Ein Netz staubiger Wege durchzieht meilenweit den Grundbesitz des Präsidenten. Sie führen vorbei an hüfthohem Präriegras, einsamen Bäumen und Kakteen. Die Sonne ging gerade auf, als George W. Bush am Samstagmorgen Angela Merkel auf einem Spaziergang die karge landschaftliche Schönheit seiner Ranch im texanischen Weiler Crawford zeigte. "Ein herrlicher Morgen", berichtete er hinterher: "Die Vögel fingen gerade an zu zwitschern." Dem Präsidenten war nach Schwärmen zumute. Hinter ihm lagen lange Gespräche mit der Kanzlerin in familiärer Atmosphäre. Das Ergebnis: demonstrative Vertraulichkeit in den deutsch-amerikanischen Beziehungen und ein Warnsignal an den Iran.

Mehr wirtschaftlicher Druck
Der ungelöste Atomstreit mit dem Iran hatte sich mit Macht vor die heitere Präriekulisse geschoben. Vor Kurzem hatte Bush noch gewarnt, eine drohende atomare Aufrüstung des Iran könnte sich bis zu einem "Dritten Weltkrieg" steigern. Vielleicht war es das rustikale Idyll, das Bush an diesem Wochenende besänftigte, vielleicht auch die Präsenz der von ihm geschätzten Kanzlerin: Von einem Militäreinsatz gegen Teheran sprach er in Crawford jedenfalls nicht mehr. Gefragt sei Diplomatie, da war er sich mit Merkel einig. Zufrieden quittierte er das Hilfsangebot der Kanzlerin: Diese will notfalls den wirtschaftlichen Druck erhöhen, sollte der Iran ein Einlenken verweigern. Deutschland könnte dann seine "Handelsaktivitäten einschränken", warnte sie.
Gemeinsamkeit war das Grundmotiv eines Wochenendes, das reich war an symbolischen Gesten. In einem Kleinlaster hatte Bush am Freitag die Kanzlerin und ihren Mann Joachim Sauer eigenhändig vom Hubschrauber zur Ranch gefahren. Familiär sollte es zugehen, Krawatten waren verboten, Bush trug Jeans. Das Abendessen der Ehepaare habe über eine Stunde länger als geplant gedauert, berichtete Bushs Sicherheitsberater Stephen Hadley hinterher, und nach dem Essen hätten sich Gastgeber und Gäste zwanglos zum Plaudern zusammengesetzt. Merkel habe von Konrad Adenauer erzählt und von Deutschlands Aufbau nach dem Weltkrieg. Bush hatte diese Periode immer wieder als Vorbild für eine Demokratisierung des Irak genannt.
Die Einladung an Merkel auf die Ranch galt als Auszeichnung. Die Kanzlerin bedankte sich: "Das ist ein wunderschönes Fleckchen Erde", sagte sie auf der gemeinsamen Pressekonferenz. Meinungsunterschiede sprachen Merkel und Bush dabei freundlich an, doch die einzigen wirklichen Missklänge stammten vom Zirpen der Zikaden im Unterholz. Bush enthielt Merkels Wunsch nach einem ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat abermals die Unterstützung vor, formulierte das aber nett: "Angela hat gute Vorschläge gemacht, ich bin interessiert." Merkel machte klar, dass ihre Forderung stehen bleibt: "Ich bin ein erfolgsorientierter Mensch." Wie genau der Diskussionsstand ist, blieb unklar.

Merkel geht mimisch auf Distanz
Merkels Auftritt in Crawford hatte nichts von jener Erhabenheit, mit der Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy wenige Tage zuvor in Washington eine Liebeserklärung an die USA abgegeben hatte. Als Bush die Kanzlerin pathetisch als Partnerin im Kampf gegen den Terrorismus vereinnahmte, schaffte sie zumindest mimisch Distanz. Bushs ausführliche Warnung vor der Gefahr durch das Terrornetzwerk Al Qaida hatte in einem überschwänglichen Lob für Merkel gegipfelt: "Die Kanzlerin teilt diese Vision, und ich schätze das hoch ein." Merkel als Visionärin? Die Kanzlerin konnte sich darauf ein Grinsen nicht verkneifen, es wirkte eher spöttisch als geschmeichelt.
Die Charmeoffensive des Präsidenten rollte unbeirrt voran. Kritik seiner Minister an Nato-Staaten, die wie Deutschland keine Soldaten zum Kampfeinsatz in Südafghanistan abstellen, griff Bush nicht auf. Stattdessen dankte er der Bundeswehr für ihren Einsatz in anderen Landesteilen. Zum Klimaschutz, einem Hauptanliegen der Kanzlerin, sagte er: "Das ist mir sehr wichtig." Zwar räumte er ein, dass er Merkels ambitionierte Ziele zum Klimaschutz nicht teilt. Doch als Merkel ihre Hoffnung auf eine Lösung des Problems bekundete, warf er auf deutsch ein: "Jawohl!

Hintergrund Nicht immer einig - Merkels und Bushs Positionen
Iran: Merkel und Bush sind sich einig, dass eine atomare Aufrüstung des Iran verhindert werden muss. Beide hoffen, Teheran diplomatisch zur Aufgabe seines Atomprogramms zu bewegen. Die USA haben kürzlich ihr Embargo gegen den Iran einseitig verschärft. Deutschland setzt auf weitere Sanktionen durch den UN-Sicherheitsrat. Washington hält sich die militärische Option offen, wofür es in Berlin derzeit keine Unterstützung gibt.
UN-Sicherheitsrat: Hier liegen Berlin und Washington klar auseinander. Merkel strebt die ständige Mitgliedschaft Deutschlands im UN-Sicherheitsrat an. Bush verweigert dem bislang die ausdrückliche Unterstützung der USA.
Klimaschutz: Die Bundeskanzlerin befürwortet verbindliche internationale Vereinbarungen, um den Ausstoß von klimaschädlichen Treibhausgasen nachprüfbar zu verringern. Der US-Präsident lehnt verbindliche Zielvorgaben ab. Er setzt auf freiwillige einzelstaatliche Lösungen und die Entwicklung klimafreundlicher Technologien.
Afghanistan: Im Kampf gegen den islamischen Extremismus sind Deutschland und die USA militärische Verbündete. In Bushs Regierung herrscht aber Enttäuschung über jene Nato-Partner, die sich wie Deutschland nicht an den gefährlichen Kampfeinsätzen gegen die Taliban in Südafghanistan beteiligen. Washington fordert eine gerechtere Lastenverteilung. Berlin verweist auf den stabilisierenden Beitrag der Bundeswehr im Norden.