Sie sollen am Hindukusch Luftbilder machen und das aus mehr als 3000 Metern Höhe: Vor den Manpads-Raketen der Taliban-Kämpfer werden die deutschen Tornado-Piloten in Afghanistan aller Erwartung nach sicher sein. Doch obwohl die Soldaten keine Kampfeinsätze fliegen, müssen sie sich auf Risiken der UN-Mission gefasst machen: "Furcht und Angst sind die falschen Begriffe", sagt Hauptmann Alexander S. (31) zu seinen Gefühlen vor dem Einsatz über der Wüste. "Man hat Respekt." Mit 92,04 Euro am Tag bekommen die Truppen im Afghanistan-Einsatz die höchstmögliche Gefahrenzulage.
Seit Wochen herrscht in Jagel (Schleswig-Holstein) unter den fast 1500 Aufklärern des Fliegerhorstes bei Schleswig Aufbruchstimmung. Überall sind betonte Gelassenheit und starke Anspannung spürbar. Tag für Tag verschluckt eine russische Frachtmaschine Container mit Technik und bringt sie in die Ferne. Ein Großteil der Soldaten wird ihnen bald folgen. Sechs Tornados, 16 Piloten und 180 Techniker gehören zu dem Tross.

Den Abschied erleichtern
Auch Hauptmann Markus N. soll von der Stadt Masar-i-Scharif aus Aufklärungseinsätze fliegen. Er ist eine Frohnatur, albert mit Kollegen, doch beim Thema Afghanistan wird er ernst. "Natürlich ist meine Familie nicht begeistert. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass irgendeine Familie Freudentänze aufführen wird. Aber das gehört eben zum Beruf." Abgeschossen zu werden, hält der Pilot für unwahrscheinlich. Aber wer könne schon völlig ausschließen, dass der Jet wegen Technik-Problemen heruntergeht? "Und man weiß nicht, ob die Bevölkerung einem dann freundlich gesonnen ist." Zugleich betont der 30-Jährige, dass die deutschen Isaf-Patrouillen am Boden ein viel größeres Risiko hätten. "Die müssen auch ein Elend ansehen, das ich im Flugzeug nie zu sehen bekomme."
Auch der Stützpunkt-Kommandant fliegt nach Afghanistan: Während die anderen im Schnitt bis zu vier Monate in Masar-i-Scharif verbringen, bleibt Oberst Thorsten Poschwatta ein halbes Jahr. Er macht alles, um seinen Soldaten den Abschied zu erleichtern. "Wir hatten die Familien an einem Wochenende alle auf dem Stützpunkt. Alle Beteiligten wurden ihnen vorgestellt." Ein Pfarrer und andere Ansprechpartner des Fliegerhorstes sollen bei jeder Sorge helfen, egal ob es um Trennungsnöte oder Schulprobleme der Kinder geht.
Für den Oberst ist das auch im Sinne des Einsatzes: "Meine Leute müssen sich 100-prozentig auf den Einsatz konzentrieren können." Poschwatta weiß, wovon er spricht. Seine Tochter ist neun und traurig. Sie wird ihre Erstkommunion ohne den Vater feiern müssen.
Den 45-Jährigen bedrückt, dass ganz Deutschland über Tornados diskutiert, kaum aber über den Zweck des Einsatzes. "In der Diskussion geht immer ein bisschen unter, dass wir bei der Stabilisierung des Friedensprozesses und dem Wiederaufbau helfen. Wir tragen dazu bei, Leben von Soldaten und Zivilisten zu schützen." Die Soldaten werden anhand ihrer Luftbilder Hinweise darauf geben können, ob Gebirgspässe zu benutzen sind, Hinterhalte an Straßen lauern oder Taliban-Milizen sich für Angriffe rüsten.
Die deutschen Aufklärer haben als Spezialisten in der Nato einen glänzenden Ruf. In Deutschland haben Experten des Geschwaders "Immelmann" schon bei Hochwassern bedrohte Deiche ausgemacht, nach vermissten Kindern gesucht und für das Bundeskriminalamt einen mutmaßlichen Verbrecher-Treffpunkt in einer einsamen Villa fotografiert. In Ex-Jugoslawien machten sie Massengräber ausfindig. "Auf unseren Aufnahmen könnte man große Zeitungsschlagzeilen noch lesen", erzählt der 40-jährige Hauptfeldwebel Thorsten N.. Infrarotsensoren machen Wärmequellen sichtbar, 610-Millimeter-Objektive zeigen, was diese hellen Punkte bedeuten.

Zwei Kanonen an Bord
Über eine häufiger diskutierte Frage machen sich die Soldaten keinen Kopf. In Kampfeinsätze werden sie sich nicht verwickeln lassen. Zum einen erlaubt das UN-Mandat das nicht. Zudem besitzen die Aufklärer-Tornados aus Jagel nur zwei Bordkanonen, die allenfalls für Luftkämpfe taugen. Die Taliban haben keine Flugzeuge.