Die großen Schaufelradbagger sind vom Besucherzentrum Excursio aus schon in Hörweite. Darüber, was passiert, wenn sie sich im Tagebau Welzow (Spree-Neiße) irgendwann aufhören zu drehen, haben am gestrigen Dienstag Experten aus Polen, Österreich, Tschechien, Belgien und dem Gastgeberland diskutiert. Schwerpunkt der Konferenz "Industrieerbe und Innovation" war es, Rezepte für eine Nutzung von Orten mit industrieller Vergangenheit zu finden.

Dass die Lausitz als Bergbauregion von solchen Ideen künftig nur profitieren kann, bestätigte Peter Kohnert, Abteilungsleiter im Potsdamer Wirtschaftsministerium. Momentan ziehen die Stätten der Industriekultur in Brandenburg jährlich rund eine Million Tagestouristen an. "Diese junge Form des Tourismus hat in der Lausitz noch enormes Potenzial", sagt Kohnert.

Das Lausitzer Seenland ist ihm zufolge bereits ein Musterbeispiel in Sachen Tagebaunachnutzung. Auch in Welzow könne davon profitiert werden. Neben Kooperationen sei es für die Tourismusbranche vor Ort wichtig, das technische Interesse der Menschen zu wecken: "Altes Eisen allein reicht nicht, da müssen Geschichten erzählt werden."

Jörg Krause vom Welzower Bergbautourismus-Verein sieht das genauso. Der Vorsitzende hat sich gemeinsam mit seinen Kollegen auf die Fahnen geschrieben, das industrielle Erbe der Tagebauregion zu vermarkten. "Obwohl die Lausitz nie eine Tourismusregion war, sind wir von der Einzigartigkeit unseres Standortes überzeugt", sagt der Vereinschef. Krause verweist auf beeindruckende Orte, wie das Besucherbergwerk F60 in Lichterfeld.

Aber nicht nur mit ausgedienten Stahlgiganten, sondern auch mit dem aktiven Tagebau wollen die Touristiker immer mehr Gäste in die Lausitz locken. Rund 6000 Menschen haben im vergangenen Jahr an den Touren durch Welzow-Süd teilgenommen. Tendenz steigend. "Dabei haben sie die einmalige Möglichkeit, den Produktionsprozess hautnah zu erleben", sagt Krause. Sein österreichischer Kollege Gerfried Tiffner bestätigt den "Wow-Effekt" beim Blick auf eine 500 Meter lange Förderbrücke.

Tiffner kümmert sich federführend um das Bergbauerbe der Steierischen Eisenstraße - einem Erzbergwerk in Österreich. "Wir machen das Gleiche wie in der Lausitz: Wir vermarkten aktiven Tagebau", erklärt er am Rande der Konferenz in Welzow. Jährlich zieht es bis zu 100 000 Besucher zum serpentinenartigen Erzberg. Vor außergewöhnlicher Kulisse finden seit zwei Jahrzehnten unter anderem Rallyes, Firmenfeiern oder sogar Probesprengungen statt. "Wir sind ein Spielplatz für Erwachsene", sagt Mitarbeiterin Birgit Loibnegger.

Ein anderes Praxisbeispiel, von dem die Lausitzer Touristiker lernen können, ist das Kohlebergbaumuseum im polnischen Zabrze. Sowohl unterirdisch als auch unter freiem Himmel finden viele Veranstaltungen an den ehemaligen Tagebaugruben statt. Gäste können durch die kilometerlangen Stollen spazieren und historische Fördermaschinen bestaunen. Oder sie besuchen unter Tage einen Kinosaal.

Als gutes Vorbild für die Nutzung eines Industrieareals präsentierte sich auch die Bochumer Jahrhunderthalle. Vor einzigartiger Kulisse findet dort jährlich das Kunstfestival Ruhrtriennale statt. Geschäftsführer Andreas Kuchajda mahnt dazu, sich rechtzeitig über die Nachnutzung von Bergbauregionen Gedanken zu machen: "Denn irgendwann ist Schicht im Schacht."