Zurzeit aber gibt es auch im "State Department" vor allem Kopfschütteln über Deutschland. "Niemand versteht die Aufregung in Berlin über die Raketenabwehr", meinte ein US-Diplomat beim Besuch von Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Der SPD-Politiker aber machte trotz aller Betonung von Gemeinsamkeiten deutlich, dass es bei dem Thema Raketenabwehr Diskussionsbedarf gebe - und dass kritische Fragen dazu ihre Berechtigung hätten. US-Außenministerin Condoleezza Rice ließ zwar keinen Unwillen erkennen, aber aus ihren Worten war auch Unverständnis herauszuhören. Wie könne jemand glauben, diese Raketenabwehr sei gegen Russland gerichtet, fragte sie. Schließlich gehe es bloß um ein Dutzend Abwehrraketen in Polen und Tschechien, sagen US-Diplomaten. Die Russen seien zudem intensiv konsultiert worden.
"Es ist wenig verständlich, warum diese Diskussion in Deutschland öffentlich und auf so hoher Ebene geführt wird", sagte der Direktor des Atlantischen Rats der USA, Prof. Helmut Sonnenfeldt. Es gehe um ein "bescheidenes Abwehrsystem, von dem jeder weiß, dass es sich gegen den Iran und nicht gegen Russland richtet", sagte er. Das geplante System würde schon aus militärtechnischer Sicht viel zu nahe an der russischen Grenze aufgestellt sein, um etwas gegen mögliche russische Angriffe auszurichten. Zudem verfügten die Russen über weit mehr als 3000 Trägerraketen, was bedeuteten da ein paar US-Abwehrraketen, monieren die Amerikaner.
Manche US-Diplomaten sprechen der Kritik aus Moskau wie auch jüngst den heftigen Angriffen des russischen Präsidenten Wladimir Putin auf die US-Politik die Ernsthaftigkeit ab: Es sei wohl mehr der Schmerz über den Rangverlust als Weltmacht, der zu manch heftigem Wortgeklingel und öffentlichen Tiraden verführe, meinen sie. Weder ökonomisch noch militärisch habe Moskau heute die Voraussetzung für eine Rolle als Weltmacht.
Steinmeier betonte zwar, die neue Rüstungsdebatte belaste die bilateralen Beziehungen in keiner Weise. Aber er machte am Potomac auch deutlich, dass eine Diskussion über das Aufstellen neuer Raketen in die Nato gehöre. Die US-Diplomatie muss erkennen, dass nicht nur Moskau "hypersensibel" sei, so EU-Außenkommissar Javier Solana, sondern dass sich auch europäische Verbündete übergangen fühlen.