Jetzt ist eine interdisziplinäre Forschergruppe, bestehend aus Medizinern, Ingenieuren und Physikern der BTU Cottbus-Senftenberg, der Universitätskliniken der Ludwig-Maximilian-Universität und der Technischen Universität München, zu einer bahnbrechenden Erkenntnis gelangt. Die Wissenschaftler konnten nachweisen, dass die Symptome Übelkeit und Erbrechen nach Operationen, bei denen Opioide als Schmerzmittel verabreicht werden, aus einem einfachen Grund auftreten. Den Forschern zufolge handelt es sich um eine an sich harmlose Bewegungskrankheit.


"Das Problem der postoperativen Übelkeit ist so alt wie die Medizin selbst", sagt Prof. Erich Schneider vom Senftenberger Campus der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) gegenüber der RUNDSCHAU. Die Medizin habe letztlich darauf gewartet, dass nach vielen Erklärungsversuchen in der Vergangenheit ein wissenschaftlicher Nachweis für die Ursache der Übelkeit nach Operationen gelingt.

Für Prof. Schneider, der in Senftenberg Leiter des Studiengangs Medizininformatik ist, heißt nun die erste erfreuliche Botschaft an betroffene Patienten: "Der Grund für die Übelkeit ist harmlos. Sie wird durch Kopfbewegungen ausgelöst." Bei einer Seekrankheit passiere etwas ganz Ähnliches: Das Schwanken des Schiffes störe dort den Gleichgewichtssinn des Menschen und löse Übelkeit aus. "Die zweite gute Botschaft lautet: Die heftigen Symptome bleiben aus, wenn Kopfbewegungen vermieden werden", sagt Schneider. Die Erkenntnisse der Wissenschaftler sind am 14. März in einem Aufsatz in der Fachzeitschrift "PLoS One" veröffentlicht worden. Dort heißt es: "Wir konnten aufzeigen, dass Kopfbewegungen Übelkeit auslösen, unabhängig davon, ob mit offenen oder geschlossenen Augen."

Grundlage der neuen Forschungsergebnisse ist eine neue diagnostische Methode zur gleichzeitigen Messung von Augen- und Kopfbewegungen. Diese hat Professor Schneider in Zusammenarbeit mit Nadine Lehnen, ebenfalls Professorin an der BTU, seit 2008 entwickelt und in den letzten Jahren zur Produktreife gebracht. Durch dieses objektive Verfahren konnte nachgewiesen werden, dass die bei einer Operation zur Schmerzlinderung eingesetzten Opioide die Funktion des Gleichgewichtssinns beeinträchtigen. Diese Störung ist ursächlich für Übelkeit und Erbrechen.

Bislang war vermutet worden, dass die Wirkung der Opioide auf das Brechzentrum im Hirnstamm für die unerwünschten Nebeneffekte verantwortlich und ausschlaggebend sei. Auch gab es Vermutungen zu einem Zusammenhang damit, ob die Patienten nach einer OP die Augen offen oder geschlossen halten. Beide Vermutungen sind nun widerlegt. Stattdessen ist es allein die Kopfbewegung nach der Operation, die die Übelkeit auslöst.

Nun stehen die Wissenschaftler vor der neuen Aufgabe, wie das Aufwachen von Patienten nach Operationen geschehen kann, ohne durch Kopfbewegungen die Übelkeit auszulösen. Für den Senftenberger Informatik-Professor ist es bei geringer Dosis der Opioide relativ einfach, den Patienten im Aufwachprozess auf das Ruhighalten des Kopfes hinzuweisen.

Gemeinsam mit Professorin Annemarie Jost von der Sozialpsychiatrie auf dem Sachsendorfer Campus der BTU in Cottbus hat das Forscherteam um Erich Schneider einen Förderantrag gestellt, um jetzt zu untersuchen, wie das postoperative Management der Patienten in der Pflege verbessert werden muss, damit die Übelkeit nicht mehr auftritt.

Am BTU-Institut für Medizintechnologie auf dem Campus Senftenberg arbeitet die interdisziplinäre Forschergruppe unterdessen an der Weiterentwickelung der Methode zur Messung von Augen- und Kopfbewegungen. Für Professor Schneider ist denkbar, das System als diagnostisches Instrument in der klinischen Routine auch für andere Patientengruppen zu etablieren: etwa für Patienten mit neurodegenerativen Krankheiten.

Zum Thema:
Nach einer Operation beträgt die Häufigkeit von Übelkeit und Erbrechen rund 20 bis 30 Prozent, womit diese neben Schmerzen die wichtigsten postoperativen Nebenwirkungen darstellen. Bei knapp acht Millionen durchgeführten Anästhesieverfahren sind damit allein in Deutschland mehr als zwei Millionen Patienten von diesem Problem betroffen. Für das subjektive Befinden wird in der Medizin die Vermeidung postoperativer Übelkeit von Patienten noch wichtiger als die postoperative Schmerztherapie bewertet.