Lorenzkirch? Kaum jemand kennt das kleine Dorf, das zwischen Riesa und Torgau am Elberadweg liegt - trotz seiner besonderen Geschichte. Nicht nur zählt es als Wettbewerbssieger zu "Sachsens schönsten Dörfern", sondern brachte auch einen Nobelpreisträger hervor. Zudem seien sich hier - anders als gemeinhin bekannt - US- und Rote Armee am 25. April 1945 erstmals begegnet, sagen zumindest die Einheimischen.

Hannelore Nareike ist eine von sieben Mitstreitern der örtlichen Interessengemeinschaft. Gemeinsam wollen sie das Dorf bekannter und attraktiver für den Tourismus machen. Ihr jüngstes Projekt: die Aufstellung von fünf Geschichtstafeln im Frühjahr dieses Jahres. Monatelange Recherchen ergaben drei dicke Ordner historisches Wissen über das zur Gemeinde Zeithain gehörende Lorenzkirch im Landkreis Meißen - zurück bis ins 10. Jahrhundert.

Eine Tafel auf dem Weg zur Elbfähre erinnert an die erste amerikanisch-sowjetische Begegnung zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Sie soll nicht etwa in Torgau, sondern wenige Stunden zuvor in dem kleinen Dorf stattgefunden haben. Leutnant Albert Kotzebue suchte damals mit seinem Aufklärungstrupp nach der Roten Armee.

"Als die US-Soldaten in Strehla am anderen Elbufer einige Sowjets entdeckten, nahmen sie sich eine Schaluppe und ruderten auf die andere Seite", erzählt der Torgauer Historiker Uwe Niedersen. Sein Freund, der spätere Lorenzkircher Ortschronist Heinz Schöne, sei mit 15 Jahren Augenzeuge dieser Begegnung geworden. Er hielt die Ereignisse in einem Band seiner Aufzeichnungen fest, die im Stadtmuseum Riesa liegen.

"Da die Amerikaner keine Frontreporter dabeihatten und die Begegnung nicht an ihre Vorgesetzten funkten, wusste man in Torgau davon nichts, als das historische Foto aus Torgau um die Welt ging", sagt Niedersen. Und die Rote Armee hatte kein Interesse am Bekanntwerden dieses Ereignisses - standen die Soldaten am Lorenzkircher Elbufer doch inmitten eines von Leichen übersäten Feldes. Die Toten waren Zivilisten, die wenige Tage zuvor bei der Sprengung der Pontonbrücke durch die Wehrmacht und sowjetisches Artilleriefeuer starben.

"Zur 70. Jahrfeier der ersten Begegnung am 25. April 2015 waren auch Veteranen oder deren Verwandte von der Stadt Strehla eingeladen worden. Sie setzten mit der Fähre nach Lorenzkirch über, um an der Einweihung der Tafel teilzunehmen", berichtet Nareike. Einer der Soldaten der US-Patrouille 1945 hieß Joseph Polowski. "So lernte ich an diesem Tag seinen Sohn kennen. Ich war so begeistert, dass ich ihn gleich umarmte."

Eine weitere Besonderheit des Ortes betrifft ein belebendes schwarzes Heißgetränk. Nach der mündlichen Überlieferung soll der Lorenzkircher Pfarrer Sappuhn als Erster den Kaffee von den Türken nach Sachsen gebracht haben. Nareike: "Deshalb eröffnen wir jährlich im August zum Lorenzmarkt die Erste Sächsische Kaffeestube."

Schließlich wurde der Physik-Professor Wolfgang Paul am 10. August 1913 hier geboren. Er erhielt 1989 den Nobelpreis für Physik. Ein erster Versuch, an ihn zu erinnern, scheiterte, wie die Vertreterin der Interessengemeinschaft erzählt: "An seinem Geburtshaus, dem denkmalgeschützten Klosterhof, wollten wir zu seinem 100. Geburtstag 2013 eine Ehrentafel anbringen. Leider mussten wir das aufgrund des Hochwassers um ein Jahr verschieben."