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Was wurde aus Laura und Sascha?

Tiger oder Affen werden abgestoßen, Haustier-Junge geschlachtet, weil in den Gehegen kein Platz ist – immer mehr Zoos, so der Deutsche Tierschutzbund, haben ihre Tierhaltung nicht im Griff. In Fernseh-Magazinen tauchte Hoyerswerda als Negativ-Beispiel auf. Die Stadt wehrt sich gegen die Kritik, ebenso die Leiter anderer Lausitzer Zoos. Von Daniel Preikschat

Immer häufiger kommen Zoos in die Schlagzeilen, weil mit ihren Tieren Schreckliches geschieht. Im Dezember wurde ein Lippenbär-Junges im Leipziger Zoo eingeschläfert. In Recklinghausen erhärtet sich der Verdacht, dass der Tierpark sechs Affen an ein Versuchslabor verschenkt hat. Im Juli musste der Erfurter Tierparkleiter gehen, weil er mehrere Jahre lang heimische Wildtiere erschießen und verkaufen ließ - ohne Erlaubnis vom Veterinäramt.

Tigerfleisch in China begehrt
In der jüngsten Report München-Sendung stand der Zoo Hoyerswerda im Fokus. Tierhändler Werner B. aus Gronau in Niedersachsen soll sechs Tiger aus Hoyerswerda gekauft und nach China ausgeführt haben. Dort seien sie wahrscheinlich geschlachtet worden. Bis zu 10 000 Euro, heißt es in der Sendung, würden in China pro Kilo Tigerfleisch gezahlt. Aber auch auf die Frage nach dem Verbleib von 30 Bären-Jungen und Zwergflusspferd-Nachwuchs Hoyrike bliebe der Zoo eine Antwort schuldig, so der Vorwurf der Film-Autoren.
Die Autoren des Beitrags mit Informationen versorgt hat Frank Albrecht, 39-jähriger Tierrechtler aus Hoyerswerda, der heute in Nürtingen (Baden-Württemberg) lebt. Und auch der MDR stützte sich kürzlich in einem Beitrag über den Zoo Hoyerswerda auf Aussagen Albrechts.
Gegenüber der RUNDSCHAU verweist Frank Albrecht auf Zuchtbücher und Zooführer. In ihnen steht, wann welche Tiere aus Hoyerswerda wohin gingen. So bekam Tierhändler B. aus Gronau das Flusspferd 1992, ebenfalls 1992 die drei Tigerjungen Armin, Arthur und Astor, ein Jahr später weitere drei Jungtiger: Julia, Laura und Sascha. Der belgische Zoo Het Veldhof nahm von 2002 bis 2005 ein Dutzend Fasane aus Hoyerswerda ab, drei Antilopen, zwei Hirsche, einen Esel und zwei Schafe. 2004 und 2005 gingen sieben Nasenbären, zwei Weißbüscheläffchen und ein Luchs nach Spanien. Albrecht ist überzeugt: „Viele der Tiere endeten beim Schlachter oder Präparator.“
Was will Albrecht erreichen? „Aufklärung und ein Ende der Doppelmoral“ , sagt er. Der Zoo dürfe Gästen nicht süße Tierkinder präsentieren, um dieselben dann einem ungewissen Schicksal zu überlassen - und damit auch noch Geld verdienen. So soll der Zoodirektor für jeden Tiger 1000, für das Flusspferd 4000 Mark gefordert haben.
Tierhändler Werner B. will das der RUNDSCHAU auf Nachfrage nicht bestätigen. Er verweigert auch jedes Gespräch über den Verbleib von von ihm erstandenen Tieren aus Hoyerswerda. Hoyerswerdas Bürgermeister Thomas Delling aber zweifelt nicht an dessen Seriosität. Die Stadt hole sich umfangreiche Informationen ein, bevor sie mit Tierhändlern in Beziehung trete. „Natürlich“ , räumt Delling ein, „können wir 2007 nicht den Verbleib von 1993 getauschten Tigern nachvollziehen“ .
Auf Albrecht hingegen ist Delling nicht gut zu sprechen. Der Tierrechtler hat, als er noch in Hoyerswerda wohnte, die Zoo-Tierhaltung unermüdlich angeprangert. Mal wies er auf das fehlende Platzangebot für die Zwergflusspferde hin, mal auf die Pinguin-Anlage, die zu wenig Rückzugsmöglichkeiten biete. Dann wieder erschien Albrecht die Einschläferung eines Grizzly-Bären mysteriös. Mittels Film und Foto hielt der damalige Animal-Peace-Aktivist „Verhaltensstörungen“ bei Leoparden, Tigern, Wölfen, Luchsen, Affen und Bären fest. Mehrfach zeigte Albrecht den Zoo an. Der PDS-Fraktion in Hoyerswerda wurde ihr Mitglied zu aktiv. Sie schloss Albrecht 1999 aus.
Thomas Stolle hingegen, Chef des Stadtverbandes der Grünen in Hoyerswerda, lobt Albrechts Engagement: „Er stellt berechtigte Fragen, bekommt aber immer nur schwammige Antworten.“ Dazu gehöre auch die Frage nach 30 Grizzlybären-Jungen, die in den 80er-Jahren verschwunden sein sollen. Die Grünen wollen nun selbst Fragen stellen.

Verstoß gegen ethischen Code
Und nicht nur sie: Als Reaktion auf die Fernsehbeiträge bekommt die Stadtverwaltung in Hoyerswerda Protest-Zuschriften bis aus Berlin und Österreich, in denen Tierschützer das spurlose Verschwinden von Tieren anprangern.
Der Politische Arbeitskreis für Tierrechte in Europa (Pakt) mit Sitz in Düsseldorf hat sich die Hoyerswerdaer Abgabeliste besorgt und darin die Adresse eines belgischen Großtierhändlers gefunden. „Da kann der Zoo in seinem eigenen Zooführer nicht von anerkannten, zoologischen Einrichtungen sprechen, an die er seine Tiere abgibt“ , empört sich Pakt-Vorsitzender Edgar Guhle. Außerdem verstoße die Einrichtung damit gegen den ethischen Code des Europäischen Zooverbandes, in dem die Hoyerswerdaer Mitglied sind. Auch die Düsseldorfer Tierrechtler fordern, dass der Lausitzer Zoo den Verbleib seines Nachwuchses offenlegt.

Vorwürfe „verleumderisch“
Thomas Delling verspricht dem Stadtverband der Grünen schriftliche Antworten, wird aber gegenüber der RUNDSCHAU nicht konkret. Statt dessen erlaubt sich der Bürgermeister Anmerkungen über Frank Albrecht. Delling zählt ihn „zu der Sorte selbst ernannter, militanter Tierschützer, die alle Zoos am liebsten verbieten würden“ . Die Vermutung, in Hoyerswerda sei der Bären-Nachwuchs geschlachtet worden, nennt Delling „verleumderisch“ , Albrechts Vorwurf des Tierhandels „an Wahn grenzende Fantasien“ .
Thomas Schröder vom Deutschen Tierschutzbund hält die Beobachtungen des Hoyerswerdaers dagegen durchaus für real, wenn er sich die deutsche Zoolandschaft ansieht. „Die Zoos produzieren mehr Nachwuchs als sie Platz haben.“ In ihrer Not würden sie Raubtiere nicht nur an dubiose Zwischenhändler abgeben, sondern auch an Privatleute, die mit ihnen nicht umgehen können. So fiel im vergangenen Jahr in Nordrhein-Westfalen ein privat gehaltener Gepard ein vierjähriges Kind an. In Großräschen (Oberspreewald-Lausitz) fischten Recyclinghof-Mitarbeiter 2004 einen Alligator aus der Abfall-Sortieranlage (die RUNDSCHAU berichtete).
Dr. Jens Kämmerling, in Cottbus Leiter des größten Lausitzer Tierparks mit 1200 Tieren 170 verschiedener Arten, mahnt Sachlichkeit an. Abgabe, Aufnahme und Transport von Zootieren würden Behörden überwachen. Auf die Kritik des Tierschutzbundes entgegnet er: „Unser Zoo stößt nicht an Kapazitätsgrenzen.“ Tiere wild lebender Arten würden nur an wissenschaftlich geleitete Einrichtungen vergeben, in deren Zuchtprogramme die Cottbuser Tiere passen - unentgeltlich.
Die Leoparden-Jungen Talak und Faya zum Beispiel, vor einem Jahr in Cottbus geboren, würden Zoos in Eberswalde und in Stralsund anvertraut. Nach Frankfurt/Main seien Affen aus Cottbus gegangen. Ein Zoo in Mulhouse an der deutsch-französischen Grenze bekomme Malaien-Enten. Weiter jedoch will sich Kämmerling nicht über Anzahl und Arten von Tieren äußern, die im Cottbuser Zoo eintreffen oder ihn verlassen.
Daneben verkauft die Einrichtung Ziegen und Schafe, die im Frühjahr geboren wurden - aber nur an Privatleute mit Haltungsgenehmigung, so Kämmerling. „Die meisten werden zur Wiesenpflege eingesetzt, manche sicher geschlachtet.“ Kämmerling findet das nicht verwerflich. „In Deutschland werden Jahr für Jahr auch Millionen von Schweinen geschlachtet und gegessen.“

Hintergrund Lausitzer Tierparks verkaufen Ziegen und Schafe
Der Tierpark Weißwasser hat nach Angaben von Direktor Gert Emmrich zuletzt 1999 ein Raubtier abgegeben - einen Bären an den Zoo im sächsischen Delitzsch. Danach verließen noch Eulen und Uhus den Zoo als Leihgaben. Ziegen, Schafe, Kaninchen und Meerschweinchen würden regelmäßig an private Halter verkauft.
Im Senftenberger Tierpark , so eine Sprecherin der Stadtverwaltung, würde jeden Herbst Damwild geschossen, um den Bestand zu regulieren. Zudem verkaufe der Tierpark den Ziegen- und Schafnachwuchs an private Halter. Dies geschehe legal mit Kaufverträgen.