Weihnachtsglanz. Doch hinter der idyllischen Fassade kocht die Volksseele. Seit der Unternehmer Johannes Schulte aus dem Emsland mitten in Seiffen, der heimlichen Hauptstadt des erzgebirgischen Kunsthandwerks, seine in China hergestellten Weihnachtsfiguren zu Billigpreisen verkauft, tobt im deutschen Weihnachtswunderland ein Kulturkampf.
Die Konkurrenz aus Fernost ist den traditionellen Kunsthandwerkern im Erzgebirge seit Jahren ein Dorn im Auge. "Die Imitate machen uns schwer zu schaffen", sagt der Geschäftsführer des Verbandes der Erzgebirgischen Kunsthandwerker, Wolfgang Uhlmann. Immer schneller laufe die Plagiatmaschine in China. "Neue Figuren, die wir erst im Frühjahr auf Messen vorgestellt haben, sehen wir jetzt schon als Billigprodukte aus Fernost wieder in den Supermärkten." Die Erzgebirgler sehen sich im Recht und verweisen darauf, schon mehrere Plagiatsprozesse unter anderem gegen Schulte gewonnen zu haben.
Dass es nun diese deutlich billigeren Produkte direkt vor der eigenen Haustür der Erzgebirgler gibt, hat das Fass zum Überlaufen gebracht. Der Widerstand formiert sich. Bei einer Online-Unterschriften-Aktion haben sich seit September nach Angaben des Verbandes der Erzgebirgischen Kunsthandwerker mehr als 5000 Unterstützer eingetragen.
Nicht immer verläuft der Protest so friedlich. Kurz nach der Geschäftsöffnung im September warfen Unbekannte mit einem Stein die Frontscheibe des Autos von Johannes Schulte ein. Die Täter konnten laut Polizei bislang nicht ermittelt werden. Schulte ist im Erzgebirge eine unerwünschte Person. Ursprünglich wollte sich Schulte in Olbernhau, nur wenige Kilometer von Seiffen entfernt niederlassen. "Die Leute dort haben massiv Druck auf meine Vermieterin ausgeübt", schildert der Betroffene.
Um den Protest in legale Bahnen zu leiten, starten die Erzgebirgler nun eine neue Kampagne. Unter dem Motto "Original statt Plagiat - Deutsche Handwerkskunst" wollen sie ein deutliches Zeichen setzen. Ein plakatives Logo ist bereits entwickelt. Es soll in den Geschäften des Erzgebirges für jeden sichtbar machen, wo es nur Produkte aus der Region gibt (die RUNDSCHAU berichtete). "In Deutschland gibt es das Recht auf Gewerbefreiheit, das können wir niemandem verwehren. Also müssen wir uns auf andere Weise wehren", sagt Seiffens Bürgermeister Wolfgang Schreiter.
"Wir haben Angst um unsere Existenz", sagt Ringo Müller, der einen Familienbetrieb in der vierten Generation führt. Wie viele andere sieht er Schulte als Trittbrettfahrer, der den Ruf des Erzgebirges ausnutzen wolle. "Unsere Kampagne soll auch ein Zeichen gegen die Globalisierung sein", sagt Müller.
Der niedersächsische Unternehmer selbst kann die Aufregung nicht nachvollziehen. "Einerseits beklagen alle hier die Globalisierung, anderseits exportieren sie kräftig in alle Welt", sagt Johannes Schulte. "Außerdem sollten die Gewerbetreibenden einsehen, dass sich nicht jeder die teuren Produkte leisten kann." Schulte plant zudem, in Seiffen eine eigene Produktion aufzubauen und bis zu 20 Arbeitsplätze zu schaffen.
Ringo Müller wertet das als weiteren Angriff auf die 400-jährige Kunsthandwerkstradition im Erzgebirge. Seiner Ansicht nach will Schulte die Musterfertigung dazu nutzen, Prototypen abzukupfern, die dann in China in Serie nachgebaut und wieder im Erzgebirge als angeblich erzgebirgische Produkte verkauft werden sollen.
Schulte zeigt sich derweil kampfbereit: Gegen die Plagi ats-Kampagne will er rechtliche Schritte einleiten. Ein friedvolles und besinnliches Weihnachtsfest sieht anders aus.