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nfang der 90er-Jahre galt die Stadt Forst in Sachen Fernwärme als besonders fortschrittlich. Weil eine alte Heißdampfanlage und marode Leitungen schnell ersetzt werden mussten, baute die Stadt ein mit Erdgas beheiztes Blockheizkraftwerk mit Kraftwärmekopplung. Geplante Wärmeabnahme: 40 Megawatt (MW). Verbraucht wird jetzt gerade mal die Hälfte.
"Das Heizkraftwerk ist heute für uns viel zu groß", sagt Klaus-Dieter Krahl, Geschäftsführer der Stadtwerke Forst. "Wir sind durch die Entwicklung überrollt worden."
Doch das Geld für die Anlage ist verbaut, die Kredite müssen bedient werden. Die Folge davon ist, dass die Neißestadt zu den teuersten Fernwärmestandorten der Region zählt. Das geht aus einem Vergleich des Bundesverbandes der Energie-Abnehmer e.V. (VEA) hervor. Bei einem als Modell vorgegebenen bestimmten Jahresverbrauch kostet eine Megawattstunde (MWh) danach in Forst über 68 Euro, 13 Euro mehr, als im Durchschnitt in den neuen Bundesländern verlangt wird. Fast genauso teuer ist Fernwärme laut VEA-Statistik mit nur zwei Euro weniger pro Megawattstunde in Lübbenau. In Herzberg und Hoyerswerda werden dagegen nur rund 50 Euro dafür verlangt. Die Fernwärmeversorgung Cottbus liegt einen Euro unter dem Durchschnittswert der neuen Bundesländer, der 55 Euro beträgt. In den Altbundesländern zahlen Kunden für dieselbe Wärmemenge nur reichlich 46 Euro.

Nicht hart genug verhandelt

Frank Steyer, Leiter der in Cottbus befindlichen Geschäftsstelle Ost der VEA, sieht keine Rechtfertigung für die seit Jahren gravierenden Differenzen zum Altbundesgebiet. Die Preise seien relativ subjektiv verhandelt worden, die Verträge hätten sehr lange Laufzeiten. Kommunen seien mit ihren Wohnungsunternehmen meist die größten Abnehmer am Ort, die Stadtwerke oder andere Wärmeversorger meist jedoch auch in kommunalem Besitz. Da würde nicht hart genug verhandelt, vermutet Steyer. "In unserer Kalkulation ist kein Spielraum mehr, das ist schon durch Einnahmen aus anderen Bereichen gestützt", hält der Forster Stadtwerke-Chef Klaus-Dieter Krahl dagegen. Besserung sieht er erst, wenn die neue Anlage abgeschrieben ist. "Nach 2005 liegt das Schlimmste hinter uns", hofft er.
Als Beispiel dafür, dass hartnäckige Vertragsverhandlungen von Wohnungsunternehmen mit Versorgungsbetrieben doch zu günstigeren Konditionen führen können, nennt VEA-Geschäftsstellenleiter Steyer Guben. Dort wurde kürzlich ein neuer Wärmeliefervertrag mit der Wohnungsgenossenschaft geschlossen. Die anfängliche Forderung der kommunalen Energieversorgung Guben GmbH habe einen Preisanstieg von fast 20 Prozent vorgesehen. Dies sei nach langen Verhandlungen
zurückgenommen worden, so Steyer. Gubens Bürgermeister Klaus-Dieter Hübner versichert, er habe sich im Aufsichtsrat des kommunalen Unternehmens gegen die Preiserhöhung stark gemacht. Die Wärme werde aus einem neuen Heizwerk der Envia am Ort schon relativ teuer geliefert, hohe Verteilungsverluste durch marode Leitungen und Stadtumbau dürften nicht einfach auf die verbleibenden Kunden umgelegt werden. "Ich will den Preis stabil halten und dazu neue Wege gehen", verspricht Hübner. Erste Ideen dazu: Wärmegewinnung aus Sonnenenergie und Wärmepumpen.
Auch in der Neustadt von Lübbenau, wo Fernwärme relativ teuer ist, wird ein neues Heizwerk nicht ausgelastet. Es musste 1996 gebaut werden, weil der frühere Wärmelieferant, das Kraftwerk Lübbenau, stillgelegt wurde. 1999 haben die Stadt- und Überlandwerke Luckau-Lübbenau die neue Anlage übernommen.
Geschäftsführer Christoph Kalz schätzt die ungenutzte Kapazität heute auf etwa ein Drittel. Schon jetzt ist der Leerstand in den Lübbenauer Neubaublöcken groß. Wie viele davon abgerissen werden, steht noch nicht fest. Erst dann, so Kalz, könne auch das Leitungsnetz saniert werden und erst dann könnten vielleicht die Preise sinken.
In Herzberg wurde das Heizwerk vor zehn Jahren rekonstruiert und umgebaut. Das ziemlich kompakte Leitungsnetz musste keine große Kundenabwanderung verkraften. Vermutlich deshalb gehören die Stadtwerke Herzberg, die im Herbst vorigen Jahres von der Envia übernommen wurden, zu den preiswertesten Fernwärmeanbietern der Region. Ebenso günstig wird Fernwärme trotz erheblichen Bevölkerungsschwundes in Hoyerswerda von den örtlichen Versorgungsbetrieben angeboten. Die verteilen Wärme, die sie aus dem neuen Kraftwerk im benachbarten Schwarze Pumpe beziehen. Doch der Wegzug vieler Einwohner hat auch hier schon
Kosten und deshalb Preiserhöhungen ausgelöst. Die Hälfte der Verteilerstationen in Hoyerswerda musste abgebaut werden.

Kosten nicht weitergereicht

Für den Cottbuser Stadtwerkechef Eberhard Walter war der Bau eines neuen Heizkraftwerkes in der Stadt trotz großer Anlaufprobleme die richtige Entscheidung.
Dadurch verursachte Kosten seien jedoch bei den Stadtwerken "hängen geblieben" und nicht an das Tochterunternehmen Fernwärme weitergereicht worden. Fernwärmekunden sind jedoch meist auch Stadtwerkekunden in anderen Bereichen.
Der Einwohnerschwund macht indes auch Cottbus zu schaffen. "Wenn wir später hätten investieren können, hätte das angepasster geschehen können", so Walter.
Neben der selbst erzeugten Heizwärme wird in Cottbus noch Energie aus dem Kraftwerk Jänschwalde zugekauft. In Preisverhandlungen mit dem kommunalen Großvermieter der Stadt ginge es hart zur Sache: "Die wollen Nebenkosten senken, um ihre Wohnungen vermieten zu können." Neue Großkunden wie das Gefängnis in Cottbus-Dissenchen und die im Bau befindliche Vattenfall-Zentrale entspannen die Situation.
Senftenberg hat vor vier Jahren ein neues mit Braunkohlestaub befeuertes Heizkraftwerk in Betrieb genommen. Der relativ stabile Kohlepreis ist nach Angaben von Stadtwerkechef Detlef Moschke trotz der hohen Investitionskosten eine Ursache dafür, dass auch der Wärmepreis stabil blieb. Der liege, so Moschke, in der Region "im guten Mittelfeld". Obwohl die Kapazität der Anlage knapp kalkuliert wurde, macht die Abwanderung auch Senftenberg zu schaffen. Seit fünf Jahren geht der Wärmeverbrauch zurück. Jetzt droht auch in der Bergarbeiterstadt eine Preiserhöhung.
Leidtragende des Preisgefälles Ost-West bei den Heizkosten sind nach Einschätzung der VEA Privatkunden und Handwerksbetriebe. Als mögliches Investitionshemmnis für die Industrie spielten Wärmekosten im Osten keine Rolle, versichert Geschäftsstellenleiter Frank Steyer: "Bei Großabnehmern sind immer Sonderkonditionen möglich, da gibt es Verhandlungsspielraum."