Auf den Tischen im Lesesaal des Bautzener Stadtarchivs liegt im wahrsten Sinne des Wortes schwergewichtige Geschichte. 28 dicke Folianten reihen sich aneinander und nehmen den Platz ein, wo sonst zehn Hobby- und Fachhistoriker forschen. Einige dieser Wälzer wiegen sechs Kilo und sind 700 Seiten stark. Archivarin Silke Kosbab streift sich weiße Handschuhe über und schlägt einen Band der Platz'schen Chronik auf. Zu sehen ist eine schwarzblaue Tintenschrift auf sauberem Papier. Die über 300 Jahre alte Kostbarkeit ist zurück in Bautzen - nach fünfmonatiger Restaurierung.

Die Generalüberholung der Handschrift des Bautzener Juristen Christian Gottlieb Platz (1657-1727) war Schwerstarbeit für die Buchrestauratoren, die den Fall Mitte 2015 übernahmen. "Unsachgemäße Lagerung und ein Wasserschaden hatten dem Dokument zugesetzt", erinnert sich Christoph Roth, Geschäftsführer der Buchrestaurierung Leipzig, an den ersten Eindruck. "Hinzu kamen Klebstoffe wie Kleister oder Knochenleim - eine Götterspeise für Schimmelpilze." Die Einbände, Buchblocks, Papiereinlagen waren in sehr schlechtem Zustand.

Aufwendiges Verfahren

Aus einem Pergament holt Roth einen alten Einband hervor, mit Wasserrändern und trockenem schwarzen Schimmel. Fotografien zeigen die zerstörten Buchseiten. "Zuerst haben wir alles trocken gereinigt." Danach kamen die stark verschmutzen Blätter in reines Wasser. Mit einem ähnlichen Verfahren wie Papierschöpfen konnten anschließend Risse und Fehlstellen behoben werden. "Der verwendeten Eisengallustinte schadet diese Prozedur nicht", sagt Roth und streicht mit der Hand über eine restaurierte Seite.

Vor den Bädern wird selbstverständlich die Echtheit der Schrift getestet, da manche gestreckte Flüssigkeit weniger beständig ist. Denn früher mischten sich die Schreiber ihre Tinte selbst. Christian Gottlieb Platz aber verwendete wohl die Premium-Tinte seiner Zeit. Schließlich saß der Advokat an der Quelle in den Amtsstuben.

Viele Originale verschollen

Platz besetzte mehrere höhere Ämter in der Stadt, arbeitete als Unter- und Oberkämmerer und ließ sich auch zum Bürgermeister wählen. Seine handschriftlichen Aufzeichnungen begann Platz um 1690 und verfasste bis etwa 1720 pro Jahr einen Band, insgesamt beschrieb er 46 000 Seiten. Die 28-bändige Chronik enthält ausführliche Abhandlungen zur Stadtgeschichte, chronikalische Berichte zur Oberlausitz, dem Sechsstädtebund sowie anderweitige Informationen zu Persönlichkeiten und Schicksalen vom 10. bis 18. Jahrhundert.

Viele Kopien von Dokumenten, die im Original längst verschollen sind, machen die Handschrift zu einem wahren Schatz. Die Faktensammlung vervollständigte Platz mit Drucken von Leichenpredigten, Gesetzen, Programmen diverser Feierlichkeiten oder Notenblättern.

Viele detailreiche Fakten

"Aufgrund der detailreichen und akribisch zusammengetragenen Fakten vom 10. bis 18. Jahrhundert gilt das Werk als eine der umfangreichsten Abhandlungen für die Region und ist bedeutender als die Techell-Chronik", erläutert Archivarin Kosbab. Die 14-bändige Handschrift des Bautzener Kupferschmieds Karl Friedrich Techell (1759 -1846) datiert aus der Zeit zwischen 1818 und 1845. Sie war 2013 von den Leipziger Spezialisten restauriert worden.

Nach ersten Forschungen zur Platz'schen Chronik gehen die Archivare davon aus, dass Techell wohl vieles von dem Chronisten aus dem 18. Jahrhundert übernahm. Allerdings besticht das jüngere Werk durch viele Anekdoten von Alltäglichem.

Wertvolle Zeichnungen von Bautzener Bauwerken finden sich in der Klahre-Wahren-Chronik aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Um die Originale zu schützen, sind laut Kosbab alle drei Chroniken digitalisiert. Die Koordinierungsstelle für die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts (KEK) in Berlin förderte die Restaurierung der Platz'schen Chronik und gab für das "Mammutprojekt" 21 158 Euro.

"Aus unserem Budget hätten wir diese Aufgabe nicht stemmen können", sagt die Leiterin des Archivverbunds, Grit Richter-Laugwitz. 2016 ist geplant, ein Geschichtsbuch aus dem 17. Jahrhundert zu restaurieren. Das Platz'sche Schwergewicht indes verschwindet im Depot - und bleibt bei konstant 18 Grad Raumtemperatur weiteren Generationen erhalten.