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Was verbindet Peggy und die NSU-Mörder?

Bayreuth. Fragen über Fragen – und keine Antworten. Der brisante DNA-Treffer am Fundort der getöteten Schülerin Peggy gibt viele Rätsel auf. Auf die Ermittler kommt nun viel Arbeit zu. Michael Fox

Nach dem spektakulären Fund von DNA-Spuren des mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt am Fundort der getöteten Peggy stehen die Ermittler vor einer Vielzahl ungelöster Rätsel. Ungeklärte Straftaten sollen neu aufgerollt werden. Die Thüringer Polizei zog Konsequenzen: Eine Sonderkommission soll ungeklärte Fälle von Kindstötungen seit 1990 neu untersuchen. Geklärt werden muss auch, ob möglicherweise eine Verunreinigung den brisanten DNA-Treffer ausgelöst haben könnte.

"Dass jetzt der Verdacht besteht, dass einer der NSU-Terroristen der Mörder der kleinen Peggy sein könnte, ist unfassbar", sagte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) am Freitag in Wiesbaden. Peggys Mutter zeigte sich "tief erschüttert" über den brisanten Fund. "Meine Mandantin benötigt Zeit, diese neuen Entwicklungen zu verarbeiten", teilte ihre Anwältin Ramona Hoyer mit.

Der Vorsitzende des NSU-Untersuchungsausschusses im Bundestag, Clemens Binninger (CDU), forderte eine "Generalrevision" der DNA-Spuren im NSU-Komplex. "Der Generalbundesanwalt und das Bundeskriminalamt müssen sich noch mal den vielen anonymen Spuren an den NSU-Tatorten widmen", sagte er. Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) kündigte an, die Akten zu einem ungeklärten Kindsmord aus den 1990er-Jahren komplett neu überprüfen lassen zu wollen. Damals seien "Herr Böhnhardt und sein Name schon einmal im Visier" gewesen, sagte er in Berlin. Und Thüringens Innenminister Holger Poppenhäger (SPD) erklärte: "Jetzt ergibt sich durch den Fund die Chance, bei den wenigen unaufgeklärten Fällen den Faden wieder aufzunehmen." Die Sonderkommission bei der Landespolizei Jena soll ihre Arbeit am kommenden Montag beginnen und mit der Staatsanwaltschaft Gera zusammenarbeiten. Nie gefasst wurde auch der Mörder der zehnjährigen Ramona Kraus aus Jena-Winzerla, die im August 1996 verschwand. Im Januar 1997 wurde in einem Waldstück bei Eisenach die Leiche des Mädchens entdeckt.

Am Donnerstag war bekannt geworden, dass am Fundort der Skelettteile der 2001 verschollenen Peggy aus Oberfranken Genmaterial von Böhnhardt entdeckt worden war. Dieses habe sich an einem Gegenstand befunden. Der Spurenträger sei im Juli "in direktem Zusammenhang" mit der Entdeckung der Skelett-Teile gefunden worden, berichtete der Leitende Oberstaatsanwalt Herbert Potzel in Bayreuth. Der brisante DNA-Treffer sei aber erst diese Woche bekannt geworden, teilte Polizeisprecher Jürgen Stadter mit.

Die Rechtsmedizin der Universität Jena schloss eine zufällige Übertragung der DNA Böhnhardts auf die sterblichen Überreste Peggys am eigenen Institut aus. Nach Angaben der für den Fall Peggy zuständigen Staatsanwaltschaft Bayreuth muss aber weiter geprüft werden, ob der DNA-Treffer möglicherweise durch eine Verunreinigung ausgelöst wurde. Nach BKA-Angaben wurde an Kindersachen aus dem im Jahr 2011 ausgebrannten Wohnmobil der mutmaßlichen NSU-Terroristen keine DNA von Peggy entdeckt. Die Neunjährige war im Mai 2001 im nordbayerischen Lichtenberg auf dem Heimweg von der Schule verschwunden. Klar ist für die Ermittler, dass der Fundort der Skelettteile nicht der Tatort war. Wie lange Peggy nach dem Verschwinden noch gelebt hat, war aber unklar. Der Rechtsextremist Böhnhardt gehörte dem "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) an. Mit seinem mutmaßlichen Komplizen Uwe Mundlos soll er jahrelang unerkannt gemordet haben - hauptsächlich aus fremdenfeindlichen Motiven. Die mutmaßliche Mittäterin Beate Zschäpe muss sich seit fast dreieinhalb Jahren vor dem Münchner Oberlandesgericht verantworten.

Mehrere Opferanwälte und Mitglieder diverser Untersuchungsausschüsse in Landtagen und im Bundestag warfen Fragen auf oder kündigten Beweisanträge an. Dabei geht es etwa darum, was Zschäpe zum Fall Peggy sagen könnte.