Jurij Brezan ist tot. Selten hat mich ein Tod so betroffen gemacht. Er hat den Dichter aus reichem Schaffen gerissen.
Es mag ja sein, dass, wer ihm täglich nahe war, von seinem Ableben nicht so überrascht ist. Allzu gebrechlich war er geworden. Die Beine wollten ihm den Dienst versagen. Die Hände, in denen er früher, wie es schien, Krabats Zauberstab gehalten hatte, mussten jetzt die Gehhilfe umklammern. Er verließ auch nur noch selten sein Anwesen im Räckelwitzer Ortsteil Dreihäuser (Landkreis Kamenz). Aber er hatte Welt genug gesehen, um aus diesem geistigen Fundus zu zehren. Noch vor gut einer Woche hatte ich in zwei wunderbaren Stunden mit ihm über die sorbischen Märchen und sein neues Buch gesprochen, über die märchenhaften Seiten seines Lebens und des sorbischen Überlebens als winziges Volk inmitten von Großmächten. Ein Weiser hatte mir gegenüber gesessen, der nach Worten nicht suchen musste. Seine Magie gab dem Porträt in der jüngsten RUNDSCHAU-Wochenendbeilage den Titel: „Der alte Mann und der Zauber seiner Märchen“ .
Durch diese Märchen sollen deutsche Leser die Sorben näher kennen lernen: „Ich möchte, dass sich unsere beiden Völker so zueinander verhalten wie einzelne Personen im Dorf. Für die spielt es keine Rolle, ob einer Sorbe ist oder Deutscher. Sie achten, beachten, helfen einander, arbeiten und feiern. Aber schon in Dresden weiß mancher nichts mit den Sorben anzufangen.“ Oft erhob er die Stimme für sein Volk. Der Erhalt von Sprache und Kultur dürfe nicht am Geld scheitern, die Chronik der Sorben nicht mit dem Rotstift geschrieben werden.
Wie viel Lebenserfahrung atmeten doch Worte und Werke: Kindheit und Jugend in einer armen Familie, Auseinandersetzungen mit den und Widerstand gegen die Nazis, die ihn vom Studium relegiert, ins Ausland getrieben, ihn verfolgt und eingekerkert hatten, in die Wehrmacht gepresst und mit standrechtlichem Tode bedroht. Eine Weile wähnte er sich dann in besseren Zeiten. Der Sozialismus versprach soziale Gerechtigkeit, Freiheit, die Macht für die kleinen Leute und den Sorben und Wenden ein Vaterland. Leider war das ein (Stief-)Vaterland, beschränkt durch die Grenzen der Kleindeutschen Demokratischen Republik, der marxistisch-leninistischen, zeitweilig stalinistischen, Weltanschauung und starrer Bürokratie.
Jurij Brezan hat den Widrigkeiten historischer Entwicklungen, Verwicklungen und Abwicklungen wunderbare Bücher entgegengesetzt und war dadurch bis zuletzt auch in der Lage, seinem kranken Organismus ein großes geistiges Werk abzuringen.
Für lange Zeit galt seine Hanusch-Tetralogie (1958 bis 1964 und 2003) als sein wichtigstes Werk: Ein Entwicklungsroman, der jüngere deutsche Geschichte aus sorbischer Sicht darstellt. Literarische Größe mit philosophischer Tiefe erreichte er mit seinen Romanen „Krabat oder Die Verwandlung der Welt“ (1976), „Krabat oder Die Bewahrung der Welt“ (1993) sowie mit „Bild des Vaters“ (1983).
Er blieb immer der weise Mahner, der schon im zweiten Krabat-Roman 1993 auf den Raubbau an der Zukunft verwies: „Der Mensch verkauft die Jahre der Enkel an der Börse des Widersinns.“
Er war der Pläne und Termine noch voll, erzählte von einer großen Novelle, die er eben zu schreiben begonnen hatte, freute sich auf die Buchpremiere heute in Cottbus, die nun ausfallen muss. Heron-Geschäftsführer Roland Quos: „Viele seiner Bücher haben unser Leben begleitet. Das wird so bleiben.“ Ebenso war Brezan gespannt auf die Krabat-Dramatisierung, deren Uraufführung die Neue Bühne Senftenberg für 2007 vorbereitet. Deren Intendant, Sewan Latchinian, äußerte seine Bestürzung: „Wir verlieren in ihm einen großen Künstler und einen wundervollen Menschen, der von Wundern, Mythen und Fabeln so erzählen konnte, als wären sie der Stoff, aus dem er gemacht war.“
In weiteren Reaktionen auf den Tod Brezans würdigten der Vorsitzende des Sorbischen Künstlerbundes, Benedikt Dyrlich, die von dem Dichter ausgehende Faszination von Menschen und Bildern einer einmaligen Region und der Direktor des Sorbischen Institutes Bautzen, Dietrich Scholz, in der Zeitung „Serbske Nowiny“ die Autorität, mit der Brezan die Stimme in Grundfragen seines Volkes erheben konnte.