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"Weltoffen, international, dialogorientiert"

Eröffnung der Weltausstellung am 20. Mai auf dem Wittenberger Markt mit dem Luther-Denkmal.
Eröffnung der Weltausstellung am 20. Mai auf dem Wittenberger Markt mit dem Luther-Denkmal. FOTO: dpa
Wittenberg. Margot Käßmann war am Ende zufrieden. "Erstmals war ein Reformationsjubiläum weltoffen, international, dialogorientiert", sagte die Reformationsbeauftragte des Rates der EKD zum Ende der Weltausstellung Reformation in Wittenberg. Benjamin Lassiwe / iwe1

Nach 16 Wochen wurde dort am Freitag Bilanz gezogen: Seit Anfang Juni habe man, so der Geschäftsführer Ulrich Schneider, insgesamt 294 000 "Eintritte" gezählt. Rund 30 000 Menschen besuchten die Kunstausstellung "Luther und die Avantgarde" im alten Gefängnis von Wittenberg, die noch bis zum 1. November verlängert werden soll. Rund 85 000 Menschen nahmen an den Konzerten des Reformationssommers teil. Die Schlosskirche, an deren Tür Martin Luther seine 95 Thesen anschlug, wurde seit Jahresbeginn von 300 000 Menschen besucht.

Damit bleibt die Weltausstellung in Wittenberg freilich deutlich hinter den Erwartungen zurück. "Als wir im vergangenen Jahr die Touristiker gefragt haben, wie viele Besucher kommen würden, hieß es 12- bis 15 000 am Tag", sagte der Wittenberger Superintendent Christian Beuchel. Später gingen die Veranstalter von 500 000 Besuchern der Weltausstellung aus, die mit entsprechend hohem Aufwand geplant wurde: Rund 20 Millionen Euro Kirchensteuern und staatliche Zuschüsse flossen in die Stände in den Parkanlagen und in der Innenstadt von Wittenberg. Sehenswert etwa war der "Erlebnisraum Taufe", in dem Besucher in einer multimedialen Form, mit einem Video und einer persönlichen Einzelsegnung an ihre eigene Taufe erinnert wurden. Knapp 10 000 Menschen nutzten dieses Angebot. Oder der Stand der evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, wo der weltweit erste Segensroboter immerhin von 10 000 Menschen genutzt wurde. Doch diese Zahlen zeigen, dass selbst die populärsten Angebote der Ausstellung längst nicht von jedem der 294 000 zahlenden Besucher genutzt wurden. Und der Wittenberger Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer warf der Kirche gar "Selbsttäuschung" und "geistliche Verödung" vor. "Mir ist klar, dass es auch kritische Punkte gab, wie könnte es anders sein, bei einem so großen Projekt", sagte Käßmann. "Wir werden sie sammeln, und in die Auswertung einbeziehen." Unklar ist dagegen noch, ob die deutlich schlechteren Besucherzahlen Auswirkungen auf die Finanzen des Vereins haben. Der Kassensturz werde erst im Oktober oder November erfolgen, sagte Geschäftsführer Schneider. Sollte der Verein mit einem Defizit schließen, wird am Ende wohl die Evangelische Kirche in Deutschland die Zeche zahlen müssen.

Nachhaltig positive Wirkung hatte die Weltausstellung freilich in Wittenberg und der Region. In Garrey, einem kleinen, schon zu Brandenburg gehörendem Dorf in der Nähe der Lutherstadt, fand etwa während der Ausstellung an jedem Sonntag ein Gottesdienst statt. Denn dort war das Team einquartiert, das den Stand der Evangelischen Landeskirche Württembergs betreute - und die Pfarrer und Ehrenamtlichen sorgten dafür, dass die kleine Dorfkirche und das ganze Gemeindeleben vor Ort eine ungeahnte Renaissance erlebte. Ähnlich sieht das der Oberbürgermeister von Wittenberg, Torsten Zugehör. "2017 war das mit Abstand erfolgreichste und am stärksten besuchte Jahr in der Geschichte der Stadt", sagt Zugehör. "Sanierte Kirchen, ein neuer Hauptbahnhof und vieles andere mehr lassen unsere Stadt nachhaltig erblühen." Und auch die Kirchengemeinden vor Ort zeigten sich am Ende begeistert. Denn die zum größten Teil keiner Kirche angehörenden Wittenberger haben die Angebote der Ausstellung gern genutzt - so waren an jedem Freitagabend mehrere Hundert Besucher in einer "Church Night" am Stand der Hessen-Nassauischen Kirche. Dieses Angebot soll auch nach Ende der Weltausstellung fortgesetzt werden, kündigte Superintendent Christian Beuchel an.

Die Schlosskirche, an deren Tür Luther seine 95 Thesen anschlug.
Die Schlosskirche, an deren Tür Luther seine 95 Thesen anschlug. FOTO: dpa