Stress, Konkurrenz und Zeitdruck - um den wachsenden Anforderungen im Job gerecht zu werden, greifen immer mehr Bundesbürger im Alter zwischen 20 und 50 Jahren zu leistungssteigernden Medikamenten. Nach einer am Dienstag in Berlin veröffentlichten Studie der Deutschen Angestellten Krankenkasse (DAK) hat sich der Anteil der Konsumenten in den vergangenen sechs Jahren von 4,7 auf 6,7 Prozent erhöht. Das sind knapp drei Millionen Arbeitnehmer. Nachfolgend die wichtigsten Fakten .

Was wurde genau untersucht?
Untersucht wurde, ob und wie Erwerbstätige ohne medizinische Notwendigkeit zu verschreibungspflichtigen Medikamenten greifen, um im Beruf leistungsfähiger zu sein oder Stress abzubauen. Dazu wurden die Arzneimitteldaten von 2,6 Millionen Versicherten analysiert und eine repräsentative Befragung unter rund 5000 Beschäftigten durchgeführt. Demnach haben aktuell 6,7 Prozent der 20- bis 50-jährigen Beschäftigten das Hirndoping mindestens einmal schon praktiziert. Die Dunkelziffer wird auf etwa zwölf Prozent geschätzt. Demnach wären es sogar fünf Millionen Erwerbstätige, die auf legale Substanzen zur Leistungssteigerung zurückgreifen.

Wie kommen Betroffene zu den Medikamenten?
E xperten zufolge geben Patienten beim Arzt nicht selten Beschwerden an, die sie gar nicht haben, um an ein bestimmtes verschreibungspflichtiges Medikament zu gelangen. Oder sie nutzen die Nebenwirkungen eines Präparats bewusst aus. Beispiel Betablocker. Die Mittel gegen Bluthochdruck sind auch geeignet, um Prüfungsängste abzubauen. Etwa jeder siebte Konsument bezieht seine Medikamente von Familienmitgliedern oder Freunden, die diese regulär verordnet bekommen haben. Fast neun Prozent versorgen sich über zweifelhafte Quellen aus dem Internet, um die Rezeptpflicht zu umgehen .

Um welche Arzneien geht es genau?
Hoch im Kurs stehen Medikamente gegen Angst, Nervosität und Unruhe. Sie werden von gut 60 Prozent der Konsumenten genutzt. Etwa jeder Dritte setzt auf Medikamente gegen Depressionen. Jeder Achte nutzt Pillen gegen Schläfrigkeit, und jeder Zehnte schwört auf Präparate gegen Konzentrationsstörungen wie ADHS. Männer favorisieren Aufputschmittel, Frauen eher Medikamente zur Beruhigung. Wer ist besonders anfällig?
Erstaunlicherweise greifen weniger die Top-Manager zu Arzneien, um sich auf Höchstleistung zu trimmen. Vielmehr gilt der Grundsatz: Je unsicherer der Job, desto höher ist das Risiko für Hirndoping. Immerhin 8,5 Prozent der Beschäftigten mit einfacher Tätigkeit haben schon mal zu entsprechenden Pillen gegriffen. Unter den höher Qualifizierten sind es nur 6,7 Prozent.

Wie ist die Entwicklung insgesamt zu bewerten?
"Doping im Job ist kein Massenphänomen", kommentierte DAK-Chef Herbert Rebscher die Ergebnisse der Untersuchung. Aber es gebe eine "deutliche Tendenz" zu verstärktem Missbrauch. Der Direktor der Mainzer Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Klaus Lieb, warnte vor falschen Hoffnungen. Oft zeigten die Medikamente nur kurzfristige und minimale Effekte für die geistige Leistungsfähigkeit. "Demgegenüber stehen hohe gesundheitliche Risiken wie körperliche Nebenwirkungen bis hin zur Persönlichkeitsveränderung und Abhängigkeit", so Lieb.

Welche Alternativen gibt es?
Nach Ansicht der Experten ist die innere Einstellung entscheidend. Wer übertriebene Ansprüche an seine Leistungsfähigkeit stellt, sei anfälliger für das Doping. Um Stress-Situationen besser zu meistern, hülfen neben guter Ernährung und sportlicher Betätigung eine gute Arbeitsorganisation sowie ausreichend Schlaf.