Wer wird denn sonst noch so stark gefragt in der Ukraine-Krise, welches Land steht denn außer Italien sonst noch so im Zentrum der Flüchtlingsbewegungen, wer ist denn der stabile Anker und Reformtreiber im krisenhaften Euroraum?

Früher verhielt sich Deutschland immer wie ein wirtschaftlicher Riese, der sich diplomatisch am liebsten verkriechen möchte. Das hat sich deutlich geändert. Vor allem Bundeskanzlerin Angela Merkel und Außenminister Frank-Walter Steinmeier haben sehr eindrucksvoll gezeigt, was mehr Verantwortung in der Praxis bedeutet. Die Krim-Krise, das iranische Atomprogramm, die internationale Anti-IS-Koalition, Ebola. Deutschland hat vermittelt, hat koordiniert, hat Auswege gesucht, hat geholfen. Und zwar an führender Stelle, oft als Impulsgeber. Dazu das Zusammenhalten Europas. Die Berliner Regierung hat sich nicht von den antieuropäischen Stimmungen anstecken lassen, von der unseligen Pkw-Maut abgesehen nicht einmal in Wahlkämpfen.

Anderes jedoch ist noch längst nicht stimmig. Das noch gültige Weißbuch zur Sicherheitspolitik stammt von 2006, die verteidigungspolitischen Leitlinien wurden 2011 verfasst. Beide Texte, die die Grundlagen deutscher Außen- und Sicherheitspolitik markieren, beschreiben den internationalen Terrorismus und den Zerfall von Staaten als Hauptgefahren, auf die man sich einzustellen habe. Schon das ist noch längst nicht ausreichend umgesetzt. Die kleinen Militäreinsätze in Mali, im Nordirak und zur Ebola-Bekämpfung haben auf geradezu peinliche Weise bloßgelegt, wie schlecht der Ausrüstungszustand der Bundeswehr ist. Eine international bedeutende Macht kann sich zwar zurückhaltend verhalten, Deutschland muss das sogar. Aber überhaupt keine Muskeln haben, also handlungsunfähig sein, das darf sie nicht. Mindestens bei diesem Etatposten dürfte in den nächsten Jahren die Friedensdividende ausfallen, mit entsprechenden innenpolitischen Debatten.

Sie entfällt sowieso, denn auch die direkte Bedrohung Europas ist zurückgekehrt. Sie wurde in den bisherigen Grundsatzpapieren geradezu ausgeschlossen. Nun jedoch erklärt Russland dem Westen immer offener seine Rivalität und zettelt bereits lokale Kriege an. Und wohin ein immer despotischerer Erdogan um sich schlagen wird, ist auch noch nicht ausgemacht. Die nach der Befreiung des Ostblocks vom Sozialismus gefundene friedliche Nachwendeordnung des Kontinents ist jedenfalls wieder in Gefahr. Sie zu erhalten, wird die zentrale neue Herausforderung im kommenden Jahr sein.

Anderes bleibt als Aufgabe. Die Euro-Stabilisierung, erst recht, wenn der Problemfall Griechenland nun wieder neu aufpoppen sollte. Eine internationale Nordafrika-Strategie muss sehr schnell her, inklusive des Umgangs mit den Flüchtlingsströmen. Noch mehr Abschottung wird nicht die richtige Antwort sein, nicht für ein so vom internationalen Austausch abhängiges Land wie Deutschland. Dazu kommt der globale Klimaschutz, für den 2015 ein entscheidendes Jahr und in dem Deutschland ein wichtiger Taktgeber ist, einfach weil es technologisch hier Vorreiter ist.

2015 ist außenpolitisch also wahrscheinlich noch herausfordernder als das abgelaufene Jahr. Die Demokratien der Welt werden schneller als bisher zu gemeinsamen Antworten finden und sich besser koordinieren müssen. Und Deutschland muss in diesem Gefüge seiner Bedeutung gemäß aktiv mitarbeiten. Nicht mehr. Aber ganz sicher auch nicht weniger.