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| 08:30 Uhr

Was macht eigentlich Christa Rothenburger-Luding?

Es gibt nicht viele Menschen aus der Lausitz, die es zu einem Eintrag in die ehrwürdige "Encyclopaedia Britannica" gebracht haben. Christa Rothenburger-Luding allerdings hat es geschafft – sie gilt bis heute als "erste und einzige Person der Welt, die bei Sommer- und Winterspielen eines Jahres olympische Medaillen gewonnen hat." andrea hilscher

Kein Stäubchen auf den Stilmöbeln im behaglichen Wohnzimmer, einige Familienbilder, Gläser, Bilder. Nichts in diesem Raum weist darauf hin, dass er von einer Ausnahme-Sportlerin bewohnt wird.

Christa Rothenburger-Luding, heute 45, gewann für die DDR fünf Olympia-Medaillen im Eis-Sprint und Rad-Sprint. Nach der Wende feierte sie mit einer Bronze-Medaille in Albertville ein sensationelles Come-back. 1992 verabschiedete sich die siebenfache Weltrekordhalterin als Dritte der Sprint-WM in Oslo von ihrer Sportler-Karriere. "Ich hatte keine Lust mehr", sagt sie. "Ich war seit zwei Jahren Mutter, hatte den Kopf nicht mehr frei fürs Training."

27 Jahre zuvor hatte in Weißwasser begonnen, was in Oslo ein Ende fand. Christa, damals sechs Jahre alt, fand den Weg aufs Eis. "Mir hat’s gefallen – und ich kam durch das Training um den Mittagsschlaf im Kindergarten rum."

Ganz nach oben Zunächst beim Kunstlauf, wechselte sie einige Jahre später zum Schnelllauf. Alles, was es an Preisen zu gewinnen gab, räumte Christa Rothenburger ab. Als sie 13 war, stand der Wechsel zur KJS nach Berlin an, "aber irgendetwas in meiner Kaderakte stimmte nicht. Nicht schlimm, so konnte ich die Jugendweihe noch in Ruhe zu Hause feiern." Dann aber kam ein Anruf aus Dresden, ob sie nicht dort trainieren wolle. "Die Lust, aus mir was zu machen, war größer als das Heimweh", sagt sie heute. Trainer Ernst Luding nahm das junge Talent unter seine Fittiche. Die beiden hatten Erfolg. Spartakiaden, DDR-Meisterschaften, dann Bronze bei der WM. "Und wenn man einmal auf dem Treppchen gestanden hat, will man auch ganz nach oben. Erfolg macht süchtig. Dieses unbeschreibliche Gefühl, wenn die Hymne gespielt wird, man stolz ist und weiß, dass zu Hause alle an den Fernsehern hängen." Sie genoss den Sport, sie genoss die Privilegien ("wir durften sogar regelmäßig nach Davos, um die Produktion unserer Blutkörperchen anzukurbeln"), ihr Ehrgeiz hatte mittlerweile jedoch noch eine andere Komponente – aus dem Trainer Ernst Luding war auch der Ehemann geworden. Und das Gehalt des 17 Jahre Älteren war abhängig von den Medaillenerfolgen seiner Frau. "Ein kapitalistisches System", lacht sie, "aber ich habe diesen ganzen Druck ja gewollt."

Anders als beispielsweise Kati Witt ("die musste unschöne Szenen mit ihrer Trainerin verkraften") sei es bei den Sprinterinnen glücklicherweise immer nur um Zeiten, niemals aber um Schönheit gegangen.

Da sie aber dennoch unter einem DDR-internen "Zickenkrieg" mit ihrer ewigen Rivalin Karin Kania litt, wollte sie sich denn doch einen ganz besonderen Erfolg gönnen – sie trainierte nebenbei auf eine Medaille im Rad-Sprint und holte – siehe oben – innerhalb eines Jahres in ihren beiden Disziplinen olympisches Metall.

Schier unglaubliche Leistungen – die immer wieder auch die Frage nach Doping aufwerfen. Ein Thema, über das Christa Rothenburger-Luding nicht gern spricht. "Ist doch Blödsinn. Ich bin sommers wie winters so häufig getestet worden, wann hätte ich da was nehmen sollen?"

Nach ihrem grandiosen Erfolg legte die damals 30 Jahre alte Sportlerin eine Pause ein, Schwangerschaftsurlaub. "Da saß ich mit einem dicken Bauch hier in Dresden, irgendwo weit weg fiel die Mauer und ich war froh, dass ich jetzt auch ohne den Sport mal raus könnte aus der DDR."

Wende-Sorgen. Das kleine Kind, der Verlust des Arbeitsplatzes als Wirtschaftskauffrau. Auch die Trainer-Existenz ihres Mannes stand auf tönernen Füßen. "Um ihn zu unterstützen, habe ich mich breitschlagen lassen und noch mal angefangen mit dem Sport." Bis 1992.

Heute, 13 Jahre später, führt sie ein Leben, in dem nur noch wenig an früher erinnert. "Wir haben ein kleines Transportunternehmen aufgebaut. Mein Mann kümmert sich um die zehn Fahrer, repariert alle Lkw selbst. Ich mache das Büro." Zwei Söhne hat sie, zehn und 14 Jahre alt. "Beide machen Leichtathletik, da hängt ihnen der Name nicht so nach." Sie würde es gerne sehen, wenn beide sich stark im Leistungssport engagieren. "Aber beim Großen gibt es nur zwei Trainer für 240 Sportler – da kann nichts werden."

Die Sorge um die Zukunft der Kinder, der Zusammenhalt der Familie, die Firma – beherrschende Themen im Leben der Christa Rothenburger. Es fehle ihr nicht, im Mittelpunkt zu stehen, zu siegen oder ein bisschen hofiert zu werden. "Aber manches war früher angenehmer für mich." Mehr Warmherzigkeit habe es gegeben, ein größeres Zugehörigkeitsgefühl. Heute sei, obwohl die Zeiten doch eigentlich freier sein sollten, mehr Angst zu spüren. "Die Menschen geben weniger von sich preis als früher." Von den populären Ostalgie-Shows allerdings hält sie wenig ("man sollte nichts verherrlichen"), auch historische Analysen mag sie sich im Fernsehen nicht anschauen. "Es ist ja mein Leben, um das es da geht, das mag ich mir von niemandem erklären lassen."

Kämpfe des Alltags Ab und an holt sie ihre alten Medaillen vor, träumt von einer Reise nach Calgary, den Ort ihres größten Triumphes – und kämpft die gleichen Alltagskämpfe wie Jedermann, auch in Sachen Sport. "Ich bin faul geworden. Mein Ergometer guckt mich an, ich gucke zurück, mehr Kontakt haben wir nicht . . ."
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Stichwort: Kinder- und Jugendsportschulen KJS

Seit Staatsgründung der DDR wurde dem Leistungssport große Bedeutung eingeräumt: Identitätsstiftung nach innen, Imagepflege nach außen sollten durch internationale Erfolge erzielt werden.

1952 wurden die Kinder- und Jugendsportschulen gegründet. Strenge Auswahlkriterien führten Sportler auf Internaten zusammen. Erfolg: Die DDR belegte ab Mitte der sechziger Jahre international stets vordere Plätze.

Nach der Wende häuften sich Belege für intensives Doping . Allein in der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele 1984 und 1988 führt die DDR-Statistik laut einer Studie der Uni Potsdam jährlich zwischen fünf und neun Todesfälle in der Altersgruppe zehn bis 20 Jahre an.

Die sportlichen Erfolge der DDR sind nicht allein durch das Doping und die Motivation erklärbar, sondern auch durch die Strukturen des DDR-Sportsystems. Der Deutsche Sportbund hat das 2000 erkannt und setzt seitdem auf Eliteschulen. Die Zahl der Sportschulen wurde in Westdeutschland auf 17 aufgestockt, 21 stehen im Osten, unter anderem in Cottbus.
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