Erst eins, dann zwei, dann drei, dann mehr: Dass die acht, manchmal auch zehn Bier am Tag - oft auch noch Schnaps und Wein dazu - nichts mehr mit normalem Alkoholgenuss zu tun haben, wird dem Cottbuser Michael Müller erst mit 52 Jahren klar: "Ich habe schon mit 15 angefangen, meinen ersten Alkohol zu trinken. In meiner Familie war Alkohol immer präsent. Bei jeder Feier, bei jedem Zusammensitzen gab es was. Ich bin da sozusagen reingewachsen."

Die Gründe, warum Menschen anfangen zu trinken, sind unterschiedlich. Alexander Lattig, Sozialpädagoge und Suchtberater von der Caritas-Regionalstelle Cottbus: "Psychische Probleme spielen eine Rolle. Nach dem Trinken von Alkohol fühlen sich Betroffene oft wohler. Oder Alkohol wird als Medikament missbraucht, um Schmerzen zu lindern." Auch Lebenskrisen können der Anfang einer Alkoholabhängigkeit sein. "Da kommt oft vieles zusammen. Der Job ist weg, der Führerschein ist weg. Oder es wird aus Gewohnheit getrunken und steigert sich dann nach und nach", sagt Sozialpädagogin Anja Henke, die in Cottbus als Suchtberaterin für den Tannenhof tätig ist. Der gemeinnützige Träger betreibt Therapieeinrichtungen und Suchberatungsstellen in Berlin und Brandenburg.

Die Gewohnheit zu trinken, war es auch, die Michael Müller zum Verhängnis wurde. In der Lehre wird gemeinsam immer wieder einer gehoben, in der Armeezeit setzt sich das fort. Dann beginnt er, auf dem Bau zu arbeiten. Gleiches Spiel. In der Mittagspause, zum Feierabend: Mit den Kollegen ein Bier zu trinken ist normal. Deshalb verschwendet Michael Müller auch keinen Gedanken daran, dass etwas nicht stimmt. Dass es ungewöhnlich ist, dass er manchmal gleich morgens, noch vor dem Aufstehen, zur Flasche greifen muss und mit Zähneputzen, Mundwasser und Kaugummi versucht zu verbergen, dass er schon etwas intus hat. Es gab auch Kollegen vor denen musste Michael die Fahne nicht verstecken, wie er erzählt, die tranken ja selber. "Nicht nur im Bau- auch im Gas-tronomiebereich wird nach wie vor immer noch zu viel getrunken", sagt Alexander Lattig von der Cottbuser Regionalstelle der Caritas. Trinken auf Arbeit, das war schon zu DDR-Zeiten Usus. Der sogenannte Kumpeltod, ein Trinkbranntwein, war aus dem Bergbau nicht wegzudenken. Mittlerweile ist Alkohol auf der Arbeit tabu und wird durch Betriebsvereinbarungen untersagt. Wer erwischt wird und immer wieder zur Flasche greift, riskiert seinen Job.

Bei Michael Müller läuft trotz des regelmäßigen Alkoholkonsums alles glatt. Er macht seine Arbeit. Er kümmert sich um seine beiden Kinder. Er ist nur manchmal sehr streng, wenn er getrunken hat, verbietet ihnen das Spielen oder Fernsehen. Ansonsten bekommen die Kinder nicht viel mit. Wenn es abends doch mal mehr als zwei Biere werden, zieht sich Müller zurück. Er muss seinen Spiegel halten, sonst wird er unruhig, nervös.

Michael Müller macht den Haushalt. Er geht arbeiten. Er funktioniert. Deshalb nimmt ihn niemand zur Seite und fragt, ob er ein Problem mit dem Trinken hat.

Erst als er 35 Jahre alt ist, beginnt sich Michael Müller Gedanken zu machen. Er baut damals gerade ein Haus mit seiner Frau. Er trinkt auf Arbeit in der Pause, nach Feierabend, dann fährt er zur Baustelle für das zukünftige Eigenheim und zecht dort mit den Bauarbeitern weiter. Er trinkt viel mehr als sonst. Seine Frau spricht ihn darauf an. Doch Michael Müller will sich nicht eingestehen, dass er ein Problem hat. Schließlich trinke er doch, verglichen mit den anderen, recht wenig. Den eigenen Konsum herunterzuspielen, sei typisch bei Alkoholabhängigen. "Ich habe einmal ein bisschen mehr getrunken. Oder: So viel trinke ich doch gar nicht. Solche Sätze hören wir oft in der Beratung", sagt Suchtberater Alexander Lattig von der Caritas.

Die Ehe zerbricht. Scheidung. Das Schlimmste für Müller: Der neue Mann seiner Ex-Frau ist nicht nur älter, er hat auch mehr Geld. Seine Kinder wohnen bei der Mutter. Also macht Michael Müller das, was er immer macht, wenn es Probleme gibt, wenn er sich mit etwas nicht auseinandersetzen will: Er greift zur Bierflasche. Doch dann wollen die Kinder zu ihm ziehen. Er schraubt seinen Konsum runter, soweit es geht. Nur ohne geht es nicht: "Der Alkohol war immer da", sagt Müller rückblickend. Er lernt eine neue Frau kennen, gemeinsam bekommen sie einen Sohn.

Das Leben läuft weiter. Der Alkohol auch. Die Leber schmerzt. Die Bauchspeicheldrüse entzündet sich. Er wird morgens von der Polizei angehalten mit 1,6 Promille im Blut. Restalkohol vom Vorabend. Der Führerschein ist weg. "Ich habe keine Ahnung, wie oft ich mit Restalkohol unterwegs war. Das wird oft unterschätzt." Doch Müller sieht immer noch kein Problem: "Ich trinke doch nur ein paar Bier, ich bin kein Alkoholiker."

Dann hat seine Freundin gesundheitliche Probleme und erzählt beim Amt von Müllers Alkoholkonsum. Der Sohn kommt in betreutes Wohnen. "Immer wenn ich ihn besucht habe, hat er gefragt: ,Papa, wann holst du mich hier raus?'", sagt Michael Müller und kämpft mit den Tränen.

Das ist der Wendepunkt. Müller wird klar, dass es so nicht weitergehen kann. Es macht klick. Er geht drei Monate in Therapie. Mitte Januar hat er es geschafft. Er kann seinen Sohn nach Hause holen. "Mein Sohn hat einen riesigen Anteil daran, dass ich mit dem Trinken aufgehört habe", sagt Michael Müller. Seit fünf Monaten lebt er jetzt abstinent, ernährt sich gesund, treibt wieder Sport. Ohne Hilfe, ohne Unterstützung, ohne Suchtberater hätte er das nicht geschafft, sagt er. Er habe gelernt, Probleme zu bereden, anzugehen, statt sie wegzuspülen. Doch der schwerste Weg liegt noch vor ihm. Das Risiko eines Rückfalls bleibt ein Leben lang. Einmal alkoholkrank, immer alkoholkrank. Da bleibt nur die Abstinenz.

Mit seinem Sohn spricht Müller schon jetzt offen über Alkohol, klärt ihn auf. Dass Kinder erfahren, was Alkohol anrichten kann, sei wichtig. "Besonders in der Grundschulzeit gibt es eine Aufklärungslücke", sagt Suchtberaterin Anja Henke vom Tannenhof. Doch je eher aufgeklärt wird, umso besser. Denn je früher Jugendliche anfangen zu trinken, umso höher ist das Risiko, abhängig zu werden. *Name geändert

Zum Thema:
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