"Er war ein sturer, alter Mann", sagt eine Dorfbewohnerin. "Nein, ein Außenseiter war er eigentlich nicht", sagt der Mann von gegenüber. "Die Kühe haben ihn am Leben gehalten", sagt die Nachbarin. Die Meinungen über Wilfried Z. gehen in Klein Behnitz im Havelland auseinander. Die meisten kannten den 72-Jährigen, der seit Jahren allein mit seinen Tieren lebte. Schockiert sind sie alle darüber, was sich an diesem trüb-kalten Wintertag in dem 200-Einwohner-Dorf abgespielt hat. Ein Mann ist tot, erschossen von dem Landwirt Wilfried Z. - wegen einer Rinderherde.

Dienstagmorgen, Riewender Straße, gegen halb zehn: Drei Mitarbeiter des Veterinäramts kommen zu dem Gehöft von Wilfried Z. Sie haben zwei Lkw dabei, Viehtransporter, auf die wollen sie die Kühe des 72-Jährigen laden. Z. soll mit dem Halten seiner rund 30 Tiere überfordert gewesen sein. Er lebt allein mit seinen Rindern und zwei Hunden, die er in einem Zwinger hält. Immer wieder waren die Kühe in der Vergangenheit ausgebüxt, einige sollen auch krank gewesen sein. Seit Jahren gab es Ärger mit Wilfried Z. und seinen Tieren. Doch er will seine Kühe nicht hergeben. "Das sind meine einzigen Freunde", soll er dem Mann und den beiden Frauen vom Kreisveterinäramt zugerufen haben, als sie seine Tiere "wegen nicht artgerechter Haltung nach dem Tierschutzgesetz" beschlagnahmen wollen.

Zunächst ließ Wilfried Z. die Mitarbeiter noch gewähren, dann kommt es zu einem Streit, plötzlich hat Wilfried Z. ein Gewehr in der Hand. Woher der Rentner die Schrotflinte hatte, ist unklar. Jäger sei er nicht gewesen, sagt Detlev Cleinow. Er wohnt gegenüber und kennt Wilfried Z. schon "seit Ewigkeiten", wie er sagt.

Cleinow wird aufmerksam, als er von Z.s Grundstück laute Stimmen hört. "Dann fielen zwei Schüsse", sagt Cleinow später. "Ich hab gleich gehört, dass das Schüsse sind. Das erkennt man, es gibt hier viele Jäger." Jemand brüllt. Cleinow rennt raus, zwei Frauen kommen ihm entgegen, wollen sich vor Wilfried Z. in Sicherheit bringen. "Wilfried war bewaffnet. Ich sah einen Mann da liegen und hab zu Wilfried gerufen: ,Mensch, lass mich rein, ich muss dem Mann da helfen.'" Aber Z. lässt seinen Bekannten, der ihm immer wieder unter die Arme gegriffen hat, nicht auf den Hof. Cleinow geht auf Abstand. "Es war nicht der Tag dafür, den Helden zu spielen", sagt er später.

Ute H. wohnt direkt neben dem Hof. Sie beobachtet mit ihrem Mann vom Fenster im Obergeschoss aus, was sich auf dem Grundstück von Wilfried Z. abspielt: Die beiden Frauen vom Veterinäramt rennen die Straße runter, finden Zuflucht auf einem Nachbargrundstück. "Wo sind die Weiber?", brüllt Wilfried Z., immer noch mit dem Gewehr in der Hand. Sein Opfer liegt derweil auf dem Boden vor der großen Backsteinscheune und schreit. "Kümmer dich doch um den Mann", ruft Ute H.s Mann aus dem Fenster. Doch Wilfried Z. zuckt nur mit den Achseln. "Der ist tot", sagt er.

Es dauert, bis die Polizei eintrifft. 45 Minuten, schätzt Ute H. "Es war dann wie im Krimi", erinnert sie sich. Mit schusssicheren Westen und gezückten Waffen stürmen sie auf den Hof. Wilfried Z. hat die Waffe weggelegt. "Er stand hilflos in einer Ecke", sagt Ute H. "Was wollt ihr von mir", soll er noch gerufen haben.

Die Beamten überwältigen den 72-Jährigen. Er wird abgeführt, auf die Wache in Nauen gebracht. Für sein Opfer kommt die Hilfe zu spät. Er ist verblutet.

Vor Jahren muss Z. allmählich die Kontrolle über sein Leben verloren haben. "Es fing damit an, als seine Mutter gestorben ist", sagt Ute H. "Da ging es mit dem Hof bergab." Wilfried Z. lebt allein. Er hat keine Frau, soll aber eine Tochter und eine Schwester haben. "Er hat seine Tiere so gut versorgt, wie er eben konnte", sagt Ute H. "Aber er war damit überfordert. Das wollte er nicht einsehen."

Die Autoren sind Reporter der Märkischen Allgemeinen Zeitung.