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Weiter Streit um DDR-Zwangsadoptionen

  „Bei dem Vorwurf der Asozialität ist der SED-Staat sehr hart vorgegangen.“„Fallzahlen von 1000 und mehr entbehren jeglicher Grundlage.“  Marie-Luise Warnecke, JuristinMarie-Luise Warnecke Von Andreas Hummel


Eines der dunkelsten Kapitel der SED-Diktatur lässt auch 18 Jahre nach der Wiedervereinigung viele Betroffene nicht zur Ruhe kommen: Zwangsadoptionen. Noch immer gibt es Streit darüber, wie viele Kinder ihren Eltern etwa aus politischen Gründen entrissen wurden. Während Experten von nur wenigen wirklich politisch motivierten Fällen ausgehen, sind Betroffene von einer hohen Dunkelziffer überzeugt. Derweil suchen Dutzende Eltern noch immer nach ihren Kindern und Kinder nach ihren leiblichen Eltern. Auf einer erst seit wenigen Monaten bestehenden Internet-Seite des Geraer Vereins „Hilfe für die Opfer von DDR-Zwangsadoptionen“ sind bereits 60 Suchanzeigen vermerkt.
Die Initiatorin Katrin Behr sieht sich selbst als Opfer. Im Alter von vier Jahren wurde ihre Mutter verhaftet – sie und ihr Bruder wurden zunächst ins Kinderheim gesteckt. „Wir haben morgens noch geschlafen, als es plötzlich laut an die Tür gedonnert hat“, erinnert sie sich. „Dann mussten wir uns ganz schnell anziehen.“ Das war 1972 in Gera. Begleitet von mehreren Männern wurden sie von der Wohnung in der Flo rian-Geyer-Straße wenige Meter zum Marktplatz geführt. Dort wurden die beiden Kinder von ihrer Mutter getrennt. „Sie hat noch versprochen, dass sie abends wieder kommt, aber sie kam nicht.“
Behrs Mutter wurde nach dem Asozialen-Paragraf 249 verurteilt und saß in Halle in der Haftanstalt „Roter Ochse“ ein, wie sie ihr später erzählt habe. Sie habe sich trotz des Drucks geweigert, ihre beiden Kinder zur Adoption freizugeben. Genutzt hat es nichts. Behr kam nach mehreren gescheiterten Versuchen drei Jahre nach der Verhaftung ihrer Mutter in eine Familie in Gera. Ihre neue Mutter war Parteisekretärin und linientreu.
Doch Schicksale wie das von Katrin Behr fallen durch das gängige Raster. „Bei dem Vorwurf der Asozialität ist der SED-Staat sehr hart vorgegangen“, sagt die Juristin Marie-Luise Warnecke, die sich in ihrer Dissertation mit Zwangs adoptionen in der DDR befasst hat. „Allerdings ist es schwierig nachzuweisen, wo das Verschulden zuerst lag.“ Zwar seien solche Fälle nicht zu verharmlosen, doch könne es auch am Unvermögen und Versagen der Eltern gelegen haben, dass ihnen die Kinder weggenommen wurden.
Bei ihrer Studie, die von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gefördert wurde und im Herbst veröffentlicht werden soll, hat Warnecke fünf vollendete und eine versuchte Zwangsadoption aus politischen Gründen nachweisen können. „Fallzahlen von 1000 und mehr entbehren jeglicher Grundlage“, resümiert sie. Zudem habe sie keine Hinweise gefunden, dass es eine direkte Anweisung der damaligen Ministerin für Volksbildung, Margot Honecker, für diese Sanktionen gegeben hat. „Es ist kein einheitlich angewandtes Verfahren zu erkennen, was gegen eine generelle Anweisung spricht.“
Zwangsadoptionen aus politischen Gründen hatten in den 1970er-Jahren nach Berichten des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ für Aufsehen gesorgt und die Beziehungen zwischen der BRD und der DDR belastet. Grundlage für Zwangsadoptionen war das Familiengesetzbuch der DDR. Es ließ den Entzug des Erziehungsrechts bei „schwerer schuldhafter Verletzung der elterlichen Pflichten“ zu. Zu den Pflichten der Eltern gehörte es, dass sie ihre Kinder „zur Einhaltung der Regeln des sozialistischen Zusammenlebens“ und „zum sozialistischen Patriotismus“ erziehen.
Anfang der 1990er-Jahre war in Berlin eine Clearingstelle zur Aufklärung von Zwangsadoptionen eingerichtet worden. Der Einigungsvertrag hatte die Möglichkeit geschaffen, nach DDR-Recht erfolgte Adoptionen gerichtlich prüfen zu lassen. Dabei kam die Stelle damals zu einer ähnlichen Einschätzung wie Juristin Warnecke. Insgesamt wurden sieben Zwangsadoptionen wegen politischer Vergehen der Eltern aufgedeckt, der Großteil davon in den Jahren 1969 bis 1976. In vielen Fällen, in denen sich Mütter hilfesuchend an die Stelle wandten, musste eingeräumt werden, „dass ihnen mit großer Wahrscheinlichkeit auch nach den Gesetzen der Bundesrepublik die Kinder weggenommen worden wären“. Doch hätten die Behörden diesen oftmals gestrauchelten Müttern „übel mitgespielt“.
Nach Einschätzung Behrs gibt es heute noch viele Hürden, die zwangsweise adoptierte Menschen daran hindern, nach ihren leiblichen Eltern zu suchen. So trauten sich viele aus Loyalität zu ihren Adoptiveltern nicht, eine Suche zu starten. „Da sitzt man als Kind zwischen zwei Stühlen.“ Zudem würden sie mitunter bei den Ämtern mit der Antwort, es gebe keine Akte mehr, abgespeist.
Ihr sei auch von Fällen berichtet worden, bei denen die Kinder gar nicht wussten, dass sie zwangsadoptiert sind, sagt Behr. Dies komme erst heraus, wenn sie bei einer Hochzeit die Abstammungsurkunde vorlegen müssen. Doch soll dies zum 1. Januar 2009 abgeschafft werden. „Der Zufall spielt dann keine Rolle mehr.“
Infos im Internet: www.zwangsadoptierte-kinder.de