| 02:43 Uhr

"Welche Lust, in freier Luft den Atem leicht zu heben"

Beeindruckendes Finale vor der Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus: Mehr als 300 Mitwirkende lassen mit der Freiheitsoper "Fidelio" förmlich die Mauern bersten.
Beeindruckendes Finale vor der Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus: Mehr als 300 Mitwirkende lassen mit der Freiheitsoper "Fidelio" förmlich die Mauern bersten. FOTO: Marlies Kross
Cottbus. Die Wirklichkeit ist noch fantastischer als die Fantasie. Diese Worte des aus der DDR ausgebürgerten Liedermachers Wolf Biermann standen gleichsam für die Premiere von Beethovens "Fidelio" des Staatstheaters am Samstag in der Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus. Ida Kretzschmar

Schon am Nachmittag herrscht wahrlich Gänsehaut-Atmosphäre zwischen den berüchtigten Mauern, in denen vor allem Menschen wegen ihrer Gesinnung festgehalten wurden. Pfiffe und Stiefelgetrappel sind zu hören. Überall bewaffnete Wachposten mit undurchdringlichen Gesichtern.

Ein blumengeschmückter Gedenkstein im Gefängnishof erinnert an die unschuldigen Opfer politischer Verfolgung von 1933 bis 1945 und von 1945 bis 1989. "Bis zu 20 000 Häftlinge saßen in dem größten politischen Gefängnis der DDR, ab den 70er-Jahren vor allem Republikflüchtlinge", hat das Menschenrechtszentrum ermittelt, berichtet seine Geschäftsführende Vorsitzende Sylvia Wähling, während sie am Samstag zum Fest für Freiheit und Demokratie Besucher durch die Ausstellung "Karierte Wolken" führt.

Höhepunkt dieses Festes wird am späten Abend "Fidelio" sein. Mehr als 1000 Besucher aus der ganzen Lausitz, aus Dresden, Leipzig, Berlin, aus den alten Bundesländern und sogar aus Griechenland sind gekommen.

Beklommenheit erzeugt auch immer wieder ein Blick auf die dunklen Wolken, die sich über dem Hof zusammenballen und Regen bringen: Wird die Freiheitsoper etwa ins Wasser fallen?

Dieter Dombrowski (CDU), Vorsitzender des Menschenrechtszentrum Cottbus e.V., selbst einst an diesem düsteren Ort politischer Häftling, braucht zur Eröffnung keinen Regenschirm. Er begrüßt prominente Gäste, unter ihnen die Kulturstaatsministerin der Bundesregierung Monika Grütters (CDU) und der brandenburgische Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD), sowie Opernliebhaber und ehemalige Gefangene, dankt den Sponsoren und mehr als 300 Mitwirkenden.

Ganz besonders herzlich aber werden die "Damen in Weiß" aus Kuba willkommen geheißen. Wie Leonore in der Freiheitsoper ihren geliebten Florestan nicht aufgibt, kämpfen auch die "Damen in Weiß" für ihre inhaftierten Männer, Töchter und Söhne. Jeden Sonntag demonstrieren sie schweigend mit Gladiolen als Symbol der Familie für ihre Freilassung. Gladiolen werden auch in Cottbus für diese mutigen Frauen verkauft - und Cuba Libre. 6985 Euro können die Sprecherin der bekanntesten kubanischen Bürgerrechtsbewegung, Berta Soler, und ihre Mitstreiterin Yaquelin Boni hier als Geste der Solidarität entgegennehmen.

Die düsteren Wolken scheinen für den Moment vertrieben. Der Opernabend nimmt seinen Lauf. Spätestens als der Gefangenenchor auf die Bühne kommt, ist das Gänsehautgefühl wieder da. Ehemalige Häftlinge, die hier eingesperrt waren, weil sie sich ihre Freiheit nicht nehmen lassen wollten, sind darunter. Wie Ursula Paul, die mit ihrem Mann Friedemann aus der Beethovenstadt Bonn an diesen Ort zurückgekehrt ist. Beklommen haben sie sich während der ersten Proben gefühlt, erzählen die beiden in der Pause. Aber diese Beklemmung sei immer mehr einer freudigen Erregung gewichen. "O welche Lust, in freier Luft den Atem leicht zu heben" singen sie gemeinsam mit dem Chor aus tiefstem Herzen. Tochter Annette schließt die beiden in die Arme: "Ich bin so stolz auf Euch", sagt sie ganz berührt. Auch vier der neun Enkelkinder der Pauls sind mitgekommen, um diese Opernaufführung mit ihren Großeltern zu teilen. "Für uns ist die Mitwirkung Aufarbeitung unserer schlimmen Erlebnisse. Wichtiger ist es uns aber, den Enkeln mitzugeben: Lasst Euch niemals bevormunden", sagen die Pauls.

Noch einmal stockt der Atem, als kurz vor dem Finale der Himmel erneut einen Regenguss herunterschickt. Nur wenig später befreiendes Aufatmen. Die Freiheitsoper löst förmlich einen Mauerfall aus.

"Super", fasst der 18-jährige Paul-Enkel Jonathan für seine Generation zusammen.

Kommentar zum Artikel: Kunst trifft Wirklichkeit