Dafür entschieden sich die WASG-Mitglieder in einer Urabstimmung mit der knappen Mehrheit von 51,6 Prozent der gültigen Stimmen. Der Streit mit dem Bundesvorstand und Fraktionschef Oskar Lafontaine geht aber weiter, weil die Parteispitze das Abstimmungsergebnis gestern anders interpretierte und einen gemeinsamen Antritt zur Wahl verlangte. Die Berliner Linkspartei kündigte umgehend den Abbruch der Fusionsgespräche auf Landesebene an.
Nach der Auszählung stimmten 272 Berliner WASG-Mitglieder mit Ja und schlossen sich dem Beschluss von Landesvorstand und Parteitag an, als eigenständige Partei anzutreten. 245 (46,5 Prozent) stimmten mit Nein. Es gab zehn Enthaltungen. 64 Stimmen der 591 abgegebenen waren ungültig. In den meisten dieser Fälle seien Stimmzettel und eidesstattliche Erklärungen nicht in getrennten Umschlägen abgegeben worden, erklärte die Partei. WASG-Vorstand Lucy Redler sagte: "Heute hat der Wahlkampf begonnen."
Der WASG-Bundesvorstand legt das Abstimmungsergebnis anders aus. Ausschlaggebend für die Entscheidung sei die Mehrheit der 591 abgegebenen Stimmen und nicht die Mehrheit der 527 gültigen Stimmen, sagte Bundesvorstandsmitglied Klaus Ernst. Danach hätten nur 41 Prozent für einen eigenständigen Wahlantritt gestimmt. Das sei nicht die notwendige Mehrheit. Die Befürworter eines eigenständigen Wahlantritts "sollten sich nun besinnen" und zur Vernunft kommen. Ansonsten müssten sie sich entscheiden, was sie wollten und "vielleicht einen eigenen Laden aufmachen". Der WASG-Landesdelegiertenrat hatte am 19. Januar "Ausführungsbestimmungen zur Urabstimmung" beschlossen, nach denen eine Entscheidung gefällt ist, "wenn die Mehrheit der abgegebenen gültigen Stimmen auf Ja lautet".
Ernst räumte ein, derzeit seien keine "administrativen Maßnahmen" geplant, falls der Landesverband bei seinem Kurs bleibe. Der Vize-Fraktionsvorsitzende der Linkspartei, Bodo Ramelow, rief alle Mitglieder der Linkspartei und der WASG dazu auf, jetzt am Parteibildungsprozess mitzuwirken und "gemeinsam über Inhalte zu reden".
Der Berliner Linkspartei-Chef Klaus Lederer sagte: "Verhandlungen und Veranstaltungen mit der Berliner WASG finden nicht mehr statt. Wir behandeln die WASG von nun an wie eine normale konkurrierende Partei."
Die Bundespartei hatte entschieden die Zusammenarbeit mit der Linkspartei auch in Berlin gefordert. Bis Mitte 2007 wollen beide Bundesparteien fusionieren. Über diese Frage läuft derzeit auch eine bundesweite Urabstimmung unter allen 12 000 WASG-Mitgliedern. (dpa/roe)