Damit stieg die Zahl der Festgenommenen im Land auf etwa 400. Mehrere hundert jugendliche Demonstranten harrten den dritten Tag in den 20 auf dem Platz aufgebauten Zelten aus.
Die Furcht vor einem gewaltsamen Eingreifen der Sicherheitskräfte spaltete indes die Opposition. Der unterlegene Kandidat der geeinten Opposition, Alexander Milinkewitsch, wies den Vorschlag des Mitbewerbers Alexander Kosulin zurück, das Lager aufzulösen. Kosulin hatte geraten, die Aktion wegen der wachsenden Gefahr und des schlechten Wetters abzubrechen.
Zwei Aktivisten berichteten am Morgen, sie seien auf dem Weg vom Oktoberplatz zur nächstgelegenen U-Bahn-Station von Polizisten angegriffen und verprügelt worden. Die Menschenrechtsorganisation "Wesna" teilte mit, der Verbleib vieler festgenommener Demonstranten sei unklar. Zu den Vermissten gehört auch der Publizist Andrej Dynko. Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung sowie die Frankfurter S. Fischer Stiftung haben gestern seine sofortige Freilassung verlangt. Dynko wurde in der Nacht zum Dienstag in Minsk verhaftet, wie der S. Fischer Verlag gestern berichtete. Dynko ist Herausgeber des Blattes "Nascha Niwa", das als wichtigste oppositionelle Wochenzeitung Weißrusslands gilt.
Milinkewitsch rief seine Anhänger zu einer Großkundgebung am kommenden Samstag auf. Am 25. März 1918 wurde die erste unabhängige Republik Weißrussland gegründet. Präsident Lukaschenko hatte den Feiertag verboten.
Milinkewitsch bat den Westen um stärkere Unterstützung im Kampf gegen den autoritären Präsidenten Lukaschenko. "Es wäre sehr wichtig, die Liste der Einreiseverbote für den weißrussischen Machtapparat um Staatschef Alexander Lukaschenko deutlich zu erweitern", sagte Milinkewitsch. Das Verbot müsse auch für die Personen gelten, die für Wahlrechtsverstöße verantwortlich seien.
Der Kommandeur einer Polizeieingreiftruppe, Oberst Juri Podobed, sicherte zu: "Es wird keine Auflösung der Aktion geben." Er zeigte Journalisten vom Dach des Palastes der Republik den Blick auf die seinen Worten nach "traurige Veranstaltung". Trotzdem setzte die Polizei ihre Taktik der Nadelstiche fort. Geheimpolizisten in Zivil fotografierten alle Demonstranten. Innenminister Wladimir Naumow befahl seinen Einsatzkräften, Bürgern mit Lebensmitteln aus "hygienischen Gründen" den Zugang zum Oktoberplatz zu verwehren. (dpa/ksi)