„Wir sind im Mainstream, wir sind massentauglich“
 Gunther von Hagens vor Körperspendern in Guben


Ihr Lebensgefährte habe ihr gesagt, sie sei verrückt. Doch das ficht die 50-jährige Dagmar Berner aus Lindow bei Neuruppin (Ostprignitz-Ruppin) nicht an. Die gelernte Geflügelzüchterin und Mutter von drei Kindern will nach ihrem Tode plastiniert werden, aber nicht in Scheiben, sondern als ganzer Körper. „Das ist mein Wille, der wird durchgesetzt“ , sagt die resolute Frau, die mit ihrem Jüngsten, dem 13-jährigen Kenny, nach Guben gekommen ist. Der findet es „schon interessant, aber auch komisch“ , was seine Mutter da vorhat.
Wie viele andere der über 600 aus ganz Deutschland und dem Ausland angereisten Körperspender nennt Dagmar Berner den Gedanken an Würmer in der Friedhofserde einen wichtigen Grund, sich als Leichnam lieber mit Aceton entfetten und dann die Gewebezellen mit Kunststoff füllen zu lassen. „Ich wollte nie in die Erde“ , versichert sie. Außerdem möchte sie gern etwas „für die Wissenschaft tun“ - ein weiteres Motiv, das sie mit vielen Menschen teilt, die ihre sterblichen Überreste dem Plastinarium zur Verfügung stellen. Die Entscheidung, sich als Körperspender registrieren zu lassen, hatte Dagmar Berner recht schnell getroffen, nachdem sie vor Jahren in Berlin die Plastinate-Ausstellung „Körperwelten“ gesehen hatte.

Gänsehaut bekommen
Bei anderen dauerte es länger, zum Beispiel bei Gudrun Just, die am Samstagvormittag mit ihrem Mann Armin durch die Plastinationswerkstatt schlendert, sich Körperscheiben ansieht, sie auch in die Hand nimmt. „Das ist doch alles hier ganz sauber und überhaupt nicht eklig“ , bemerkt sie.
Gudrun Just ist 57 Jahre alt und arbeitet in der Cottbuser Stadtverwaltung. Vor Jahren, so erzählt sie, habe eine Freundin aus Hamburg ihr von der Körperspende und der Plastination erzählt. „Die ist alleinstehend, die Kinder wohnen weit weg, die hat mir dann mal die Unterlagen dazu geschickt.“ Eine Gänsehaut habe sie damals bekommen, als sie darin geblättert habe und deshalb erst mal alles wieder weggelegt.
Zufällig habe sie dann den Umschlag wiedergefunden, gerade als in der Region heftig darüber diskutiert wurde, ob man die Leichenplastination in Guben haben will oder nicht. Eigentlich, sagt Gudrun Just, habe sie immer eine Seebestattung gewollt, auch damit ihre Kinder sich nicht um ein Grab kümmern müssen. Inzwischen aber hat sie sich zur Körperspende entschlossen und ihren Mann gleich mit davon überzeugt. Das Geld für Beerdigung und Grabpflege will sie lieber zu Lebzeiten ausgeben. „Ich tue etwas Gutes für die Menschheit, meine Kinder und meinen Geldbeutel.“ Nur ihre 85-jährige Mutter könne sie nicht von diesen Vorteilen der Plastination überzeugen, die sei total dagegen.
Körperspender, für die von Hagens alle zwei Jahre ein solches Treffen veranstaltet, können an diesem Samstag nicht nur die Ausstellung mit Demonstrations-Tischen im Erdgeschoss des ehemaligen Gubener Rathauses und der benachbarten früheren Wollfabrik besichtigen. Sie dürfen auch in Räume, in denen Leichen oder Leichenteile in kühltruhenähnlichen Behältern in Aceton oder Kunststoff lagern und in ein Gebäude auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Dort sind die Wände frisch geweißt, ein blankes Stahlwaschbecken hängt an der Wand. Hier soll in wenigen Wochen die Präparation von Leichnamen beginnen, die gerade aus China nach Guben geholt wurden. Alle Leichname, die nach Fernost gebracht wurden, seien inzwischen in der Neißestadt, versichert von Hagens.
Nur wenige Schritte entfernt in einem weißen Großzelt sagt der Plastinator mit dem schwarzen Filzhut an diesem Vormittag seinen Körperspendern, wie wichtig sie für ihn sind: „Sie sind das ethische Rückgrat der Plastination.“ Lachen und Beifall erntet von Hagens, als er zufrieden feststellt, dass es neben Erd- und Feuerbestattung nun noch eine dritte Beisetzungsmöglichkeit gebe: „Ab ins Museum.“ Daraus, dass die Proteste gegen ihn verstummt seien, zieht der Anatom die Schlussfolgerung, in der Mitte der Gesellschaft angekommen zu sein: „Wir sind im Mainstream, wir sind massentauglich.“
Problemlos funktioniert das Zusammenspiel zwischen von Hagens und Gubens Bürgermeister Klaus-Dieter Hübner (FDP). Für Hübner ist das Plastinarium mit bisher fast einhundert Arbeitsplätzen der wirtschaftliche Erfolg, den er in der von Arbeitslosigkeit besonders gebeutelten Stadt dringend braucht. Der Bürgermeister lobt in einer Ansprache, wie sehr das Plastinarium das Image von Guben gehoben habe. Dann wettert er gegen den derzeitigen Lieblingsgegner des Plastinators, Brandenburgs Bildungsminister, der offizielle Klassenfahrten ins Plastinarium untersagt hat. Von Hagens bedankt sich dafür mit einem Kompliment, das Hübner sicherlich selten zu hören bekommt: „Herr Bürgermeister, sie sind ein weiser Mann.“
Im Veranstaltungszelt sitzt Familie Ließmann aus Quedlinburg im Harz. Vater Helmut, Mutter Birgit, Großmutter Irene und die 22-jährige Tochter Katja, angehende Krankenschwester. Alle vier sind registrierte Körperspender. „Verbuddeln bringt nichts“ , sagt Vater Helmut, von Beruf Bauingenieur. Die Körperspende sei dagegen eine „sinnvolle Nutzung“ . Wie sie später mal plastiniert werden, ist allen egal, außer Großmutter Irene. Die will nur zu Scheiben verarbeitet oder mit einzelnen Körperteilen ausgestellt werden, nicht im Ganzen: „Vielleicht erkennt mich ja doch einer.“
Im Volkshaus nebenan hatten sich vor eineinhalb Jahren die Gegner des Plastinators versammelt, um die Ansiedlung der Leichenverarbeitung an der Neiße noch aufzuhalten. Wo sie gegen von Hagens wetterten, gibt es jetzt für die Körperspender und ihre Angehörigen Gulaschsuppe und Würstchen. Vor dem Plastinarium lässt sich eine Besucherin das „Bodymobil“ zeigen, den Leichenwagen, mit dem die toten Körperspender kostenlos aus ganz Deutschland abgeholt werden. Der Fahrer öffnet den Reißverschluss des Leichensackes. Die ältere Dame, auch als Spenderin registriert, streicht zufrieden über die Innenseite: „Oh schön, sogar mit Kopfstütze.“
Für die Anatomie-Ausbildung angehender Mediziner an den Universitätskliniken ist das Körperspender-Programm des Plastinators keine Konkurrenz. Das bestätigt auf Nachfrage Professor Christoph Redies, Chef der Anatomie am Klinikum der Friedrich-Schiller-Universität in Jena, der in Guben einen Vortrag zur Anatomiegeschichte hält. 30 bis 40 Körper braucht sein Institut jährlich. „Das Angebot ist viel größer, wir weisen jetzt schon Spender in Thüringen ab.“ Seit der Abschaffung des Sterbegeldes sei die Zahl der Menschen spürbar gestiegen, die ihren Körper nach dem Tod der Anatomie zur Verfügung stellen wollen. „Das ist auch ein soziales Problem“ , sagt Redies.

150 000 Körperscheiben pro Jahr
Mehr als 50 menschliche Körper, jeweils einen pro Woche, will Gunther von Hagens 2008 in Guben verarbeiten. Aus diesen Leichen und aus Tierkörpern sollen 150 000 Scheibenplastinate im kommenden Jahr in Guben gefertigt werden, kündigt er an. Dann soll der Betrieb an der Neiße auch schwarze Zahlen schreiben. Bisher seien insgesamt rund 500 gespendete Leichname durch von Hagens Unternehmen plastiniert worden, beantwortet Angelina Whalley, die Frage eines Körperspenders. Whalley ist von Hagens zweite Ehefrau und Direktorin seines Heidelberger Institutes für Plastination. Sie kündigt auch ein neues Konzept für die Körperwelten-Ausstellungen an, von denen drei in Nordamerika unterwegs sind. Die sollen künftig jeweils unter ein besonderes Thema gestellt werden. Eine vierte Ausstellung, die gerade entwickelt wird, soll 2008 in Europa zu sehen sein. „Wir rücken wieder näher an Deutschland heran“ , betont Angelina Whalley.
Ihr Mann hat sich derweil auch für Guben etwas Neues ausgedacht. Im Dezember, so kündigt er an, will er auf dem Gelände seines Betriebes einen „Plastinations-Weihnachtsmarkt“ veranstalten. Ein präparierter Weihnachtsmann werde dann mit Geschenken behängt. Vorbereitungen hat von Hagens bereits getroffen: „Der dafür ausgesuchte Körperspender liegt schon im Silikon.“
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