Am 31. Oktober 2017 jährt sich das Datum, an dem Martin Luther angeblich seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg nagelte, zum 500. Mal. Und während schon heute klar ist, dass es sich bei den anstehenden Jubiläumsfeierlichkeiten um ein Ereignis von Weltrang handelt, das Hunderttausende zusätzliche Besucher nach Deutschland ziehen wird, wird über das, was eigentlich gefeiert werden soll, weiter lebhaft diskutiert.

Vorbereitet wird das Jubiläum gemeinsam vom Staat und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Schon seit 2011 überweist die Bundesregierung jährlich fünf Millionen Euro aus dem Haushalt des Kulturstaatsministers, die dann etwa zur Finanzierung von Ausstellungen oder zur Sanierung der Kirchengebäude in Wittenberg verwandt werden.

Denn "die Reformation reicht in ihren Auswirkungen weit über Deutschland hinaus", sagt Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU). Von der Evangelischen Kirche sind für 2017 ein evangelischer Kirchentag in Berlin und Wittenberg und eine Weltausstellung des Protestantismus in der Lutherstadt geplant. Zudem haben fast alle Bundesländer beschlossen, dass der 31. Oktober, der im Westen des Landes ja ein normaler Werktag ist, im Jahr 2017 zu einem einmaligen gesetzlichen Feiertag werden soll.

Aber was ist mit denen, die kaum einen Anlass zum Feiern sehen? Weil sie, wie die Katholiken, damit eher die schmerzliche Erinnerung an die Abspaltung der Protestanten verbinden? Weil sie sich als Juden an die antisemitischen Ausfälle Luthers erinnern? Weil sie selbst in gar keiner Kirche mehr sind? "Ein Luther, an dem sich die Geister nicht scheiden, ist nicht Luther", sagt der Göttinger Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann. Wenn das Gedenken an ihn staatstragend und nicht dissonant ausfalle, "besteht Anlass zu Misstrauen und Wachsamkeit".

Doch die EKD wirkt gerade staatstragend: Ihr Ratsvorsitzender Nikolaus Schneider betont bei jeder sich bietenden Gelegenheit, dass das Jubiläum mit den Katholiken und unter Einbeziehung aller gesellschaftlichen Gruppen gefeiert werden soll. Ein im Sommer von der Evangelischen Kirche in Deutschland vorgestelltes Grundlagenpapier mit dem Titel "Rechtfertigung und Freiheit" dient vor allem der Selbstvergewisserung der Protestanten. "Martin Luther hat wiederentdeckt, dass sich Gott ohne Vorbedingungen mit den Menschen versöhnen will", sagte der wichtigste Autor, der Berliner Theologieprofessor Christoph Markschies, damals. Deswegen fühlten sich "Christenmenschen freigesprochen von Gott, angenommen trotz aller Fehler und Versäumnisse, nicht reduziert auf ihre Taten und Leistungen."

Historikern wie Heinz Schilling ist das zu wenig. Er wirft der EKD vor, die Erkenntnisse der historischen Forschung zu ignorieren: Seiner Ansicht nach wird es der Tragweite der Reformation nicht gerecht, werde sie allein auf das Religiöse reduziert. "Nicht die Kirchenspaltung ist das Thema, sondern die kulturelle Differenzierung Europas." Ein "frühmoderner Stadtrepublikanismus und eine stadtbürgerliche Politikkultur" traten in Erscheinung. Und es täte der heutigen Gesellschaft gut, sich auch darauf zu besinnen.