„Das geht hier jetzt Schlag auf Schlag“
 Stefan Schiemank


In der ehemaligen Fabriketage ist es dunkel wie im Kinosaal. Erste Besucher holen sich an der Theke ihr Getränk, setzen sich auf ihre reservierten Plätze vor dem Großbildschirm. Noch laufen Bilder vom Formel 1-Rennen über den Schirm. Die keinen so richtig interessieren. Alle sind wegen Energie gekommen. In der ersten Stuhlreihe sitzen Holm-Peter Dorth (34) und sein Kumpel Stefan Schiemank (31). „Die verlieren und schaffens trotzdem“ , gibt Stefan Schiemank seine Prognose ab. Holm-Peter Dorth hat mehr Vertrauen in die Spielstärke von Energie: „Die holen den einen Punkt!“
Hinter den beiden füllen sich Sitze und Barhocker. Es herrscht gespannte Stille, als die Premiere-Moderatoren die Konferenzschaltung ankündigen. Dorth und Schiemank fachsimpeln noch ein bisschen, bevor es richtig losgeht. „Geyer hat nicht erkannt, wann er hätte gehen sollen, nämlich als er noch Erfolg hatte“ , sagt Schiemank. „Stimmt“ , meint Dorth. „Aber mit der neuen Vereinsführung bin ich wieder hundert Prozent Energie-Fan.“
In Karlsruhe sind noch keine zwei Minuten gespielt, da kassiert Cottbus schon das 0:1. Auch noch ein Eigentor. Wie's aussieht von Rost. „Ist das nicht traurig!“ Schiemank lässt den Kopf hängen. Kann ihn aber gleich wieder aufrecht tragen. „Tor in München“ , ruft die Moderatoren-Stimme. Als die Kamera jubelnde Spieler in hellblau-weißen Trikots zeigt, erfüllt ein gemeinsam ausgestoßener Jubelschrei das „Lagerhaus“ . 1:0 für 1860. Gegen die Münchener muss Ahlen, einer der Energie-Rivalen um den Klassenerhalt, gewinnen. Die Tabellen-Konstellation ist hochschwierig. Auch Trier und Saarbrücken können noch absteigen. Deswegen stürzen ständig wechselnde Spielstände die Zuschauer in ein Wechselbad der Gefühle. Nur Minuten später: Ahlen geht in München 2:1 in Führung. Cottbus liegt in Karlsruhe weiter hinten. Wenn das so bliebe, wäre Energie draußen. Kommentar Schiemank: „Das geht doch nicht!“ Kommentar Dorth: „Siehste doch!“ Dann aber der Doppel-Jubel: Erst gleicht München aus, dann auch Cottbus. „Das geht hier jetzt Schlag auf Schlag“ , ruft Stefan Schiemank seinem Kumpel ins Ohr. Er hat Recht. „Tor in Karlsruhe“ , heißt es auf dem Bildschirm. Totenstille im „Lagerhaus“ . Gebannte Blicke auf den Schirm. Zwei Sekunden später liegen sich Spieler in Rot in den Armen. Torjubel brandet auf. Es herrscht Stimmung wie in der Energie-Fankurve. Das 2:1 für Cottbus fast mit dem Pausenpfiff. „Jetzt schießt der Sahin endlich die Tore“ , ruft jemand vom Stehtisch weiter hinten. Das müsste doch reichen für Energie. „Ich hab' schon Elche kotzen sehen“ , winkt Schiemank ab und holt sich sein Pausen-Bier.
Am Tresen hat Cafe-Inhaber Torsten Voigt gut zu tun. Seine Anlage spielt das Energielied. Heute sei schon mehr los als sonst, sagt Voigt. „Energie ist bei den Premiere-Konferenzschaltungen sonst eher selten mit drin.“ Heute ist das natürlich anders. Energie ist am letzten Spieltag in eine komplexen Abstiegskampf-Konstellation geraten „Logisch, dass Premiere das Spiel in Karlsruhe mit in die Konferenz nehmen würde“ , so der Wirt, der gestern schon Platzreservierungen für Plätze vor dem Großbildschirm hatte.
Die zweite Hälfte beginnt ruhig, nimmt aber an Dramatik schier unerträglich zu. 56. Minute: Ahlen schafft in München das 3:2. Nicht weiter beunruhigend. Gelassen schlürfen die Lagerhäusler an ihrem Bier. Cottbus führt ja. Die Ahlener spielen in München sensationell, ist man sich einig. Nach dem 3:3-Ausgleich der Münchner gelingt wieder die Führung. „Sieht schlecht aus für Trier“ , stellt Dorth emotionslos fest.
Doch in der 73. Minute ist es mit der Gelassenheit vorbei. Cottbus kassiert das 2:2. „Ach du Sch . . . !“ An einem der dicht umringten Stehtische stecken sich Alexander Liebscher (25) und Michael Rabes (25) aus Cottbus-Ströbitz eine Zigarette nach der anderen an. Blankes Entsetzen und weit aufgerissene Augen, als Premiere das 3:2 für Karlsruhe einblendet. Zum Glück abseits. Großes Aufatmen - und große Depression, als Minuten später Karlsruhe ein reguläres 3:2 schafft. Die letzten Minuten werden zur Qual. Nacheinander verkündet Premiere die Abfiffe. Die Energie-Fans danken dem Fußballgott dafür, dass es in Saarbrücken bis zum Ende beim 1:1 bleibt. Damit erwischt es Trier als vierten Absteiger, nicht Cottbus.
Alexander Liebscher und Michael Rabes sind Energie-Fans ohne Wenn und Aber. Die erneute Auswärtsschlappe verzeihen sie ihrem Verein sofort. „Immerhin wieder zwei Tore geschossen“ , gewinnt Rabes der Niederlage sein Gutes ab.
Dass sich ihr Verein in dieser Saison nicht mit Ruhm bekleckert hat, geben sie zu. Dass er verdientermaßen nicht absteigt, fügen sie aber gleich dazu: „Am Ende hatte Energie im Abstiegskampf nur das Glück, das der Mannschaft vergangenes Jahr im Aufstiegskampf fehlte.“