Als Volker Kauder zum Rednerpult läuft, hat Katrin Göring-Eckardt demonstrativ ein weißes Taschentuch vor sich hingelegt. Auch andere Grüne packen welche aus und winken dem Chef der Unionsfraktion damit zu. Die Inszenierung versteht sich als spöttische Retourkutsche auf Kauders Angriff gegen Familienministerin Manuela Schwesig, die er im Koalitionsstreit um die Frauenquote der Weinerlichkeit bezichtigt hatte. Bei Kauder provoziert die Szene allerdings eine überraschende Gegenreaktion: "Sie haben allen Grund, die Taschentücher bei sich zu behalten", herrscht der CDU-Mann die grünen Bundestagskollegen an. Denn was deren Partei in Thüringen veranstalte, sei tatsächlich zum Weinen", so Kauder in Anspielung auf die rot-rot-grüne Regierungsbildung in Erfurt.

Es ist einer der raren Momente, in dem am Mittwoch im Bundestag so etwas wie Stimmung aufkommt. Dabei soll die "Elefantenrunde", also das traditionelle politische Aufeinandertreffen der ersten Garde von Koalition und Opposition, eigentlich ein rhetorischer Höhepunkt im Berliner Parlamentsleben sein. Stattdessen plätschert die Debatte lustlos dahin. Und das liegt auch an der Veranstaltung am Abend zuvor. Bis kurz vor Mitternacht hatten die Spitzen von Union und SPD im Kanzleramt zusammengesessen, um bei Ente, Gemüse und Rösti auch jene Probleme zu verdauen, die zuletzt für ein immer mieseres Klima in der Koalition sorgten. Insbesondere bei der Frauenquote. Im Bundestag geht Kauder nicht direkt darauf ein, sagt nur, dass die Koalitionsvereinbarung "eins zu eins" umgesetzt werde. In Sachen Quote hätte man in der Union freilich lieber etwas weniger davon gehabt, manche auch gar nichts, was Schwesig und ihre SPD aber zu verhindern wussten. Der Fraktionschef der Sozialdemokraten, Thomas Oppermann, lobt das nächtliche Verhandlungsergebnis deshalb in den höchsten Tönen: Die Übereinkunft, ab 2016 fast jeden dritten Aufsichtsratsposten in den größten Unternehmen weiblich besetzen zu müssen, sei "vor allem ein starkes Signal an die qualifizierten Frauen in diesem Land". Auch beim Reizthema Russland hat Schwarz-Rot abgerüstet. Redner der Union betonen, dass CDU-Kanzlerin Angela Merkel und SPD-Außenminister Frank-Walter Steinmeier "an einem Strang ziehen". CSU-Chef Horst Seehofer hatte das kürzlich in einem Interview noch anders gesehen und Steinmeier vorgeworfen, eine "eigene Diplomatie" gegenüber Moskau zu betreiben.

Schwarz-Rot ist einstweilen also wieder im grünen Bereich. Und womöglich gerade deshalb fällt der Redeauftritt der Kanzlerin besonders langweilig aus. Ihre fast 40-minütigen Ausführungen klingen über weite Strecken wie ein staubtrockener Rechenschaftsbericht über den letzten G-20-Gipfel in Australien. Später macht Merkel ebenfalls klar, dass man sich mit Steinmeier außenpolitisch völlig einig sei. Anders als Kauder findet sie für die mühsam ausgehandelte Frauenquote ein paar anerkennende Worte: Zwar verlange der Beschluss von den Arbeitgebern Flexibilität. Aber "wir können es uns nicht leisten, auf die Kompetenz der Frauen zu verzichten", so die Kanzlerin.

Und die Opposition? Die lässt wie immer kein gutes Haar an Merkel und ihrer Regierung. Besonders dick trägt Linksfraktionsvize Sahra Wagenknecht auf. Sie zeichnet das Schreckensbild eines "zutiefst gespaltenen Landes" voller Armut und Elend und wirft Merkel nicht nur "Nullkompetenz" in der Wirtschaftspolitik vor, sondern auch eine aggressive Außenpolitik. Merkel habe Deutschland in die "Neuauflage eines Kalten Krieges mit Russland hineingetrieben", empört sich Wagenknecht. Dagegen brandmarkt Grünen-Fraktionschef Toni Hofreiter vor allem den Debatten-Stil der Kanzlerin: "Wenn ich Ihnen zuhöre, sehe ich nur diffusen, grauen Nebel vor mir". Freilich haben solche Stimmen eher Seltenheitswert. Denn die Opposition verfügt nur über knapp jedes fünfte Mandat im Bundestag. Deshalb kommt sie dort auch wenig zu Wort.