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Weiter auf der Achterbahn

Der eine war Kanzler, der andere will es werden: Gerhard Schröder (l.) und Martin Schulz.
Der eine war Kanzler, der andere will es werden: Gerhard Schröder (l.) und Martin Schulz. FOTO: dpa
Dortmund. Bundestagswahl 2017: Die SPD euphorisiert sich auf ihrem Parteitag in Dortmund neu – und schießt sich auf die Kanzlerin ein. Hagen Strauß

Nach 52 Minuten fällt das Sakko. "Man, ist das heiß hier", ruft Martin Schulz. Sein weißes Hemd ist schweißgetränkt. Die Arena tobt. Mal wieder. Allein sein Gang nach vorn zum Rednerpult hat schon frenetischen Jubel bei den rund 6000 Sozialdemokraten in der legendären Dortmunder Westfalenhalle ausgelöst.

Doch was danach geschieht, damit haben auch die optimistischsten Genossen nicht gerechnet. Die SPD ist zum Schluss wieder berauscht. Von sich, von ihrem Kanzlerkandidaten. Er bekommt mehr als neun Minuten Beifall. Gerührt, fast demütig wirkt Schulz am Ende seiner inhaltsstarken und kämpferischen Rede. Da hat er gerade eindringlich erklärt, warum er Bundeskanzler werden will: Weil er für die Idee eines offenen, vielfältigen und toleranten Europas kämpfen werde.

Der Applaus will nicht enden, "Martin-Martin"-Sprechchöre sind zu hören. Schulz geht zu Gerhard Schröder und umarmt ihn herzlich. Auch der Altkanzler wirkt überwältigt von der Welle der Euphorie, die durch die Westfallenhalle schwappt. Es herrscht Stadionatmosphäre fast wie beim BVB.

SPD-Vize Manuela Schwesig gibt überraschend gekonnt zuerst die Einpeitscherin. Vor drei Monaten habe man Schulz gewählt, "eine Achterbahn der Gefühle und Umfragen liegt hinter uns", räumt sie ein. Aber: "Jetzt ist noch gar nichts entschieden. Wir werden kämpfen, kämpfen, kämpfen."

Währenddessen sitzt Schulz konzentriert auf dem Podium. Man kann ihm förmlich ansehen, dass er ahnt, in Kürze vermutlich die Rede seines Lebens halten zu müssen. Aber er muss Geduld haben. Vorher ist noch Gerhard Schröder dran. Er hat 2005 bewiesen, dass man 100 Tage vor der Bundestagswahl eine enorme Aufholjagd hinlegen kann. "Was damals ging, geht heute auch", ruft Schröder.

Der Vater der Agenda 2010 hat in der SPD nicht nur Freunde, aber er weiß, wie Wahlkampf geht - deswegen soll er auf dem Parteitag für Motivation sorgen. Das macht er geschickt. Es dürfe "keine Selbstzweifel geben", rät er Schulz. Schröder röhrt: "Wir haben bewiesen, dass wir es können. Und zwar besser als die anderen."

Der Agenda-Kanzler lobt sogar die sozialpolitischen Pläne der SPD - was wie ein Friedensangebot an die eigene Partei wirkt. Es seien noch 13 Wochen, "es braucht Disziplin, Geschlossenheit, Selbstbewusstsein und Kampfeslust", fordert Schröder.

Der Parteitag liefert von allem etwas. Auch bei der Programmdebatte, die weitgehend geräuschlos abläuft. Konflikte sind vorher abgeräumt worden, vor allem die heikle Kontroverse um die Einführung einer Vermögensteuer wurde entschärft: Eine Kommission soll jetzt nach einem gemeinsamen Weg suchen.

Auch die sonst so störrischen Jusos ziehen mit. "Meine Generation hat Angela Merkel satt", begründet die Chefin der Jugendorganisation, Johanna Uekermann, warum man sich nicht länger querstellt. "Keiner hat Interesse, dass sich der Parteitag an einer inhaltlichen Frage zerlegt", merkt ein einflussreicher Delegierter aus Nordrhein-Westfalen an. Das Wahlprogramm wird einstimmig auf dem Parteitag verabschiedet.

Auf einem Plakat steht dann auch "Programm schlägt Raute". Auf dieser Klaviatur spielt Schulz. Der Kandidat bläst zum Angriff. Er erzählt davon, dass die Kanzlerin, die die Hände gerne zur Raute formt, wie schon 2009 und 2013 "systematisch die Debatte um die Zukunft des Landes" verweigere. Das sei auch ein "Anschlag auf die Demokratie". Die Union wolle "sich durchwursteln, da haben wir ein anderes Programm".

Ein ums andere Mal springen die Delegierten begeistert auf. Man werde CDU und CSU auch "nicht durchgehen lassen", die Rente aus dem Wahlkampf herauszuhalten. Schulz öffnet dann die sozialdemokratische Wundertüte. Er verspricht, dass mit ihm die Substanz des Staates nicht länger kaputtgespart werde. Er kündigt Gebührenfreiheit von Kitas bis Hochschulen an, einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung im Grundschulalter und die Einführung einer Familienzeit. Außerdem ein höheres Bafög. Und: "Ich werde keinen Koalitionsvertrag unterschreiben, in dem die Ehe für alle nicht verankert ist." Ziemlich viel auf einmal.

Am Abend zuvor, beim Parteifest im früheren Stadion von Borussia Dortmund, der "Kampfbahn Rote Erde" - was zur SPD passt - gibt Schulz zu: "Der Job, den ich übernommen habe, ist schon eine Herausforderung." Wohl wahr. Sein Formtief scheint er überwunden zu haben.

Bleibt die Frage, ob es für die SPD jetzt auch wieder in den Umfragen bergauf geht. "Wir haben drei Monate Zeit", ruft Schulz zum Abschluss des Parteitages. Das ist nicht lang, aber auch nicht kurz.

Zum Thema:
Obergrenze für Einwanderer: Ohne sie will CSU-Chef Horst Seehofer keine Koalition eingehen. Umgekehrt hat Grünen-Chef Cem Özdemir kategorisch ausgeschlossen, dass es mit den Grünen so eine Grenze gibt. Ob sie überhaupt verfassungsmäßig wäre, ist zweifelhaft: Im Grundgesetz ist das Recht auf Asyl verankert. Ehe für alle: Außer Union und AfD sind alle dafür, aber SPD und Grüne schließen eine Koalition kategorisch aus, die Schwule und Lesben nicht heiraten lässt. FDP-Chef Christian Lindner will seiner Partei an dieser Stelle ebenfalls eine rote Linie empfehlen. Vermögensteuer: Ohne die Wiedereinführung dieser Steuer will die Linke nicht mitregieren, wie Parteichef Bernd Riexinger gesagt hat. Kampfeinsätze der Bundeswehr: Darf es aus Sicht der Linken nicht mehr geben - sonst unterschreiben sie keinen Koalitionsvertrag. Öffentliche Daseinsvorsorge: Gesundheitsversorgung, Wohnungen, Bildung, Energie- und Wasserversorgung, Abfallentsorgung und so weiter dürfen nach dem Willen der Linken nicht privatisiert werden. Sozialabbau: Ist für die Linken eine rote Linie - da machen sie nicht mit. AfD: Was Koalitionsaussagen angeht, halten sie Parteien sich in diesem Wahlkampf bisher alle zurück - nur mit der AfD will niemand zusammenarbeiten. Abschiebung in Krisengebiete: Die Grünen schließen im Programm eine Koalition aus, die in Krisengebiete abschiebt, "die so unsicher sind wie z.B. Afghanistan momentan". Kohleausstieg: Der Abschied von der Kohleenergie ist eine Bedingung der Grünen, wie etwa Parteichef Cem Özdemir betont.