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| 01:36 Uhr

Wende-Aktivistin sucht ihr Zuhause in der Fremde

Irgendwann im Frühjahr '89 wettete die Leipzigerin Petra Lux um eine Kiste „Rotkäppchen“-Sekt. Dass das alles schnell zu Ende gehen würde, hatte ihr ein Freund prophezeit. Von Steffen Reichert

Die Kommunalwahlen gefälscht, die Wirtschaft am Boden, die Freunde im Westen - die DDR am Abgrund. Für Petra Lux aus Leipzig war es damals unvorstellbar. Deutschland einig Vaterland? Es war doch ihr Land, diese DDR, und doch nicht ihres. "Ich wollte es ändern", sagt sie im Rückblick. Ein halbes Jahr später hatte sie die Kiste Sekt verloren.Petra Lux ist nicht verbittert. Sie ist heute 53 Jahre alt. Sie hat sich selbstständig gemacht. Sie hat drei Kinder großgezogen. Und wenn die Frau, die im Herbst 1989 als "Sprecherin" dem Neuen Forum in Leipzig ein Gesicht gab, so dasitzt in ihrem zinnoberroten Kleid und wenn sie erzählt von dieser DDR, dann ist es jedesmal wie eine Reise. Eine Reise in ein Land, das nicht das ihre war. Und das sie doch nicht loslässt.Das Mädchen Petra wächst im thüringischen Hermsdorf auf, "da, wo die Autobahnen sich noch heute kreuzen". Sie ist das Kind einfacher Eltern, macht Abitur in einer Mathe-Physik-Spezialklasse und verschlingt Bücher in einem atemberaubenden Tempo. Max Frisch, Tolstoi und Dostojewski. Als im August '68 Panzer rollen durch Prag und den Aufstand niederwalzen, sieht sie bei einem Urlaub in der CSSR auch DDR-Soldaten. "Da begann mein Wachwerden." Und sie begreift schon als Zwölfjährige, "dass längst nicht alles stimmt, was in der Zeitung steht". Dennoch will sie Journalistin werden. Sie glaubt an Egon Erwin Kisch.Sie beginnt 1976 in Leipzig zu studieren. Der Liedermacher Wolf Biermann wird gerade ausgebürgert, ihr Freund wird exmatrikuliert. Es ist - wieder einmal - gerade nicht die Zeit für das offene Reden. Petra Lux sucht ihre Nische. Sie lebt wie viele Studenten damals illegal in Abrisshäusern. Sie bringt das Studium - irgendwie - hinter sich, sie hat die Kinder zu versorgen. Aber eins wird ihr klar in jenen vier Jahren zwischen Hörsälen und Seminarräumen: "Ich wusste jetzt, dass ich nicht mehr journalistisch arbeiten wollte. Auch nicht mehr konnte." Zu groß die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen Wahrheit und Propaganda. Petra Lux übernimmt statt dessen einen Jugendklub in Leipzig - und stößt an neue Grenzen. "Ich sollte da nur Jugendtanz veranstalten und die Schlägereien der Nahkampfdiele in Schach halten."Das ist nicht ihr Ziel. Sie will stattdessen Kultur im besten Sinne des Wortes organisieren. Holt Franz Fühmann, Wolfgang Hilbig, lässt Heinz Kahlau lesen. Am Ende ihres Engagements stehen Disziplinarverfahren, Hausverbot und eine fristlose Kündigung. Sie verliert die Klage in drei Instanzen. "Ich konnte nicht gewinnen", sagt Petra Lux fast schon verständnisvoll. "Es war ja eine Klage gegen diesen Staat." Sie wird nun auch zum Fall für die Staatssicherheit. "Da lief das volle Programm", begreift sie Jahre später beim Studium ihrer Stasi-Akte. Observation, Telefonüberwachung, Postkontrolle. Wo immer sie sich auch bewirbt: In letzter Sekunde wird doch noch abgesagt. Sie schlägt sich durch, indem sie ein paar Radiofeatures unter Pseudonym veröffentlicht.Es ist also fast folgerichtig, dass sie beim Neuen Forum landet. Gerade in Leipzig, wo der friedliche Protest jeden Montagabend Zehntausende auf die Straßen treibt, sind die Bürgerrechtler stark. Am 13. März 1989, während der Leipziger Frühjahrsmesse, laufen 600 Protestierer durch die Innenstadt: eine kleine Sensation. Die Staatsmacht lässt sie agieren - es sind zu viele Westkameras da. Aber bei Petra Lux ändert sich in jenen Tagen etwas. Zu viele Freunde von ihr sind inzwischen in den Westen ausgereist. "Warum reist du aus?", hat sie jedesmal gefragt. Irgendwann hat sich die Frage dann geändert. "Warum bleibst du hier?", will sie stattdessen von sich selber wissen. Die Antwort ist einfach. Sie möchte eine DDR, die "friedliebend und sozial gerecht ist". Eine DDR, die einen dritten Weg geht. Frei von Kommerz, frei von der Lüge. Dieser Traum ist ihr Antrieb. Doch es bleibt ein Traum.Wenn es Glück im Kleinen wie im Großen gibt, dann hat es Petra Lux erlebt. Das ist der Herbst '89. Die Demonstrationen, Debatten, Diskussionen. Dass Menschen auf die Straßen gehen und Veränderungen fordern, macht sie stolz. Für Petra Lux beginnt in jenen Wochen die aufregendste Zeit ihres Lebens. Dabei wird sie selbst nur selten bei den Demos sein. Sie macht stattdessen zu Hause Telefondienst, weil sie einen Privatanschluss besitzt. Informiert Bärbel Bohley in Berlin und die Bürgerrechtler in den Bezirken von den Ereignissen in der Messestadt. Wirbt für eine Chance, die DDR zu reformieren. Tagsüber gibt sie Interviews für die Journalisten aus aller Welt. In der Nacht steht sie mit Freunden Schmiere, um befürchtete Aktenvernichtungen zu verhindern. An Schlaf ist nicht zu denken. Dann plötzlich fällt die Mauer, und sie fällt in ein großes Loch. Im Dezember 1989 ist sie "völlig ausgebrannt". "Ich konnte nicht mehr, ich war erschöpft." Es ist niemand da, der sie auffängt. Als bei einer Forum-Versammlung auch noch die Frauenquote mit Verweis auf eine drohende Brillenträgerquote abgelehnt wird, steht sie auf und geht. Petra Lux kehrt nie zurück.Sie arbeitet noch ein paar Jahre als Journalistin. Die erste, die bürgerbewegte Zeitung der Messestadt, geht bald. Jeder will schreiben, keiner sich um Anzeigen kümmern. Beim Radio, sagt sie, habe man immer kürzere Beiträge von ihr verlangt. Also geht sie auch da. Aber es ist ein langer Abschied, der ein Aufbruch wird.1995 hat Petra Lux ein Ying yang-Zentrum eröffnet. In Leipzig unterrichtet sie seitdem Tai Chi und Qi Gong. 70, 80 Leute kommen zu ihr pro Woche, um mithilfe der uralten asiatischen Kunst einen inneren Ausgleich zu finden. Ob das ihr Abschied aus der Politik war? Petra Lux hält einen Augenblick inne. Dann sagt sie, begleitet von einem freundlichen Lächeln: "Ich finde, das ist ein sehr politischer Ansatz."

Petra Lux: Wir wollten eine ehrliche DDR. Foto: Lutz Winkler
Petra Lux: Wir wollten eine ehrliche DDR. Foto: Lutz Winkler FOTO: Lutz Winkler