Kaiserin stolziere ich über das Parkett im Wohnzimmer eines Einfamilienhauses in Cottbus-Schmellwitz. Was meine Haltung anmutig werden lässt sind weder hohe Hacken noch Korsage. Es ist die achtteilige Robe einer japanischen Comic-Figur, deren Namen ich nicht aussprechen kann: Prinzessin "Kougyoku Ren" aus der Manga-Serie "Magi" existiert eigentlich nur auf dem Papier.

Eigentlich. Denn es gibt Leute, die solche Figuren mit viel Liebe zum Detail lebendig werden lassen - wie die Cottbuserin Cindy Stephan. Sie ist Cosplayerin. Das heißt, sie schlüpft regelmäßig in die Rolle von Film- und Comicfiguren oder Fabelwesen. Für einen Tag will sie mich in ihre magische Welt der Kostümierung entführen. Dafür besuche ich sie in ihrem Elternhaus, wo ich ausnahmsweise eines ihrer eigenhändig geschneiderten Kostüme anprobieren darf.

Gut zwei Stunden wird meine Verwandlung dauern. Bevor wir starten, erzählt mir die 27-jährige Cindy im Wohnzimmer von ihrer Leidenschaft. Ihre Eltern Anke und Heiner leisten uns Gesellschaft. "Ich bin durch Freundinnen zu dem Hobby gekommen", sagt Cindy. Neun Jahre ist es her, als sie sich das erste Mal verwandelte. Mittlerweile hat sie schon elf Kostüme entworfen: von der mythologischen Aphrodite über Zelda aus dem Videospiel "Twilight Princess" bis zur Fantasy-Nymphe. Ihr Lieblings-Cosplay wird sie mir später präsentieren.

Kougyoku trägt Rosé

Jetzt bin ich an der Reihe. Im Badezimmer beginnen wir mit meiner Verwandlung zu "Kougyoku Ren". Zuerst ist das Make-Up dran. Ich schminke mich selber. Erst die Grundierung, die meine Haut heller werden lässt, dann das Puder. "Das ist wichtig, damit alles schön fein aussieht", erklärt mir die junge Mutter. Wie bei einem Puppengesicht. Das Augen-Make-Up überlasse ich dann der Expertin, die plötzlich eine riesige Lidschatten-Palette hervorzaubert - von einem Dutzend blauschimmernden Nuancen bis hin zu einer Reihe an Gelbtönen. Für mich sucht sie einen hellen Rosé-Ton aus.

Warum sie diesem Hobby so verfallen ist, frage ich. Die zierliche Brünette schielt nachdenklich nach oben. Gute Frage, sagt sie. "Es ist eine Art Fan-Liebe. Man verschwindet einfach einen Tag lang in einem anderen Charakter mit dem man sich identifizieren kann." Um den Zauber dahinter zu verstehen, müsse man es einfach selber ausprobieren.

Fasching oder Kunst?

Aus meinen hellen Augenbrauen sind mittlerweile rotbraune Balken geworden, die künstlichen Wimpern liegen schwer auf den Lidern. Mit dem Haarnetz auf dem Kopf fühle ich mich ein wenig wie kurz vor der Faschingsfete. "Cosplay und Fasching kann man überhaupt nicht miteinander vergleichen", entgegnet Cindy energisch. Cosplayer hören das nicht gerne. Schließlich gehört außerordentlich viel Kreativität dazu. "Zeichnen, nähen, basteln, schminken", zählt die medizinische Laborantin auf, was das Hobby ausmacht. "Es ist wie ein eigenes Kunstwerk. So, als würde man ein Gemälde präsentieren. Und das soll perfekt sein", sagt Cindy, die ihr ganzes Herzblut in jedes ihrer Kostüme steckt. Jedes Jahr fährt sie auf die Leipziger Buchmesse, um dort wie Tausende Gleichgesinnte ihr Kunstwerk zur Schau zu stellen.

Zwar nicht auf der Messe dabei, aber derzeit wohl prominentester Fan des asiatischen Stils ist die Sängerin Jamie-Lee Kriewitz. Im Mai wird die 17-Jährige Deutschland beim Eurovision-Song-Contest vertreten - sicherlich auch in ausgefallener Mode.

Cindy wählt bereits ein halbes Jahr vor der Messe die Stoffe für ihr Cosplay aus, um alles rechtzeitig fertigzustellen. Welchen Charakter sie imitiert, steht dann schon lange fest. Mindestens einen Monat vorher schneidert sie täglich mehrere Stunden an dem Kostüm. Wie viel Geld sie für ihr Hobby investiert, kann sie nicht sagen.

"Meistens trägt man sein Cosplay nur zweimal. Auf der Messe und zum Fotoshooting", verrät die junge Mutter. Schade um die ganze Arbeit, sage ich. Aber wir halten es doch auf Fotos fest, erwidert die Künstlerin, die in der Cosplay-Szene unter dem Namen "Mondkalb" bekannt ist. Das besondere Gefühl wie beim allerersten Tragen, komme sowieso nicht wieder auf.


Quelle: YouTube; User: Cosplay Videos by Diesel

Das berühmte allererste Tragen - für mich steht es kurz bevor! Cindy und ihre Mutter legen die acht Einzelteile im Wohnzimmer bereit. Zuerst das pastellgelbe Oberteil mit den riesigen handbemalten Ärmeln, das ich mir selber überstülpe. Schulterstück, hellblaue Schlaufen und Reifrock folgen. Cindy zuppelt an mir herum, die Ärmel sitzen nicht richtig. Während sie mir den riesigen Überrock festzurrt, greift sich Anke Stephan eine Art Stoffkorsage, die sie mir sorgfältig von hinten um die Taille legt. Drumherum wickelt sie ein vier Meter langes Seidenband. Ich fühle mich zehn Kilo schwerer.

Aufwendiges Unikat

Während alles zurechtgerückt wird und ich mich frage, ob wir bald fertig sind, verstehe ich, was Cindy mit dem Kunstwerk meinte. Die unterschiedlichen Stoffe und die vielen Details machen das Gesamtstück, das ich trage, einzigartig: Glitzersteine, Spitzenbordüre, Kreismuster. Besonders aufwendig ist die schwarz-weiße Borte an Schulterstück und Rock. "Dazu habe ich mir schwarzes Geschenkband besorgt, das Muster am Computer erstellt, es auf Bügelpapier gedruckt, ausgeschnitten und einzeln auf das schwarze Band gebügelt", erzählt Cindy.

"Je aufwendiger das Cosplay ist, desto mehr Anerkennung bekommt man von den anderen." Ein richtiger kleiner Star sei man dann auf Veranstaltungen wie der Leipziger Messe. "Wenn man keine Lust mehr auf die ganzen Fotografen hat, zieht man sein Cosplay einfach aus", schmunzelt sie.

Comic-Figur wird lebendig
Dass auch ihre Eltern das Hobby ihrer Tochter bewundern, erkennt jeder aufmerksame Gast auf Anhieb. Bilder von Cindy als japanische Prinzessin oder Fantasy-Nymphe schmücken die Wände in Wohnzimmer und Flur. Jedes Jahr wird sie von ihnen auf die Messe begleitet. "Wir tauchen gerne in die Atmosphäre ein. Es ist der Wahnsinn, diese unterschiedlichen Facetten zu sehen", sagt Vater Heiner, der auf der Messe auch als Fotograf unterwegs ist.

Bei mir hat nun der letzte Farbtupfer das Gemälde vollendet - die rot-violette Perücke sitzt. Manga-Prinzessin "Kougyoku Ren" ist zum Leben erweckt und wird von Vater Heiner für das Fotoshooting vor die Linse gebeten. Währenddessen verschwindet Cindy ins Badezimmer und kommt keine zehn Minuten später aus der "Zauberkugel" heraus. Jetzt steht sie als Kriegerin "Etain" aus dem Historien-Film "Centurion" neben mir.

Stolzieren wie Sissi

Wie kurz vor der Faschingsfete fühlt es sich schon eine ganze Weile nicht mehr an. Wenn der Reifrock bei jedem Schritt mitschwingt und die Rüschenärmel-Unikate wedeln, denke ich nicht an "Helau und Alaaf". Ich bekomme den Hauch einer Ahnung davon, wie es sich wohl anfühlen würde, das Kostüm selber entworfen zu haben.

Wenn die Leipziger Messe übermorgen wieder startet, wirft sich Cindy in ihr zwölftes Cosplay. Dieses Jahr möchte sie als Elfe verzaubern.

Ich schreite noch einige Minuten als "Kougyoku Ren" durchs Wohnzimmer der Familie. Mit Sissi vergleicht mich Cindys Mutter. Kaiserin eben. Irgendwann muss ich die Manga-Figur aber von der Haut streifen. "Kougyoku Ren" hängt wieder am Kleiderbügel. Zurück draußen auf der Straße wirkt alles irgendwie nüchtern und fad.

Zum Thema:
Das Wort "Cosplay" setzt sich aus den englischen Begriffen "costume" und "play" zusammen und bedeutet übersetzt "Kostümspiel". Dabei verkleidet man sich meistens als eine beliebte Figur aus Comics (Manga), Trickfilmen (Anime), Videospielen oder Fabeln. Aber auch Figuren aus Filmen, reale Personen, Tiere oder Gegenstände werden zunehmend imitiert. Personen, die dieses Hobby haben, nennen sich "Cosplayer". Der Begriff entstand in der japanischen Computerspiel-Szene in den späten 1970er Jahren. In Deutschland verbreitete sich Cosplay in den 1990er Jahren.Nach Einschätzungen des Lehrstuhls für Soziologie Dortmund bewegt sich die Zahl der regelmäßig aktiven Cosplayer in Deutschland zwischen mehreren Hundert und wenigen Tausend. Sie sind überwiegend Jugendliche zwischen 14 und 25 Jahren und mehrheitlich weiblich. Cosplay wird vor allem auf Veranstaltungen der Anime/Manga-Fanszene betrieben. Ihr "Haupttreffpunkt" sind Internetforen (wie www.animexx.de ).