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Was macht eigentlich Friedrich Freiherr von Dellingshausen?

Stellt man sich vor, man hätte ein halbes Leben damit verbracht, sich gegen einen mächtigen Gegner zu wappnen – um dann sehr plötzlich genau diesen Gegner ins Herz schließen zu müssen, dann ahnt man, wie sich Friedrich Adolph Freiherr von Dellingshausen gefühlt haben muss, als er vor genau 15 Jahren zum ersten Mal vor dem Cottbuser Panzerregiment stand. Von andrea hilscher

Dellingshausen nämlich war Berufssoldat West - und kam am 2. Oktober 1990 in die Lausitz als Zuständiger für die Integration der Streitkräfte Ost. Eine Geschichte, wie sie fast schon als Vorlage für einen Roman dienen könnte. Dellingshausens Familie stammte aus dem Osten, flüchtete, wie er sagt, 1950 in den Westen. Und schon sehr früh keimte in dem jungen Freiherren der Wunsch, zur Armee zu gehen. „Das Soldatische lag mir, das gehört schon dazu. Aber es war auch eine klar politisch motivierte Berufswahl. Spätestens den Ungarnaufstand 1956 habe ich als Fanal begriffen, ich wollte dem etwas entgegenzusetzen haben, die weitere Ausbreitung des Kommunismus verhindern helfen.“
Friedrich von Dellingshausen also schlug die Offizierslaufbahn ein, übernahm diverse Führungsaufgaben an süddeutschen Standorten, wechselte später ins Bonner Verteidigungsministerium. "Im September 1990 wurde ich gefragt, ob irgendetwas dagegen spräche, dass ich im Osten Dienst tue. Na, am 2. Oktober landete ich jedenfalls auf dem Flughafen Dresden und lernte mein neues Team kennen. Lauter fremde Offiziere und Unteroffiziere, mit denen ich das Cottbuser Regiment führen sollte.

Misstrauen und altes Feindbild
Mit offenen Armen sei er nicht gerade empfangen worden, sagt er, zu groß sei das Misstrauen und wohl auch das alte Feindbild gegen den Imperialismus gewesen. „Aber die Armee der DDR war ja quasi über Nacht führungslos geworden. Da gab es also schon eine gewisse Dankbarkeit, dass jetzt überhaupt jemand eine Richtung vorgab.“
Diese Richtung, und das machte die Aufgabe nicht einfacher, hieß Auflösung. „Es war von Anfang an klar, dass es strategisch keinen Sinn hat, das Panzerregiment in Cottbus zu erhalten. Da mussten wir allen gleich reinen Wein einschenken. Wer gehen wollte, dem halfen wir dabei, die anderen bekamen zwei Jahre Probezeit und wer sich dabei bewährte, durfte bleiben.“
Wobei im Oktober 1990 wohl niemandem wirklich bewusst war, wie tief tatsächlich die Unterschiede zwischen Soldat Ost und Soldat West gewesen sein müssen. Dellingshausen: „Dabei geht es gar nicht so sehr um die Ausstattung, da war uns der Warschauer Pakt an mancher Stelle sogar überlegen. Aber die innere Struktur war eine andere. Bei uns Kameradschaft als Soldatenpflicht, im Osten eher die starke hierarchische Trennung zwischen den Führungsebenen. Bei uns wurde ein Auftrag erteilt, der Weg zu diesem Ziel aber war offen. Im Osten wurde jeder Schritt vorgegeben und peinlich genau eingehalten.“ Stolz spricht bis heute aus diesen Worten und auch eine klare Überzeugung von der Richtigkeit und Wichtigkeit der bundesrepublikanischen Armee. „Wir waren unserem Wesen nach streng defensiv, der Osten bis weit in die 80er-Jahre hinein auf Angriff ausgelegt. Es war schon seltsam, sich die Kriegskarten anzusehen, die den Weg von Cottbus über Frankfurt bis nach Bonn wiesen . . .“
Doch bis dahin, da ist sich der Oberst a.D sicher, bis dahin wäre die NVA nicht gekommen. „Wir haben die einfach die ganzen Jahre überschätzt. Wir waren klar die Besseren.“ Natürlich weiß auch er, dass andersrum ehemalige NVA-Offiziere bis heute ihre Überlegenheit beschwören. „Aber sei's drum: Das Prinzip der gegenseitigen Abschreckung hat ja glücklicherweise bestens funktioniert.“
Als aus Schrecken Annäherung geworden war, wuchs bei dem Kommandeur die Neugier auf den Osten. Er suchte und fand engen Kontakt zu den Lausitzern, engagierte sich im Sportclub und bei den Boxern. „Es war eine sehr spannende und lehrreiche Zeit,“ sagt er heute. „Ich komme noch immer gern zurück und gucke mir an, was sich alles verändert hat. Das Äußerliche, das ist alles wunderschön geworden. Nur innen, die Substanz, die wirtschaftliche Entwicklung - alles traurig.“

Unterwegs für die Johanniter
Nach wenigen Monaten war seine Nach-Wende-Arbeit in Cottbus jedenfalls getan, das Panzerregiment gehörte endgültig der Vergangenheit an.
Doch Dellingshausen wollte dem Osten treu bleiben. Nach einer Zwischenstation in Ellwangen arbeitete er bis zu seiner Pensionierung 1996 in Chemnitz. Und heute„
Heute ist er, sozusagen, unterwegs im Auftrag des Herrn. Ordensritter der Johanniter, seit nunmehr fünf Jahren. Ein Full-Time-Job. Offiziell zuständig für Personalfragen, eigentlich aber „Mädchen für alles“ , von der Aufarbeitung der Historie bis zum Veranstaltungsmanagement. „Ich weiß ja, mit 67 sollte man so langsam ans Aufhören denken, aber es ist gar nicht so leicht, einen geeigneten Nachfolger zu finden.“ Es müsste einer sein, der wie Dellingshausen, von dem Gehalt der Johanniter nicht unbedingt eine Familie ernähren muss. Einer, der sich mit Personalfragen auskennt und mit Organisation, einer der gut schreiben kann, Mitarbeiter führen, Veranstaltungen ausrichten, einer, der nicht nach Urlaub und geregelten Wochenenden fragt. Einer mit christlich-preußischer Prägung eben.
„Na, ich denke, in einem Jahr ist es wohl so weit, dann gehe ich endgültig in den Ruhestand.“ Und was macht ein Soldat a. D. dann“ „Umziehen vielleicht - es gibt so viele schöne Plätze in Deutschland, an denen ich noch nicht gelebt habe . . .“