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Wendekinder wollen sich einbringen

Die Autoren des Buchs "3. Generation Ostdeutschland"
Die Autoren des Buchs "3. Generation Ostdeutschland" FOTO: Edda Fensch (LR-COS-REM-325)
Berlin. Anfang August ist das Buch "Dritte Generation Ost" im Berliner Christoph-Links-Verlag erschienen. Es ist eine Art Programm der "Dritten Generation Ostdeutschland", eines losen Netzwerks von Wendekindern, die Ostdeutschland verändern wollen. 30 Autoren und Autorinnen haben im Buch ihre ganz persönlichen Erfahrungen eingebracht. Die RUNDSCHAU sprach mit der Gründerin des Netzwerks, der gebürtigen Rostockerin Adriana Lettrari. Mit Adriana Lettrari sprach Benjamin Lassiwe

Frau Lettrari, wofür steht die "Dritte Generation Ostdeutschland"?

Die "Dritte Generation Ostdeutschland" sind die 2,4 Millionen Menschen, die zwischen 1975 und 1985 in der DDR geboren wurden. Heute verfügen sie aufgrund ihrer Transformationserfahrungen über Talente und Potenziale, die es einzubringen und zu nutzen gilt.

Warum haben Sie so ein Netzwerk gegründet?
Für mich war es so, dass ich einen persönlichen Eindruck, ein Gefühl hatte: Die Tatsache, dass ich aus Rostock stamme, war für mich nie mit Stolz und Selbstvertrauen verbunden. Und damit verbunden kam mir die Frage, ob es auch anderen Ostdeutschen so geht wie mir.

Wann stellte sich Ihnen diese Frage?
Ich gehöre zu den "Abgewanderten". Ich bin zum Studium an die FU Berlin gegangen. Wenn man irgendwo neu anfängt, braucht man ein festes Fundament, auf das man sich stützen kann. Und an der Universität habe ich eben Menschen kennengelernt, die zum Beispiel aus Bayern stammten. Die hatten dieses Fundament, die hatten ihre Identität.

Hatten Sie die nicht?
Ich habe erlebt, wie in Berlin über die ostdeutsche Jugend gesprochen wurde: Drogensüchtig, abgerutscht, rechtsradikal an der Tanke stehend. Damit konnte ich mich nicht identifizieren. Ich fragte mich, warum viele Menschen meiner Generation offenbar nicht wahrgenommen werden. Ein einigermaßen positives Bild vom Osten hat sich nach meinem Eindruck erst mit Gauck und Merkel verbreitet.

Was wollen Sie mit dem Netzwerk erreichen?
Wir sind mittlerweile mit rund 2000 gleichaltrigen Menschen aus ganz Ostdeutschland im Kontakt. Wir wollen die Dagebliebenen und die Abgewanderten miteinander ins Gespräch bringen. Wir wollen unseren Beitrag für die weitere wirtschaftliche und zivilgesellschaftliche Entwicklung in Ostdeutschland leisten. Denn viele von denen, die auf der Suche nach Arbeit einst den Osten verlassen haben, haben immer noch ein hohes Gefühl der Verbundenheit mit der Region. Sie möchten ihr woanders erworbenes Know-how gern einbringen - haben ihren Lebensmittelpunkt heute aber oft woanders. Deswegen sind sie offen für Vernetzung und gegenseitigen Austausch.

Was erwarten Sie von der Politik?
Die Politik sollte stärker wahrnehmen, dass Ostdeutschland ein Labor darstellt: Hier geschieht der demografische Wandel früher als anderswo. Deswegen ist Ostdeutschland der Ort für innovative Konzepte, um damit umzugehen. Davon allerdings ist vielerorts noch nicht ausreichend viel zu spüren.


www.dritte-generation-ost.de