Wem "gehört" der polnische Unabhängigkeitstag? In einem sind sich alle einig: Sie wollen den Tag feiern, an dem Polen 1918 seine staatliche Unabhängigkeit wieder erlangte, nachdem es mehr als 100 Jahre von der Landkarte Europas verschwunden war. Doch was für ein Polen dabei gefeiert wird, das ist auch in diesem Jahr am 11. November umstritten. Nur die weiß-roten Nationalfahnen werden auf allen der Demonstrationen zu sehen sein.

Vom extremen rechten Rand der Gesellschaft bis zum gemäßigt-bürgerlichen Lager mit Staatspräsident Bronislaw Komorowski gehen am Dienstag Zehntausende auf die Straße. Auch ein Großaufgebot der Polizei wird im Einsatz sein. Allein in Warschau werden 5000 zusätzliche Beamte eingesetzt. Am polnischen Unabhängigkeitstag, einem der höchsten staatlichen Feiertage des Landes, ist immer auch die Angst vor der Gewalt dabei.

Ein Blick zurück zum 11. November 2011: Polizisten halten rechte und linke Demonstranten auseinander - und werden zum Ziel der Aggressionen. Steine fliegen, Polizeiwagen brennen, ein Kamerateam wird attackiert. Die Bilanz: Rund 40 Verletzte, die meisten von ihnen Polizisten, mehr als 200 Festnahmen. In den Vorjahren hatte es immer wieder Gewalt und Randale gegeben. Doch in diesem Ausmaß waren die Demonstrationen am Unabhängigkeitstag noch nicht eskaliert.

Nationalisten, Rechtsextremisten, Hooligans hatten den Tag, an dem Polen seine Unabhängigkeit feiert, regelrecht annektiert. Ihr Idol ist Roman Dmowski, der in den 30-er Jahren polnischer Staatspräsident war und mit seiner nationalistischen Politik die nationalen und religiösen Minderheiten Polens ins Abseits drängte. Ähnlich sehen die Demonstranten vom rechten Rand Gefahren durch die europäische Integration.

Auch in diesem Jahr haben mehrere Organisationen unter dem martialischen Motto "Armee der Patrioten" zur Demonstration aufgerufen. Die Möglichkeit von Konflikten ist offenbar eingeplant: Auf der Webseite der Organisatoren können sich die 50 000 erwarteten Teilnehmer Tipps zum Verhalten bei einer Festnahmen und die Telefonnummer der Rechtsabteilung des Veranstalterstabs herunterladen.

Präsident Komorowski will die Straße nicht den Nationalisten überlassen. Wie schon in den Vorjahren ruft er zu einem Marsch unter dem Motto "Zusammen für die Unabhängigkeit" aufgerufen. Künstler sowie der Radrennfahrer Michal Kwiatkowski und die Schauspielerin Krystyna Janda unterstützen den Videospot des Präsidenten, der die Polen zu einem gemeinsamen, friedlichen Feiertag einen will. "Lasst uns zeigen, dass die Polen an diesem besonderen Tag zusammen sein wollen", appelliert Komorowski in dem auch über youtube verbreiteten Video.

Doch angesichts der zerstrittenen politischen Lager in Polen ist es mit der Gemeinsamkeit nicht weit her. Die nationalkonservative Oppositionspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) setzt auf einen eigenen Marsch und wird am 11. November mit ihrem Vorsitzenden Jaroslaw Kaczynski in Krakau auf die Straße gehen. Bereits am Samstag zogen rund 1500 linke Demonstranten unter dem Motto "Zusammen gegen Nationalismus" durch die Warschauer Innenstadt.