Laut "New York Times" wollten die USA heute ihre Einschätzung abgeben - zeitgleich mit der ersten Analyse des Berichts durch den Chef-Waffeninspekteur Hans Blix vor dem UN-Sicherheitsrat. Die zehn nichtständigen Mitglieder des Gremiums erhielten eine stark gekürzte Fassung des Rüstungsberichts. Washington wolle von Bagdad die Bekanntgabe aller Massenvernichtungswaffen fordern, berichtete die "New York Times" unter Berufung auf ranghohe Regierungsbeamte. Laut "Washington Post" will die US-Regierung erst morgen zu dem Dossier Stellung nehmen. Die drei US-Zeitungen stimmten darin überein, dass Washington nicht sofort den Krieg erklären wolle. Vielmehr solle erreicht werden, dass die Uno den Druck auf Bagdad erhöhe. Russland forderte Washington auf, mit der Stellungnahme bis zur endgültigen Analyse der UN-Experten zu warten. Der US-Außenamtsbeauftragte für die Nichtweiterverbreitung von Waffen, John Wolf, informierte laut "New York Times" Chefinspekteur Blix über die Lücken, die US-Experten bei der Überprüfung des irakischen Berichts fanden. Es sei das erste Mal, dass die US-Regierung der UNO solche Informationen geliefert habe. Der auf knapp 3000 Seiten gekürzte Rüstungsbericht wurde am Dienstagabend (Ortszeit) in New York verteilt. Das rund 12 000 Seiten starke Original bleibt den fünf ständigen Mitgliedern des Sicherheitsrates - den USA, Großbritannien, Frankreich, Russland und China - vorbehalten. So soll ein Missbrauch der Informationen über den Bau von Massenvernichtungswaffen verhindert werden. Zudem wurden die Namen ausländischer Firmen gestrichen, die Bagdad in der Vergangenheit unterstützten. Gestern sollten nach Diplomatenangaben auch die künftigen fünf nicht ständigen Ratsmitglieder, darunter Deutschland, ein Exemplar des gekürzten Berichts erhalten. Ein Sprecher des Auswärtigen Amts in Berlin sagte am Mittag, noch liege der Bericht der Bundesregierung nicht vor. Neben Blix wollte auch der Generaldirektor der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), Mohamed el Baradei, vor dem Sicherheitsrat eine erste Einschätzung zu dem Bericht abgeben. UN-Generalsekretär Kofi Annan gab jedoch zu bedenken, dass die eigentliche Auswertung erst später erfolgen könne. El Baradei sagte in einem Interview mit der ägyptischen Zeitung "El Ahram", bislang gebe es "keine Beweise bezüglich der Entwicklung eines Atomprogrammes in Irak seit 1998". Die Waffenkontrolleure setzten ihre Inspektionen in Irak fort und untersuchten erstmals eine auf den Abschuss von Raketen spezialisierte Militäranlage. Laut Uno kontrollierten sie seit Ende November bei insgesamt 100 Einsätzen 80 Einrichtungen. Der Londoner Verteidigungsminister Geoff Hoon erklärte im Rundfunk, Großbritannien werde möglicherweise an einer Militäraktion gegen Irak teilnehmen, ohne vorher das Parlament zu konsultieren. So solle der Zeitpunkt geheim gehalten werden. Sein Ministerium bestätigte Berichte, wonach im Januar ein britischer Flottenverband in die Golfregion auslaufen soll, zu dem auch ein Atom-U-Boot gehören soll. Die Zeitung "Independent" hatte zuvor berichtet, bei einem möglichen Militäreinsatz würden mehr als 40 000 britische Soldaten und rund hundert Panzer zum Einsatz kommen. Insgesamt solle die von den USA angeführte Koalition mehr als 250 000 Mann stark sein. Auch die türkische Armee bestätigte erstmals Vorbereitungen für einen Krieg. Es gebe aber weder "außergewöhnliche" Maßnahmen noch eine Massenmobilisierung. Es handele sich um "Routinevorbereitungen". Zuvor hatte die Presse mehrfach über Truppenbewegungen an der Grenze zu Irak berichtet. Nach türkischen Berichten will das Pentagon 60 000 US-Soldaten nach Nordirak verlegen sowie weitere 30 000 in der Türkei.