Wie Erbsenzählen. Dieser Vergleich fällt dem Lübbenauer Gästeführer Gerd Laeser als erstes ein, wenn er nach den ehemaligen Weinbergen in der Region gefragt wird. Tatsächlich zeigt eine historische Karte, die der Gubener Geobotaniker Heinz-Dieter Krausch in den 1960er-Jahren angefertigt hat, die Lausitz übersät mit kleinen Hügelsymbolen aus 700-jähriger Weinbaugeschichte. Heute gestaltet sich die Spurensuche schwieriger, auch wenn die Hobbywinzer die Hänge zurückerobern.

Für insgesamt 30 Hektar bestehen in Brandenburg Neupflanzungsrechte. 34 Privatpersonen, Vereine und Unternehmen haben sich 2007 zum Netzwerk der Winzer und Weinbauern im Land Brandenburg zusammengeschlossen. Ziel des Netzwerks in Trägerschaft des Fördervereins Niederlausitzer Weinbau e.V. sei es, so Sprecher Werner Guckenberger, sich mit der gesetzlich festgelegten Marke „Brandenburger Landwein“ besser zu positionieren und auf lange Frist vielleicht anerkanntes Qualitätsweingebiet zu werden.

Mit seinen 26 000 Rebstöcken auf sechs Hektar stellt der Wolkenberg im ehemaligen Tagebau Welzow-Süd eine der größten der insgesamt 23 Anbauflächen für den brandenburgischen Wein. Cabernet Dorsa, Rondo, Grau- und Weißburgunder, Roter Riesling und Schönburger heißen die Rebsorten, die Uwe Zeihser vom Lehrstuhl Bodenschutz und Rekultivierung an der BTU Cottbus dafür ausgewählt hat. Seit 2005 betreut Zeihser bereits ein Versuchsfeld auf dem Wolkenberg. Hubert Marbach (63) baut in Jerischke ab dem kommenden Jahr mit fünf Hektar auf der zweitgrößten Fläche in der Lausitz an. Der Ertrag liegt bei 5000 bis 6000 Litern pro Hektar, etwa 30 000 Litern pro Jahr. „Möglich wären 9000 Liter, aber auf Kosten der Qualität. Die Ergebnisse waren bislang sehr gut“, so Marbach, der seinen Wein auf Schloss Proschwitz bei Meissen keltern lässt. Als fruchtig und spritzig beschreibt er den weißen Cuveé, eine Mischung aus Riesling und Johanniter, lobt die intensive Farbe des roten Cabernet Cortis/Regent. „Die kleinere Gastronomie setzt zunehmend auf regionale Produkte“, sagt Hubert Marbach, der unter anderem den Ziegenhof in Pusack beliefert. „Wichtig wäre, im touristischen Bereich stärker auf den Weinbau hinzuweisen.“ Nach Plänen Marbachs soll künftig das Angebot einer Vinothek und Probierstube mehr Gäste nach Jerischke locken.

Bis ins 19. Jahrhundert war die Region um Guben eines der Lausitzer Zentren des Weinbaus – dann machte die Reblaus dem Großteil des Rebstock-Bestands den Garaus. „Noch in den 20er-Jahren gab es Weinrestaurants in den Gubener Bergen, Straßennamen wie Am Weinberg in Grano und Groß Breesen erinnern daran. Heute ist es eher der Apfelwein, der bekannt ist“, umreißt der Gubener Stadtwächter Andreas Peter die Verbindung zum hochprozentigen Erbe. Zurückgekehrt ist der Traubenwein auch dank der Erträge des Granoer Weinbergs. Die elf Mitglieder des Gubener Weinbau e.V. lassen seit 2004 elf Sorten wachsen. „Anfangs konnte uns keiner sagen, welche Sorten den Winter überstehen würden“, erinnert sich der Vereinsvorsitzende Helmut Moelle (70). Die Weinbauern setzten auf Vielfalt: 4500 Reben Riesling, Weiß-, Grau- und Spätburgunder, Regent, Acolon, Goldriesling und Johanniter brachten im Jahr 2008 einen Ertrag von rund 8000 Litern. Das Keltern übernehmen die Weinbauern als einige der wenigen in Brandenburg selbst. Und dürfen sich somit Winzer nennen, da sie den Wein nicht nur anbauen, sondern auch selbst verarbeiten. Wenn im September das Informationszentrum für Weinbau in Grano eröffnet wird, sollen auch Lehrgänge für die Weinverarbeitung in einer Schaukellerei angeboten werden.

Zunehmend erkennen die Weinbauern die alten Sorten als Alleinstellungsmerkmal der Region und kultivieren damit ein Stück abgebaggerter Geschichte. Sei es die Weißweinrebe aus Horno, die die Neuzeller Klosterwinzer auf der „Scheibe“ gepflanzt haben oder der in einer Spremberger Laube entdeckte Wolkenberger Stock, der auf dem neu angelegten Weinberg neben anderen historischen Sorten heimisch werden soll. In Jerischke baut Hubert Marbach sechs alte Sorten an, die er vor den Haustüren zwischen Forst und Guben gefunden hat. Der Granoer Weinberg trägt zwei alte Gubener Sorten: den Gubener Rubin und die Reichenbacher Perle. „In den Verkehr darf der Wein aber nicht gebracht werden, da er nicht in der deutschen Sortenliste steht oder vom Land klassifiziert wurde“, bedauert Helmut Moelle. Die Gubener hoffen auf das gewachsene Interesse des Bundeslandwirtschaftministeriums an den alten ostdeutschen Sorten – und eine Änderung im Regelwerk.

Mit dem Prädikat Qualitätswein darf sich der Schliebener Lange Berg schmücken. Auf einem Hektar baut der Verein zur Förderung des historischen Weinbaus in Schlieben seit 1992 Müller Thurgau, Bacchus und Regent an. Bei 5000 Litern pro Jahr liegt der Ertrag der 2500 Rebstöcke. Das ehemals größere Anbaugebiet ist heute Gartenland, nur die Terrassierung lässt die ursprüngliche Nutzung noch erahnen. Auf Festen wie dem Moien Markt kann das Endprodukt in einem der 500 Jahre alten ehemaligen Weinkeller auf der Schliebener Kellerstraße verkostet werden. Die wieder aufgenommene Weinkultur gab Anfang der 90er-Jahre den Anstoß für die Sanierung der Keller und für den Weinwanderweg „Langer Berg“, der von der Kellerstraße durch das Landschaftsschutzgebiet zum Weinberg führt. Finanziert wurden beide Projekte aus Mitteln der Stadt und des Vereins.

Als mühevolles Stück Arbeit stellt sich der Weinanbau für die 32 Mitglieder des Senftenberger Weinvereins dar: Weniger in der Bewirtschaftung des Hangs in Hörlitz, wo seit 2006 etwa 90 Weinstöcke gedeihen, als in den Verhandlungen mit der Stadt. „Wir wollten von Anfang an am Ende der Calauer Straße einen von der LMBV rekultivierten Hügel bebauen. Dort lag vor dem Tagebau das Weinanbaugebiet der Raunoer Höhen. Diese Tradition möchten wir wieder aufleben lassen“, sagt die Vorsitzende des Vereins, Marianne Körner (55). „Es ist schade, dass die Stadtverordneten so wenig Interesse zeigen, uns zu unterstützen.“ Finanzielle Fakten, so Elke Löwe, Beigeordnete des Bürgermeisters in Senftenberg und zuständig für Stadtentwicklung und Bauen, sprechen dagegen: „Seit 2005 wurden mehrere Fördermittelanträge beim Land abgelehnt. Für die Stadt ist das Projekt deshalb derzeit nicht umsetzbar.“ Was die Senftenberger Erinnerung an die örtliche Weinbautradition bislang auf nicht viel mehr als die Geschichten der Älteren und eine Weinpresse im Museum beschränkt.