Geboren wurde Gottfried Hain 1956 im oberschlesischen Novy Bytom, schon wenige Monate später aber zog seine Familie um nach Luckau. „Die älteren Schwestern sprachen deutsch nur mit Akzent, schon dadurch spürte man unser Anderssein. Eine ganz feine Grenze. Es gab in Luckau einen ,Hainweg‘. Meine Schwester las daraus ,Hain weg!‘“
Fremd. Nie so ganz dazugehören, zumindest an der Schwelle knapp unter der bewussten Wahrnehmung. „Manchmal habe ich mir schon gewünscht, so zu sein wie alle. Auch zu den Pionieren zu gehen oder in die FDJ. Denen zu zeigen, dass ich auch ein guter Staatsbürger bin.“
Aber der gläubige Christ war eben doch stets auf einem anderen Weg. Ein wenig einsamer vielleicht als andere, gewiss ein wenig stärker. So jedenfalls sieht er selbst es heute - „Wer Fremdheit kennt, kann auch aus ihr eine eigene Kraft ziehen. Und noch viel mehr natürlich aus dem Erleben von nicht selbstverständlicher Nähe.“
Gottfried Hain machte im Chemiefaserwerk Guben seinen Facharbeiter, wechselte dann ins Gesundheitswesen. „Ich ließ mich als Pfleger ausbilden, machte das Abitur nach und fing dann ein Theologie-Studium an.“
Nach zwei Semestern war Schluss - die Armee rief. Nach seiner Zeit als Bausoldat arbeitete Hain als OP-Pfleger im Gubener Wilke-Stift. „Das ist so ein Punkt“ , sagt er, „da könnte man ja eigentlich hadern mit dem Schicksal. Durch seinen Glauben ausgebremst zu sein in der beruflichen Entfaltung. Und doch liegt in dieser Lebensphase eben auch die Wurzel für meine spätere Arbeit. Ich hatte genügend freie Zeit und Kraft, um mich ehrenamtlich der Jugendarbeit zu widmen. Und als sich dann mit der Wende eine Tür öffnete, aus diesem Engagement einen Beruf zu machen, hatte ich tatsächlich auch das nötige Potenzial dafür.“
Sozialamt und Sozialdezernat übernahm er zu Beginn der 90er. „Ich musste nichts abwickeln, keine Leute entlassen. Ich konnte etwas aufbauen. Mit Menschen, die Lust auf diese Arbeit hatten, die sich mit mir auf ,Entdeckungsreise‘ begaben.“ Netzwerke knüpfen, Verbände und Vereine gründen, das Zusammenspiel sozialer Strukturen fördern - in den Zeiten der damals noch volleren Töpfe eine angenehme Aufgabe. Sympathiepunkte aus jener Tätigkeit waren es sicher auch, die ihm zur Kandidatur und zum Wahlsieg als Bürgermeister der Neiße-Stadt verhalfen. Am 1. Februar 1994 trat er seinen Dienst im Gubener Rathaus an, auf den Tag genau acht Jahre sollte er ihn wahrnehmen. Das Soziale auch während dieser Zeit mit hohem Stellenwert. „Ein Staat muss immer wieder definieren, welche Aufgaben er zur Pflicht erklärt - und dann muss man schauen, was für die Kür übrig bleibt.“ Völlig legal beispielsweise könne man ja als Kommune Pflichtaufgaben wie die Kinderbetreuung an freie Träger übergeben. Freie Träger können so ihr Überleben absichern - und neben dem Kerngeschäft weitere soziale Dienste anbieten, die der Staat in vergleichbarer Qualität eben nicht mehr leisten kann.
Gottfried Hain redet sich warm bei diesem Thema und es führt ihn fast zwangsläufig zum zweiten großen Schwerpunkt seiner Amtszeit. Die Versöhnung zwischen Guben und Gubin, Brückenschläge, Zusammenwachsen, darum hat er gekämpft - und dafür auch wurde er wohl letztlich von den Wählern abgestraft.
Versöhnung als Konsequenz aus dem eigenen Vertriebenen-Schicksal„ Hain lächelt, denkt kurz nach. „Erst in zweiter Linie und wohl eher unbewusst. Eigentlicher Motor ist ein ganz schlichter christlicher Ur-Reflex. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Verhilf ihm zu dem, was du dir auch für dein eigenes Leben wünschst.“ Manchen in Guben war das zu viel des Guten und auch er selbst musste lernen, dass Wachsen, auch Zusammenwachsen, Zeit braucht, Kraft kostet, auch Wachstums schmerzen. „Aber ich bin guter Hoffnung. Ein Unternehmer hier aus der Gegend sagte neulich einfach: In zehn, fünfzehn Jahren wird das schon werden. Und diese Perspektive ist doch gar nicht schlecht.“
Und er selbst“ Gottfried Hain, erst seit einigen Jahren und nicht immer unumstrittenes SPD-Mitglied, hält sich aus dem politischen Geschäft weit gehend heraus. Verwaltungsdirektor des Wilke-Stiftes ist er heute, „auch eine Tür, die sich ganz überraschend für mich geöffnet hat. Hier kann ich machen, was ich mir für die Zeit nach dem Rathaus immer gewünscht hatte - etwas für den Erhalt von Arbeitsplätzen tun, um letztlich dienstbar für die Menschen hier zu sein.“
Bei 300 konnte er die Mitarbeiter-Zahl des Stiftes stabilisieren, freut sich auf die Ansiedlung von sechs Arztpraxen im Stift. „Wo wir doch vor einigen Jahren noch Angst hatten, dass wir die ambulante medizinische Versorgung in Guben und Umgebung nicht mehr komplett absichern können, ist das schon ein schöner Erfolg.“
Diesen Erfolg will er halten, ausbauen vielleicht, auf jeden Fall bleiben im Wilke-Stift. „Ich weiß ja, wie schnell sich Dinge ändern können. Aber ich bin ganz ruhig. Ich habe schon so oft erfahren, dass da wirklich jemand ist, der über mich wacht. Und das ist ein gutes Gefühl.“
Ach ja, eine Geschichte ließe sich noch erzählen über Gottfried Hain - die eines begeisterten Familienvaters, hinter dem, wie er gern betont, eine wirklich starke Frau steht. Mit sieben leiblichen und drei Pflegekindern führt er sicher ein ziemlich turbulentes und aufregendes Familienleben - aber welcher Weg wäre für einen wie ihn besser geeignet, um sich einen sicheren Lebensrahmen zu schaffen als eine große Familie?